Bernhard Henrich

Berliner bei den Oscars 2016: Der Traum vom Welterfolg

Filmausstatter Bernhard Henrich ist für den Oscar in der Kategorie "Bestes Szenenbild" nominiert. Ein Besuch vor seinem Flug nach L.A.

Bernhard Henrich auf dem Schreibtisch, der in "Bridge of Spies"  verwendet wurde

Bernhard Henrich auf dem Schreibtisch, der in "Bridge of Spies" verwendet wurde

Foto: Amin Akhtar

Bernhard Henrich streicht über das Holz. So als würden seine Finger dem nachspüren wollen, was Tom Hanks berührt hat. „An diesem Schreibtisch“, erklärt Henrich, „hat er in ,Bridge of Spies’ gesessen.

Es ist die Szene, die in einem CIA-Büro spielt. Hanks erhält hier den Auftrag, den abgeschossenen U 2 Piloten Gary Powers gegen den russischen Spion Rudolf Abel auszutauschen.

"Das CIA-Büro haben wir in einem Saal der ehemaligen BVG-Zentrale am Kleistpark aufgebaut.“ Der Schreibtisch selbst wurde in der Tischlerei der Filmstudios Babelsberg gefertigt.

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"So etwas geht in Europa derzeit nur hier“

„Spielberg und sein Produktion-Designer Adam Stockhausen wollten die Szene eigentlich in einem Hotel drehen. In Berlin haben sie sich dann anders entschieden und wollten stattdessen ein richtiges Büro.“ Der 63-jährige Filmausstatter Henrich recherchierte sofort, wie ein CIA-Büro Anfang der Sechziger Jahre ausgesehen haben könnte. Zentrales Möbel musste der Schreibtisch sein, „groß, wuchtig, Macht ausstrahlend“.

Er hatte so etwas bei dem Londoner Fundus A & M Hire, einem der größten in Europa, gesehen und fotografiert. Aber der Schreibtisch war ausgeliehen. Doch zum Glück gibt es die Werkstätten in Babelsberg. „Ein Anruf, und zwei Tage später hatten die den Schreibtisch mit computeroptimierten Maschinen nachgebaut. So etwas geht in Europa derzeit nur hier“, freut sich Henrich, den wir im Möbelfundus der Film-Studios in Babelsberg treffen.

Für den Oscar des besten Szenenbilds nominiert

An mehr als vierzig Filmen hat er mitgewirkt, davon 23 im Ausland, und an zahlreichen Fernsehproduktionen. Seit Anfang der Siebzigerjahre lebt er in Berlin. Er arbeitete für Volker Schlöndorffs Nazi-Epos „Der Unhold“, für George Clooneys „Monuments Men“, Bryan Singers „Operation Walküre“ und Joseph Vilsmaiers „Comedian Harmonists“.

Vorletztes Jahr stand er sechs Monate bei Steven Spielberg unter Vertrag, der eigentliche Dreh dauerte rund zwei Monate. Mitte Januar wurde er zusammen mit Adam Stockhausen und Rena DeAngelo für den Oscar des besten Szenenbilds nominiert. Eine Woche später erfuhr er von seiner Nominierung für dem BAFTA, den Preis der British Academy of Film and Television Arts. Seither ist kaum ein Tag ohne Medientermin vergangen. Bei der Oscar-Verleihung wird er von einem Pro 7-Team begleitet.

Zuerst hat er seine Frau umarmt

„Als ich am 13. Januar am frühen Nachmittag von der Oscar-Nominierung im Internet erfuhr, habe ich zuerst meine Frau umarmt. Dann habe ich meinen Nachbarn rausgeklingelt. Ich war völlig aus dem Häuschen“, erzählt er mit leicht saarländischem Akzent. Trotz der schlohweißen, vollen Haare wirkt er jugendlich. Gertenschlank ist er, und stets neugierig.

„Was macht ihr hier?“, will er von einem Lagerarbeiter in dem riesigen Babelsberger Möbelfundus wissen, der mit einem Kollegen in der Etage über uns lärmt. „Wir räumen um“, ist die knappe Antwort. „Und wo ist die grüne Sitzgruppe?“ – „Da vorne.“ Wieder betastet Henrich Stoff und Holz. „Kirschholz und Samt. Dieses Ensemble habe ich für die Szene in dem Büro des DDR-Unterhändlers, des Anwalts Wolfgang Vogel verwendet.“

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Gekauft hatte er die Möbel aus den Dreißigerjahren vor mehr als zehn Jahren bei einem Trödler in der Konstanzer Straße. Zum ersten Mal hatte Henrich die Sitzgruppe für „Operation Walküre“ mit Tom Cruise eingesetzt. „Ich arbeite wenn möglich immer mit kompletten Möbel-Ensembles. Sonst sieht das so zerstückelt aus. Stockhausen wollte mit dem Set in Vogels Büro sichtbar machen, dass der Mann vor dem Krieg erfolgreich und wohlhabend gewesen war. Da wusste ich, diese Möbel passen dafür.“ Trotzdem macht Henrich stets mehrere Vorschläge für ein Set. Aufgebaut und gedreht wurde die Szene mit dem Büro des DDR-Anwalts dann in den Räumen von Schloss Marquardt, 15 Kilometer nordwestlich von Potsdam.

