Unterhaltsame Abrechnung

Hauptstadt-Hasser-Buch: "Berlin ist das neue Malle"

Kristjan Knall lässt kein gutes Haar an Berlin. Ob Hipster, Hundehalter oder Carsharing-Nutzer - jeder bekommt eins auf die Mütze.

Alles nur Tarnung, sagt Autor Kristjan Knall, der natürlich anders heißt und sich hinter Sonnenbrille und Tschapka versteckt. Aus Angst vor Beschimpfungen. Er selbst teilt gern aus

Alles nur Tarnung, sagt Autor Kristjan Knall, der natürlich anders heißt und sich hinter Sonnenbrille und Tschapka versteckt. Aus Angst vor Beschimpfungen. Er selbst teilt gern aus

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Kreuzberg, ein Café am Görli. Morgens um 10 Uhr ist hier nicht viel los. Trotzdem schüttelt es Kristjan Knall schon, als er sich umsieht: „Ist nichts echt hier, alles auf ranzig gemacht, aber nicht wirklich ranzig.“ Und dieses Gemälde: Ein riesiges Berlin-Porträt in grellen Farben, mit Brandenburger Tor, Molecule Man und Fernsehturm, „Dieses Yeah Berlin ist doch nicht auszuhalten.“ Trotzdem posiert er gern davor – mit Stinkefinger.

Die Pose ist ein Symbol für Knalls Haltung zur Stadt. Am 1. März erscheint sein neues Buch „111 Gründe, Berlin zu hassen“. Auf 240 Seiten breitet er darin aus, was ihm an Berlin alles nicht gefällt – und das ist eine Menge: „weil Berlin das neue Malle ist“, „weil die Badeseen abgestandene Brühe sind. Die Plötze ist der Endpunkt. Hier badet der harte Wedding in Grünkernsuppe“, „weil die Transsib schneller als die S-Bahn ist“, „weil Hamburger denken, sie könnten es hier schaffen.“

Muss man das lesen? Muss man nicht, aber mitunter ist Knalls Abrechnung durchaus unterhaltsam und gut beobachtet. „Alles beruht auf eigener Erfahrung“, versichert er. Er ist viel in der Stadt unterwegs, mit dem Rad, mit der U-Bahn: „Eine tolle Inspirationsquelle, da bekommt man sein Geld wieder zurück.“ Und er bedenkt so ziemlich alle.

>> Hot or not? Das sollte jeder Berlin-Besucher gesehen haben

Wenn das Fahrrad wie ein Hirschgeweih an der Wand hängt

Den Jogger auf dem Tempelhofer Feld: „work hard party hard, nur ohne Party eben“. Hunde: „Gassi gehen ist für die jedes Mal die Explosion der Challenger“. Die Berliner Schnauze: „Zu sagen, der Berliner Humor wäre speziell, wäre eine grandiose Untertreibung. Wenn einer wirklich Ärger will, kann er ihn sofort bekommen.“ Der Carsharing-Nutzer: „30 Cent kostet die Minute bei den Smarts. Alle drei Minuten ein Euro. Die kann man an zwei Ampeln alleine schon abstehen. Die logische Reaktion des vom Leistungsdruck Verfolgten? Rasen wie ein Bekloppter“. Fixie-Fahrer: „Fahren die Hipster, denn simpel ist gut. War die Idee. Mittlerweile ist es ein Statussymbol geworden und hängt in Altbauzimmern an den Wand wie ein Hirschgeweih“.

>> 10 Gründe, warum Berlin die beste Stadt Deutschlands ist

Wobei die Hipsterschelte etwas merkwürdig erscheint. Mal abgesehen vom Stinkefinger, der nicht passt zum bewusst entspannten Hipster, könnte manch einer in ihm selbst einen solchen vermuten, mit der großen getönten Sonnenbrille und der Tschapka. Knall grinst, das sei Tarnung. Er will nichts preisgeben von sich. Weder seinen tatsächlichen Namen, sein Alter – irgendwas um die 30 – noch wo er wohnt. Die Geheimnistuerei habe nichts mit Koketterie zu tun, versichert er. Aber für sein erstes Buch „Berlin zum Abkacken“, in dem er sich die verschiedenen Kieze vorgeknöpft hat, habe er sogar Morddrohungen bekommen. Daher ist er auf Fotos eben nur mit Tschapka und Sonnenbrille zu sehen. „Und Pfefferspray habe ich auch immer dabei, man weiß ja nie.“

Berlin-Bashing ist inzwischen so angesagt wie der Hype um die Stadt

Klingt ein bisschen dick aufgetragen, zumal er nicht der erste ist, der auf Berlin schimpft. Schon vor Knall gab es Bücher mit Titeln wie „Vergiss Berlin. Eine Reisewarnung!“ oder „I hate Berlin. Unsere überschätzte Hauptstadt“. Berlin-Bashing liegt inzwischen im Trend. Der eine meckert über die Stadt, der andere findet alles toll hier. Mitunter treibt das bizarre Blüten, wie das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gezeigt hat. Demnach steht Berlin zwar auf Platz drei der attraktivsten Städte, zugleich aber auf Platz eins der unattraktivsten Städte.

