Angebliche Vergewaltigung

Alles erfunden – über Lügen in Zeiten der Flüchtlingskrise

Die angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen aus Marzahn gab es nie, den Tod eines Syrers auch nicht – doch die Affäre geht weiter.

Eine dramatische Nachricht, die sich Tage später als Lüge herausstellt – schon wieder: Die Vergewaltigung einer 13-Jährigen aus Marzahn hat es nie gegeben. Anfang Januar hatte das Mädchen behauptet, von „südländisch“ aussehenden Männern 30 Stunden lang entführt und vergewaltigt worden zu sein.

Am Freitag verkündete die Staatsanwaltschaft: Das Mädchen hat sich die Geschichte nur ausgedacht. In Wirklichkeit hatte es die fragliche Nacht bei einem 19-jährigen deutschen Bekannten verbracht. Aus freien Stücken.

Nicht einmal zwei Tage nach der Aufregung um den erlogenen Tod eines Flüchtlings vom Lageso gibt es zum zweiten Mal das Dementi eines tragischen Falls, der die Öffentlichkeit weit über Berlin hinaus beschäftigt hat: kein toter Flüchtling, keine von Flüchtlingen vergewaltigte Deutschrussin. Alles gelogen. Und dennoch sind die Fälle längst nicht erledigt.

Bis in höchste Regierungskreise

Der Fall der 13-Jährigen beschäftigt mittlerweile höchste Regierungskreise in Russland und Deutschland. Weil das Mädchen aus einer deutschrussischen Familie stammt, hatten russische Medien über den Fall groß berichtet – mit teils übertriebenen und verdrehten Fakten. In ganz Deutschland gingen größtenteils russischsprachige Demonstranten auf die Straße, auch die NPD war dabei.

Hauptangriffsziel: Merkels Flüchtlingspolitik, die auch der russische Außenminister Sergej Lawrow gern kritisiert. Er warf deutschen Behörden Vertuschung in diesem Fall vor, wogegen sich wiederum sein deutscher Amtskollege Frank-Walter Steinmeier verwahrte – Lawrow konterte.

Nun weiß man: Auslöser der Staatsaffäre waren „Schulprobleme“, deretwegen das Mädchen sich bei dem 19-jährigen Bekannten versteckt hatte. Das sagte am Freitag Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Dass das Mädchen bei ihrem Bekannten gewesen sei, hätten rekonstruierte Daten aus einem Handy ergeben.

Bei dem jungen Mann seien auch Sachen des Mädchens gefunden worden, er habe eingeräumt, dass sie in der Nacht bei ihm gewesen sei. „Es gibt keine Hinweise auf eine Sexualstraftat, auch nicht auf einen sexuellen Kontakt des Mannes zu dem Mädchen. Gegen ihn wird daher auch nicht ermittelt.“ Er sei nur ein Zeuge.

Der Fall ist noch nicht abgeschlossen

So weit, so gut. Ist der Fall nun abgeschlossen? Wohl kaum, ebenso wenig wie im Fall des erfundenen toten Flüchtlings. Zwar wird auch hier die Polizei nicht weiter ermitteln. Es liege im juristischen Sinne keine Straftat vor, so die Polizei. Doch der Schaden ist groß.

Vor allem die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer fürchten um ihr Ansehen. Der Täter war ein Freund aus den eigenen Reihen. Im Alkoholrausch hatte er den Tod eines 24-jährigen Syrers erfunden, um „wach zu rütteln und etwas zu verändern“, wie er einen Tag später im Internet-Netzwerk Facebook einräumte, über das er auch seine Lüge verbreitet hatte. Seine ehemaligen Mitstreiter sprachen von einer „Katastrophe“ für ihre Glaubwürdigkeit. Innensenator Frank Henkel (CDU) sprach von „einer miesen und perfiden Aktion“.

Längst, das wissen auch die Helfer am Lageso, geht es in der Flüchtlingshilfe nicht mehr allein darum, Menschen Nahrung, Kleider und Obdach zu geben. „Moabit hilft“ und andere Initiativen betreiben ihre Öffentlichkeitsarbeit auch aus politischen Gründen. Um gegenzuhalten gegen fremdenfeindliche Parolen und Hasskommentare.

Und auch, um jenen eine Stimme zu geben, die sonst keine haben – etwa in der Warteschlange des Lageso. Nun hat sich dieser Weg ins Gegenteil verkehrt. Es waren die Helfer selbst, die die Todesanzeige für den erfundenen Flüchtling im Netz verbreiteten – ungeprüft.

Die Hemmschwelle sinkt, Unglaubwürdiges zu verbreiten

Auch das gehört zur Wahrheit in Zeiten der Lügen: Ohne soziale Medien wie Facebook und Twitter, ohne das Schneeball-System der tausendfach geteilten „Nachrichten“, hätten sich die Lügen wohl kaum so schnell verbreitet. Dass Nutzer dabei teils weniger rational urteilen als nach Gefühl, hat der Psychologe Peter Walschburger von der Berliner Freien Universität beobachtet.