Das Problem mit dem Stacheldraht

Am meisten Arbeit bei „Bridge of Spies“ hätten die Szenen vom Mauerbau und der Grenzanlage gemacht, berichtet Henrich. „Wir haben das in Wroclaw/Breslau gedreht. Die Hohlbock-Mauersteine der ersten Mauer haben wir in Leichtbauweise nachgebaut. Auch die Berge von Schutt, die überall in den Straßen lagen, wurden von uns angekarrt. Ein großes Problem gab es mit dem Stacheldraht: Wir mussten feststellen, dass dieser Stacheldraht heute nur noch in kleinen Rollen erhältlich ist. Da waren mehrere Männer wochenlang damit beschäftigt, den Draht zu verbinden und auf große Rollen zu spulen, die so aussahen wie auf den historischen Fotos“, schildert Henrich.

Recherche in historischen Büchern, Archiven und im Internet gehört zu den Hauptaufgaben des Film-Ausstatters, aber auch der Besuch bei Antiquitätenhändlern und im Fundus. „Die größten und wichtigsten befinden sich in den London, Paris, Rom, Wien und Deutschland “, erzählt er. Wann immer er etwas Interessantes sieht, fotografiert Henrich den Gegenstand. So kann er den Regisseuren und Design-Direktoren seine Ideen besser veranschaulichen. „Und nach solchen Fotos können die Zeichner hier in Babelsberg dann am Computer dreidimensionale Vorlagen für die Maschinen herstellen“, erklärt er.

Akribie, Genauigkeit, Kostenbewusstsein

Außerdem sind die Fotos von fertigen Set-Aufbauten unerlässlich, wenn eine Szene später noch einmal nachgedreht werden muss. „Da sollte ja besser alles genau so aussehen wie beim ursprünglichen Dreh.“ Akribie, Genauigkeit, Kostenbewusstsein und Organisationstalent nennt Henrich als Grundvoraussetzungen für seine Arbeit. Die führt ihn immer wieder fort von Berlin. Mit Duncan Jones, dem Sohn von David Bowie, sollte eigentlich der nächste Dreh stattfinden. „Aber er hat sich verschoben. So ist das Geschäft.“

Der erste Film, den der im saarländischen Niederwürzbach geborene Henrich gesehen hatte, war „Das Dschungelbuch“, in der Spielfilmversion von 1949. Nach der Schule hatte Henrich eine Ausbildung als Schaufensterdekorateur gemacht. „Meine Eltern waren nicht gerade begeistert“, erinnert er sich. Der Vater war Bergmann, die Mutter trug mit einer Heißmangel zum Lebensunterhalt der Familie bei. Wenig später zog er nach West-Berlin.

Nach Jobs bei KaDeWe und Hertie meldete er sich auf eine Anzeige beim Schillertheater. „Ich begann als Theaterplastiker. Das musste man normalerweise studieren. Aber ich konnte sie mit meiner Arbeit überzeugen“. Er brachte ein wogendes Kornfeld in dem Stück „Der Prinz von Homburg“ auf die Bühne und schuf das spartanische Bühnenbild für „Warten auf Godot“ in der Inszenierung von Samuel Beckett.

Er fragte Artur Brauner nach einem Job

Mitte der Siebzigerjahre suchte er den West-Berliner Filmproduzenten Artur Brauner auf und fragte nach einem Job. Auf die Frage, was er denn machen wollte, wusste Henrich im ersten Moment keine Antwort. „Requisiteure sind gesucht“, sagte Brauner. 1977 wechselte Bernhard Henrich als Requisiteur zum Film. Sein erster war „Freiheiten der Langeweile“ von Vojtěch Jasný, damals ein bekannter Regisseur. Der internationale Durchbruch gelang fünf Jahre später, mit dem Spielfilm „Der Zauberberg“ von Hans W. Geißendörfer im Jahr 1982. „Da begann man erstmals, mich mit der Ausstattung des Films und nicht nur mit der reinen Requisite zu beauftragen.“

