Berlin

Neuer Plan für mehr Qualität in Berlins Rettungsstellen

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hat den neuen Krankenhausplan vorgestellt. Ärzte sollen zusätzliche Qualifikationen erwerben.

Unfallklinik Marzahn: Professor Gerrit Matthes (Mitte) mit seinem Team bei einem Patienten im Erstversorgungs-Shockroom

Unfallklinik Marzahn: Professor Gerrit Matthes (Mitte) mit seinem Team bei einem Patienten im Erstversorgungs-Shockroom

Foto: Amin Akhtar

Der Ansturm der Berliner auf die Rettungsstellen der Krankenhäuser ist ungebrochen, die Tendenz eher steigend. 1,2 Millionen Notfälle registrierten die Kliniken im Jahr 2012, seitdem wurde keine gesamtstädtische Statistik mehr erhoben. Etwa 70 Prozent der Patienten müssen nur ambulant behandelt werden.

Nach einer Untersuchung der Deutschen Krankenhausgesellschaft benötigt jedoch etwa die Hälfte dieser Menschen die Geräte-Infrastruktur einer Klinik, zum Beispiel eine Computertomographie, um die Notwendigkeit einer stationären Behandlung auszuschließen.

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Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) und mit ihm viele Experten halten es für unrealistisch, in Berlin Patienten in großem Maß in Praxen niedergelassener Ärzte umzuleiten. Zum einen seien die 33 Notfallkrankenhäuser und sechs Notfallzentren aus allen Winkeln der Stadt gut zu erreichen, zum anderen nähmen viele für den hohen medizinischen Standard auch Wartezeiten in Kauf. Und schließlich trage die Internationalität Berlins zum großen Zulauf in die Notaufnahmen bei, erläuterte Czaja. In vielen Ländern seien diese die Anlaufstellen erster Wahl, das System der Facharztpraxen eher unbekannt.

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Am Donnerstag stellte der Gesundheitssenator die Ziele und Schwerpunkte des Krankenhausplans 2016 für das Land Berlin vor. „Im Mittelpunkt steht die Versorgungsqualität, die stärker als bisher an verbindlichen Kriterien ausgerichtet ist“, sagte er. Das gilt insbesondere für die Notfallversorgung, die einer der Schwerpunkte des Plans ist. Er gilt bis 2020. So ist nun zum Beispiel vorgegeben, dass Notaufnahmen über eine eigene ärztliche und pflegerische Leitung sowie über einen eigenen Personalstamm in der Pflege verfügen müssen.

Ärzte in Notfallkliniken sollen Zusatzqualifikation erwerben

Darüber hinaus müssen dort Ärzte mit geriatrischer und psychiatrischer Kompetenz arbeiten, das Personal soll grundsätzlich besser qualifiziert sein. Dafür wurde in Berlin mit der Ärztekammer die dreijährige Zusatzqualifikation „Klinische Notfall- und Akutmedizin“ entwickelt. Diese Qualifikation können Mediziner aber auch bereits jetzt erwerben, wenn sie eine 36-monatige Tätigkeit in einer Notaufnahme nachweisen können und erfolgreich eine Prüfung ablegen. Weitere Vorgaben: Alle relevanten Notfallressourcen müssen 24 Stunden verfügbar sein, Notfallkrankenhäuser müssen mindestens zehn Intensivbetten vorhalten.

Für Patienten wichtig ist auch die Pflicht, dass in Rettungsstellen künftig ein anerkanntes Ersteinschätzungssystem angewandt werden muss. Diese Ersteinschätzung soll unmittelbar nach Ankunft des Patienten durch speziell geschulte Pflegekräfte vorgenommen werden, damit dringend behandlungsbedürftige Menschen nicht einem medizinischen Risiko durch längere Wartezeiten ausgesetzt werden. Das in Berlin bereits verbreitete Erstein-schätzungssystem MTS (Manchester Triage System) hat fünf Dringlichkeitskategorien von „sofort“ bis „nicht dringend“. Die maximalen Zeiten bis zum ersten Arztkontakt sehen darin eine Spanne von maximal zwei Stunden bis zum ersten Arztkontakt vor. Die Kliniken sollen zudem die Wartezeiten messen und dokumentieren und ihre Organisationsstruktur einschließlich des Personaleinsatzes so gestalten, dass die Patienten entsprechend der Dringlichkeit behandelt werden.

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Senator Czaja betonte, dass etliche Notfallkrankenhäuser diese Vorgaben bereits erfüllen würden. Dennoch sei es wichtig, sie festzuschreiben. „Notfallkrankenhaus oder Notfallzentrum kann künftig nur diejenige Klinik sein, die die festgelegten Anforderungen für Notfallmedizin auch erfüllt“, stellte er klar. Die Krankenhäuser erhalten in den kommenden Wochen ihre Bescheide, die ihre im Krankenhausplan für sie festgelegten Angebote und Leistungen rechtsverbindlich definieren. Setzt ein Krankenhaus die Vorgaben nicht um, muss es in Zukunft Kürzungen bei der Vergütung von Leistungen hinnehmen. Die Senatsverwaltung erwartet, dass die Vorgaben, sofern nicht bereits geschehen, im Laufe dieses Jahres umgesetzt werden. Dies sei möglich, weil sie lange bekannt seien. Immerhin ging dem Krankenhausplan eine dreijährige Vorbereitungszeit voraus, die maßgeblichen Akteure des Krankenhauswesens waren daran beteiligt.

Geriatrie gewinnt an Bedeutung

Ein zweiter Schwerpunkt des Krankenhausplans ist die Geriatrie. „Die medizinische Versorgung von alten Menschen gewinnt in Berlin zunehmend an Bedeutung“, sagte Czaja. Der Plan sehe deshalb nicht nur rund 300 zusätzliche Geriatrie-Betten, sondern auch höhere Qualitätsstandards in den Stationen vor. Auch dort wurden Anforderungen an die personelle Mindestausstattung festgeschrieben.

Berlins Ärztekammerpräsident Günther Jonitz lobte den Krankenhausplan. Insbesondere die Vorgaben zur Notfallversorgung würden helfen, das Angebot qualitativ und organisatorisch zu verbessern. Auch die Techniker Krankenkasse (TK) erklärte, die stärkere Qualitätsorientierung sei ein richtiger Schritt, um die Patienten der Hauptstadt besser zu versorgen. Die TK kritisierte allerdings die Einrichtung eines weiteren Krankenhauses ausschließlich für die geriatrische Versorgung mit 65 Betten in Marzahn-Hellersdorf. Diese Kritik teilen auch die Linken im Abgeordnetenhaus. Zudem fielen die „qualitätssichernden Anforderungen“ im Krankenhausplan teilweise hinter erreichte Standards zurück.