>> Quiz: Wie gut kennen Sie die Berliner U-Bahnstationen?

Bizarr wirkt auch, dass Kristjan Knall zwar kein gutes Haar an Berlin lässt, aber noch immer hier lebt, und nicht zum Beispiel in Finnland, wo es ihm abgesehen von den langen Wintern angeblich viel besser gefällt. Der Job halte ihn hier, oder wie er sagt, „das Kapitalismusrad“. Aber was er beruflich macht, wenn er nicht gerade auf Berlin schimpft, verrät er nicht. Klar, die Tarnung.

Was, wenn sich die jungen Kreativen Berlin gar nicht mehr leisten können?

Vieles an Knalls Beschreibungen ist maßlos übertrieben und landet oft unter der Gürtellinie. Obendrein mit reichlich Fäkal- und Kraftausdrücken gespickt. Das muss nicht sein. Beim Treffen im Görli-Café wird er da schon etwas differenzierter. Was ist denn nun wirklich am schlimmsten an Berlin? Dass die Stadt immer voller wird. 40.000 Zugezogene pro Jahr findet er einfach zu viel. Weil sich die Stadt dadurch verändere, nicht zum Positiven. „Das Zentrum können sich nur noch Superreiche und Touristen leisten, alle anderen wohnen in Bunkern drumherum.“

Die Sozialangst sei heute schon so groß, das Arbeiten würde zum Selbstzweck verkommen, um nur nicht seinen Status, seine teure Wohnung zu verlieren. Bald seien die Verhältnisse in Berlin nicht anders als in London oder Paris. Und dann sei es vielleicht auch mit der Anziehungskraft von Berlin vorbei. Und wenn die viel beschworenen jungen Kreativen nicht mehr kommen – was dann? Dieses Yeah, Berlin findet er jetzt schon ganz schön retro, dabei erscheint auch seine „Früher-war-alles besser-Haltung irgendwie retro. Er meint damit die 90er-Jahre, als vieles noch improvisiert und eben etwas ranzig war.

Sein Vorschlag: Man könnte Touristen ja mal durch Reinickendorf fahren

Halt macht Knall dabei natürlich auch nicht vor der Touristenschelte. Seit Jahren kommen immer mehr von ihnen nach Berlin. 2015 wurden in den Hotels und Pensionen der Stadt 12,4 Millionen Gäste gezählt, das sind noch mal 4,2, Prozent mehr als im Vorjahr. Für Knall sind das ein paar Millionen zu viel. Auch die würden die Entwicklung zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft beschleunigen. Wobei Tourist aber nicht Tourist sei. „Ganz schlimm sind die, die in Reisebussen angekarrt werden.“ Aber auch von den meisten Rucksacktouristen hält er nicht viel, weil sie alles verstopfen und vollschwitzen würden. „Unsäglicher noch, sie tragen ihre selbst beweihräuchernde Zuversicht durch die engen dunklen Straßen des Reuterkiezes“, schreibt Knall im Buch. Und die Preise würden sie auch noch verderben. „Die zahlen fünf Euro für einen Kaffee, ohne zu zucken, und dann musst du das als Berliner auch.“

>> Pferde, Slips, Spitznamen: 10 kuriose Fakten über die U-Bahn

Sein Vorschlag: Touristenverbot in Mitte und stattdessen die Besucher durch Spandau oder Reinickendorf fahren. Dann würden sie mal was anderes sehen und die Spandauer und Reinickendorfer eben auch. Aber klar, nicht alle Touristen seien schlimm. Das muss er ja sagen, schließlich ist er selbst viel in der Welt unterwegs.

Berlin der 90er-Jahre gibt es noch rund um den Kotti

Und was macht er, wenn ein Freund Berlin kennenlernen will ¬– wird er ihn dann auch nach Spandau schicken? Nein. Den Freund würde er lieber in die wenigen Ecken schicken, wo es noch was zu entdecken gebe. „Zuerst sollte er in die Kurfürstenstraße gehen und sich mit einer älteren Nutte, so um die 40, unterhalten. Nicht kaufen, nur unterhalten über ihr Leben.“

Außerdem empfiehlt er eine Reise in die Vergangenheit, also in die 90er-Jahre, oder was davon noch übrig ist. Zum Beispiel mit einem Ausflug nach Karlshorst zu den ehemaligen Sowjetkasernen oder zum früheren Krankenhaus in Neukölln. Und eine Party im Tommy-Haus in Kreuzberg. Und er würde den Freund zum Kotti schicken, „weil man dort im 500-Meter-Unkreis noch gute alternative Kunstgalerien findet“. Wo genau, gibt er nicht preis: „Selber entdecken“, rät er. Finden würde der Freund dort auch noch diese gewisse Ranzigkeit, die Knall immer wieder beschwört. Die echte, nicht dieses look-a-like-ranzig.

Kristjan Knall: „111 Gründe, Berlin zu hassen“, Schwarzkopf Verlag, 9,99 Euro. Ab 1. März im Buchhandel