Anfang der 90er-Jahre arbeitete Henrich mit dem Szenenbildner Rolf Zehetbauer, der als Produktions-Designer für „Cabaret“ einen Oscar erhielt. Mit Zehetbauer kam er zum ersten Mal 1993 nach Babelsberg, als er „Die unendliche Geschichte“ ausstattete. „Von jedem, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, lernte ich etwas. Bei Zehetbauer war es die Farbgebung. Er kombinierte Farben auf völlig neue Weise, ich erinnere mich an Pink, Kupfer, Braun und Orange. Damit schuf er eine eigene, faszinierende Atmosphäre.“

Ab Mitte der 90er-Jahre arbeitete Henrich hauptsächlich für internationale Produktionen. So für „Katherina die Große“ mit Catherina Zeta Jones, „ein Film, den wir in Rokoko-Dekoration größtenteils in Babelsberg und in Wien drehten“. Es folgte Volker Schlöndorffs „Der Unhold“ und der Thriller „Hostile Waters“. Hier lernte Henrich den britischen Produktions-Designer Jon Bunker kennen. Eine Bekanntschaft, die Henrichs Karriere neuen Schub gab. Bunker nahm in mit nach Hollywood, zur Vorbereitung des Films „Vertical Limit“ von Regisseur Martin Campbell, ein teures und aufwendig gedrehtes Bergsteigerdrama. gedreht wurde in Neuseeland. „Meine erste 100-Millionen-Produktion“, sagt Henrich, der sich noch heute darüber freut wie ein Junge, der zum ersten Mal vom 10-Meter-Turm gesprungen ist.

Die Gefahr Hollywood

In Hollywood und Los Angeles hat Henrich, der in Wilmersdorf lebt, gesehen, was das Filmgeschäft aus den Menschen machen kann. „Eine Gefahr“ erkannte er, und hielt sich lieber an die, die ebenfalls bescheiden und bodenständig geblieben sind.

So wie Ken Adam, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren die James-Bond-Filme ausstattete. Mit dem Grand-Seigneur des Produktion-Designs arbeitete Henrich 2000 bei „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“ von István Szabó zusammen. „Mit Ken Adam und seiner Frau hat sich während des Drehs eine fast familiäre Situation entwickelt. Er ist eine Größe in diesem Geschäft. Obwohl er beim Dreh 80 Jahre alt war, wirkte er voller Energie. Demnächst wird er 95, unglaublich.“

Wie in vielen Bereichen hat sich auch in der Film-Ausstattung in den letzten dreißig Jahren rasant verändert. „Alles muss heute perfekt sein, detailgetreu, stimmig. Die Zuschauer sind viel kritischer als früher“, sagt Henrich. „Meinen Beruf des Set Decorators oder Ausstatters gab es früher gar nicht“, erklärt er. Heute sei er mit einem 20- bis 40-köpfigen Team dafür verantwortlich, dass ein gemeinsam zwischen Regisseur und Produktions-Designer entwickeltes gestalterisches Grundkonzept für jede einzelne Einstellung des Films umgesetzt wird.

Bei „Bridge of Spies“ waren es ungefähr 40 verschiedene Sets in Deutschland und Polen. Etwa noch einmal so viel wurden von einem Team in den USA gebaut, da der erste Teil in New York spielt. Bei langen Filmen wie Clooneys „The Monuments Men“ stattete Henrich mit seinem Team mehr als 130 Motive aus. Allein der Etat für dessen Ausstattung ging in die Millionen. „Das ist eben Amerika. In Deutschland werden für dieses Geld ganze Filme gedreht.“

Beim offiziellen Oscar-Foto neben Matt Damon

Froh ist der Henrich, dass sich die Babelsberger Studios in den letzten Jahren zu den besten in Europa entwickelt haben. Insbesondere die Gewerke wie Schreinerei, Malerei und Stuckerei oder Metallwerkstatt wären heute top. „Ist doch schön, dass man jetzt alles so nah beieinander hat und nicht immer monatelang in der Weltgeschichte unterwegs sein muss. Das ist auf Dauer Gift für das soziale Leben. “

Am 8. Februar nahm er am legendären „Oscar-Luncheon“, einem Mittagessen mit allen Oscar-Nominierten in Los Angeles teil. „Beim offiziellen Foto stand ich neben Matt Damon, ganz in der Nähe lächelten Leonardo DiCaprio und Lady Gaga fürs Foto. Dieses Mittagessen werde ich nie vergessen“, schwärmt Henrich noch zehn Tage später.

Am Mittwoch ist er mit seiner Frau nach Los Angeles geflogen. Bis zur Verleihung folgte eine Einladung auf die nächste, von der Akademie, deren Mitglied auf Lebenszeit Henrich durch seine Nominierung ist, Partys der großen Studios und Empfänge wie den in der Villa Aurora, mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Berlins Bürgermeister Michael Müller.

Und was ist, wenn er den Academy Award am Sonntag erhalten sollte? Da ist es wieder das Kleinjungenlächeln: „Dann wäre ich einfach nur stolz wie Oskar.“