Durch ihre Algorithmen zeigten soziale Netzwerken Nutzern verstärkt Meinungen, die den eigenen ähnlich seien. „Das verstärkt den Eindruck, eine Mehrheitsmeinung zu vertreten und senkt die Hemmschwelle, auch Unglaubwürdiges zu teilen.“

Überhaupt seien Menschen in gefühlsmäßig angespannten Situationen eher bereit zu Kurzschluss-Handlungen. So könne es auch zu der Lüge des toten Flüchtlings gekommen sein. „Der Helfer war wohl chronisch überfordert, dazu kam die allgemein angespannte Stimmung durch die Eigendynamik der Flüchtlingskrise.“

Walschburger kritisiert die emotionalen Reaktionen der Politik auf die Lüge. „Weder laute Empörung noch übertriebenes Verständnis helfen weiter. Man sollte einfach die Handlungssituation sorgfältig analysieren, in der die Lüge entstand und vielen glaubwürdig erschien.“

Auf das Schneeball-Prinzip der unkritischen Masse scheint Alexej Danckwardt zu setzen, Anwalt der deutschrussischen Marzahner Familie. Er kommentierte die polizeilichen Ergebnisse auf Facebook eigenwillig: „Die Wahrheit muss erst noch ermittelt werden. Die Ermittlungsbehörden sind sehr voreilig. Wahrscheinlich zu viel politischer Druck.“

Chronik: Wie eine Lüge zum Fall für den Kreml wurde

  • 11. Januar: Ein 13 Jahre altes Mädchen aus Berlin-Marzahn verschwindet angeblich auf dem Weg zur Schule. Die Eltern melden es am Abend bei der Polizei als vermisst.
  • 12. Januar: Die 13-Jährige taucht wieder auf. Bei der anschließenden Befragung von der Polizei behauptet das Mädchen, sie sei von drei Männern mit südländischem Aussehen entführt, 30 Stunden vergewaltigt und misshandelt worden. Anschließend hätten die Männer sie auf der Straße wieder freigelassen, so die Schilderung der Schülerin. Wegen des Alters des Kindes und des Persönlichkeitsschutzes berichtet die Polizei zunächst nicht von der angeblichen Tat. Bei Befragungen verwickelt sich die Minderjährige in Widersprüche. Die Polizei gibt später an, das Mädchen habe vier verschiedene Versionen der angeblichen Entführung erzählt. Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer
  • 16. Januar: Der russische Staatssender "Pervij Kanal" ("Erster Kanal") berichtet von der angeblichen Vergewaltigung. Der Berlin-Korrespondent Igor B. interviewt in seinem Beitrag die angeblichen Verwandten des Mädchens. Sie beschuldigen die deutsche Regierung und die Polizei Berlin, absichtlich den Fall vertuschen zu wollen, um die kriminellen Aktivitäten von Flüchtlingen in Deutschland geheim zu halten.
  • 18. Januar: Der Fernsehbeitrag des russischen Staatssenders verbreitet sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer. Besonders im russischsprachigen Teil der Bevölkerung Berlins sorgt der Fall für Furore. Am Abend versammeln sich 250 Menschen in Marzahn, um Solidarität mit dem Mädchen zu zeigen. Die Versammlung wird aufgelöst, da diese vorher nicht angemeldet war. Die Polizei Berlin veröffentlicht schließlich auf der Homepage und über Facebook eine Stellungnahme. In der Mitteilung heißt es: "Fakt ist - nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung".
  • 19. Januar: Die Geschichte um die angebliche Vergewaltigung der Minderjährigen entwickelt dennoch eine Eigendynamik. Die Staatsanwaltschaft übernimmt die weiteren Ermittlungen in dem Fall um die Minderjährige aus Marzahn. Der Koblenzer Staatsanwalt Martin Luithle stellt gegen den russischen Berlin-Korrespondenten Ivan Blagoy eine Strafanzeige wegen Volkverhetzung.
  • 23. Januar: Vor dem Kanzleramt demonstrieren rund 700 Menschen, die meisten von ihnen sind Russlanddeutsche, gegen "sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen gegen Frauen und Kinder“.
  • 24. Januar: Die Demonstrationen weiten sich auf andere Bundesländer aus. Insgesamt demonstrieren 10.000 Menschen gegen die "Gewalt von Flüchtlingen".
  • 26. Januar: In einer Pressekonferenz in Moskau wirft der Russlands Außenminister Sergej Lawrow den deutschen Behörden die Vergewaltigung einer 13-Jährigen zu vertuschen. Damit wolle man innenpolitische Schönfärberei betreiben. In Berlin ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen gegen zwei Männer mit türkischen Wurzeln wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen. Die Ermittler sind sich sicher, der Geschlechtsakt habe einvernehmlich stattgefunden. Zudem kannte das Mädchen die Männer bereits monatelang vor der angeblichen Entführung.
  • 27. Januar: In den Fall schaltet sich die deutsche Regierung ein. Nun äußert sich auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Er warnt davor, mit Spekulationen und Halbwahrheiten Politik zu machen.
  • 28. Januar: Russlands Außenminister Lawrow weist die Vorwürfe der Bundesregierung zurück, Moskau nutze Berichte über eine angebliche Vergewaltigung in Berlin zur "politischen Propaganda". Es gehe hier um die Menschenrechte.
  • 29. Januar: Die Staatsanwaltschaft gibt bekannt: Das 13-jährige Mädchen aus Marzahn hat die fragliche Nacht bei einem Bekannten verbracht. Das haben rekonstruierte Daten aus einem Handy ergeben, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin. Der Fall gilt damit als aufgeklärt.