Berlin-Wahl

19-Jähriger will mit Partei der Wähler ins Abgeordnetenhaus

Erik Koszuta will die Gesellschaft verändern - angefangen mit den Schulen. Der Plan: mit seiner Partei bei der Berlin-Wahl antreten.

Der 19-Jährige Moderator, Autor und Jungpolitiker Erik Koszuta. Hier vor einem Café nahe des Görlitzer Parks, das mit einem Bild von Martin Luther King wirbt .

Der 19-Jährige Moderator, Autor und Jungpolitiker Erik Koszuta. Hier vor einem Café nahe des Görlitzer Parks, das mit einem Bild von Martin Luther King wirbt .

Foto: Frank Lehmann

Erik Koszuta wirkt wie jemand, der gut klar kommt im Leben. Aus dem jungenhaften Gesicht mit der dunkelblonden Haartolle schaut er mit offenem Blick auf die Welt um ihn. Doch da gibt es einiges, das ihm nicht gefällt. Das Bildungssystem etwa, das dazu beiträgt, dass Menschen sich allein über ihre Berufe definieren, das Angstgetriebene, das viele entgegen ihren Neigungen in Karrieren verharren lässt, die sie unglücklich machen. „Was machst Du?“ sei immer noch eher die Frage als „Wer bist Du?“. Dagegen will der 19-Jährige etwas tun, als Moderator, Autor und auch als Politiker.

Alle zwei Monate organisiert er in der Kreuzberger „Forum Factory“ sogenannte Open Talks, eine Diskussionsreihe zu gesellschaftlichen Themen, bei denen Experten nach einer Vorstellungsrunde direkt mit einzelnen Besuchern in die Diskussion gehen. Eine Partei hat der Köpenicker, der inzwischen in einer WG in Friedrichshain lebt, auch gegründet. Wenn alles klappt, möchte er mit seiner PdW („Partei der Wähler“) bei der Abgeordnetenhauswahl im September antreten.

„Warum mache ich das?“, ist die Frage, die ihn antreibt

Erik sitzt entspannt in Jeans und T-Shirt im Café. „Mir geht es gut, mit dem was ich mache“, sagt er selbstbewusst, „und ich möchte, dass es mehr Menschen so geht.“ Das war in seiner Schulzeit anders. Nach zehn Jahren auf einer Freien Montessori-Schule war die Oberstufe, die ihn zum Abitur führen sollte, ein Schock für den damals 16-Jährigen, der sich zuvor als Schulsprecher und Moderator beim offenen Kanal Alex locker behaupten konnte. Der Frontalunterricht, der 45-Minuten-Takt, der plötzliche Druck – das war nichts für ihn. „Ich ging da unter und wurde immer kleiner“, sagt er rückblickend. Er beschloss, die Schule zu verlassen. „Warum mache ich das?“ ist seitdem die Frage, die ihn antreibt.

„Ich will selbstbestimmt durchs Leben gehen“, sagt er, „und ich will die Welt etwas besser machen.“ Nach einer Moderatoren-Ausbildung an der Deutschen Popakademie in Berlin arbeitet er seit Oktober als freier Moderator bei Kiezpopcorn – einer Onlineplattform, auf der nachhaltige Projekte vorgestellt werden. Er führt Bildungsseminare für Bufdis durch und organisiert seine Open Talks, die am heutigen 4. März in ihre vierte Runde gehen. Nach einem Auftakt zum Thema neue Energien, zu dem er als Moderator eingeladen war, entwickelte er das Format, „das als Diskussionsforum Impulse geben soll“, wie er sagt. „Ich möchte Leute vernetzen, die Ideen haben und Neues entwickeln“.

„Neue Bildung für ein neues Wirtschaftssystem“

Ein Vorbild für ihn ist der Berliner Architekt und Vordenker Van Bo Le-Mentzel, der ihn vor einem Jahr zu seiner ersten Dclass conference zum Thema „Neue Bildung für ein neues Wirtschaftssystem“ als Redner eingeladen hatte. Van Bo, der sich für eine bewusste und soziale Lebens- und Arbeitsweise einsetzt, hat Erik beeindruckt. „Er macht so vieles, und immer wirkt es bei ihm leicht. Er ist ganz unkompliziert er selbst“.

Erik hat seitdem bereits zwei seiner Open Talks dem Thema Bildung gewidmet. Seine Gäste lernte er auf der Dclass conference, über Netzwerke und andere Diskussionen kennen, und mischt, was in die Runde passt. Ende Januar saßen der Minimalist Joachim Klöckner, Elterncoach Sylvia von Froreich (FutureSchool für Eltern), Uwe Reyher, Direktor der Montessori-Schule Mitte, und zwei Schülerinnen auf dem Podium. Am 4. März werden Absolventen von Freien Schulen jungen Pädagogen aus Riga erklären, wie sie die Lehrmethoden an ihren Schulen erfahren haben und was sie nun daraus machen.

Partei will bei den Berlinwahlen im September antreten

„Um zukunftsfähig zu bleiben, muss sich unsere Gesellschaft ändern, und da sollten wir bei der Bildung anfangen“, ist der 19-Jährige überzeugt. Er will sich auch politisch dafür einsetzen. Mit einigen Freunden hat er Ende 2014 eine eigene Partei gegründet, in deren Programm Bildung ein zentraler Punkt ist. Sein Ideal wäre eine Freie Schule, wo sich jeder ausprobieren und entwickeln kann. Statt Noten soll es schriftliche Beurteilungen geben und mehr selbstbestimmtes, angewandtes Lernen. Kurz: bessere Chancen, individuelle Talente zu entwickeln. „Ein 1,0 Notendurchschnitt sagt nichts über die wahren Fähigkeiten eines Menschen aus“, sagt er. Dass dies alles im jetzigen System schwer zu realisieren ist, sei kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Es gebe in Berlin viele interessante Ansätze, die Frage sei, wie man sie zusammenbringt.

Die „Partei der Wähler“ (PdW) hat nach eigenen Angaben etwa 100 Mitglieder zwischen 19 und 24 Jahren – Abiturienten, Studenten und Azubis. Um bei der Wahl im September antreten zu können, haben sie eine Bundespartei gegründet und einen Landesverband, Ausschüsse gebildet und eine Liste aufgestellt, zählt Erik, der Bundesvorsitzender ist, auf. „Nun sammeln wir Unterschriften, damit wir zugelassen werden.“ Bis zum 18. Mai müssen sie die Unterlagen beim Landeswahlausschuss einreichen, mindestens 2200 beglaubigte Unterschriften von Unterstützern müssen dann bis 12. Juli bestätigt sein, um zur Wahl zugelassen zu werden. Vorausgesetzt, der Landeswahlausschuss erkennt den Parteienstatus an.

Ehrenamtliche sollten eine finanzielle Basis bekommen

Es gibt noch andere Themen: Es geht den jungen Leuten vor allem um ein besseres gesellschaftliches Miteinander, Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Leben und auch um ein bedingtes Grundeinkommen. Das heißt, eine finanzielle Basis für alle, die Ehrenamtlich tätig sind, sich fortbilden oder an neuen Projekten arbeiten. „Wir würden uns auch mehr Unterstützung und Beratung bei der Planung von Projekten und Veranstaltungen wünschen“, sagt Eri.

Koszuta hat ein Praktikum im Abgeordnetenhaus gemacht und war erschrocken über die „Machtstrukturen und Ellenbogenmentalität in den Fraktionen“. Oft fehlten ihm da gegenseitiger Respekt und Bodenhaftung. „Wir wünschen uns eine andere politische Kultur und wollen auf Augenhöhe miteinander arbeiten“, sagt Erik. „Ich fände es total spannend, mal eine Reihe 20-Jährige im Abgeordnetenhaus zu sehen.“ Um ihr Parteiprogramm bekannt zu machen, veranstalten die Jungpolitiker nun Bürgerdialoge.

In diesem Jahr könnte er auch wieder auch ein Buchprojekt beginnen. Mit 15 hat er die „Herausforderungen meiner Zeit“ aus Sicht eines Schülers beschrieben und im Selbstverlag herausgegeben. Damals musste er sich „viel von der Seele schreiben“, wie er sagt. Heute hat er ein Anliegen. „Ich möchte über meine Erfahrungen in der Zeit zwischen Schule und Beruf schreiben“, sagt er. Auch über die Schwierigkeiten damit, denn nicht immer ernte er mit seinen Ideen nur Sympathien, erzählt er, das müsse man aushalten lernen. Vielleicht könne er anderen Jugendlichen in der Umbruchphase Mut zum eigenen Weg machen.

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