Landvolk flirtet

Bauer sucht Frau: Auf der Grünen Messe wird angebaggert

Auf der Grünen Woche geht es nicht nur um Lebensmittel. Für die jüngeren Besucher ist die Messe auch eine Kontaktbörse.

Paul, Klausi, Gusti und Leonhard (von links) aus Bayern wollen in Berlin nicht nur Bier trinken

Paul, Klausi, Gusti und Leonhard (von links) aus Bayern wollen in Berlin nicht nur Bier trinken

Foto: Paulina Czienskowski

Der Mensch ist gierig. In den Messehallen am ICC dieser Tage ist das ziemlich spürbar. Die Gier flirrt herum und legt sich auf die Gemüter der Besucher. Es ist die Gier zu konsumieren. Alkohol, Fleisch, Menschen. Also nicht so, wie man jetzt denken könnte. Natürlich möchte hier niemand einen anderen verzehren. Was viele der Gäste und Aussteller aber wollen – ist flirten. Sie wollen Dates und Telefonnummern.

Junge Frauen wie Claudia und Carolin aus Bayern kommen da gerade gelegen. Sie sind nicht in der Landwirtschaft tätig. Aber weil Claudias Eltern Bauern sind, vertritt sie mit ihrer Cousine das Unternehmen gemeinsam an einem Stand. „Die sind fei hübsch“, sagen ein paar Jungs, während sie ein Bier nach dem anderen bei ihnen bestellen. „Fei?“ „Sehr, extrem, total“, übersetzt einer von ihnen. Für einen Berliner ist das gar nicht so leicht, den oberbayrischen Sprech auf Anhieb zu verstehen. „Verstohst mi überhaupt?“, fragt ein junger Mann in Lederhose.

Leute kennenlernen statt Kühe melken

Tatsächlich muss man sehr aufmerksam zuhören. Was allerdings gar nicht so leicht ist inmitten des unaufhörlichen Getöses. Immer wieder stimmt jemand ein Lied an und präsentiert sein ungeahntes Stimmvolumen. Bläsergruppen spielen, es wird gelacht und geredet. Ganz grob kann man die Menschen, die sich dieser Tage zwischen den zahllosen Ständen entlang drängen, in zwei Gruppen teilen: Da gibt es die älteren Herrschaften und die Mittzwanziger. Während diejenigen fortgeschrittenen Alters Schnaps aus Ziegenmilch und Salami mit Steinpilzen bewundern, interessiert die junge Generation der Besucher vor allem das andere Geschlecht.

Die meisten von ihnen kommen aus ländlichen Regionen. Viele sind schon im Alter von 23 Jahren Betriebsleiter eines Bauernhofs. Und nun sind sie kurz mal weg von dieser Arbeit. Keine Verpflichtung, fern vom Zuhause. Hier nutzen sie aus, was sonst eher selten möglich ist: Leute von woanders kennenlernen, anstatt zweimal täglich die Kühe zu melken.

Gruppen junger Menschen schieben sich mit weit geöffneten Augen durch die Messehallen. Es ist, als sei man auf einer Partnerbörse für junge Landwirte. Viele halten Ausschau nach der nächsten flirtiven Gelegenheit. Vor allem bei den Bayern scheint dieses spielerische Jagdverhalten stark ausgeprägt. Überall sieht man sie in ihren Lederhosen herumstreunern. In der linken Hand das Bier, in der rechten eine Semmel mit „Leberkas“.

Fortbildung in Sachen Anbaggern

Was macht man denn als Mensch vom Land in Berlin, wenn die Messe Feierabend macht? „Q-Dorf“, sagt Wasti (22) aus Prien am Chiemsee, ohne überlegen zu müssen. „Da haben wir Bayern uns jedes Jahr getroffen.“ Da es aber nicht mehr existiert, gehe es in diesem Jahr eine Etage darüber in die Disco Maxxim. Ein ziemlicher Proletenschuppen, aber was soll’s. „Das ist der Burner, Menschen aus Bayern in einer anderen Stadt zu treffen, die man sonst nie treffen würde, weil sie normalerweise 50 oder 100 Kilometer weit weg leben“, sagt der 23-jährige Gusti.

Der junge Mann aus Bayern ist Mitglied der Landjugend. Sie machen gemeinsam eine Berlinfahrt im Zuge der Grünen Woche. Dass den Anfang 20-jährigen Milchbauern die Entwicklung der Nahrungsmittelindustrie und der gute Käse aus Schleswig-Holstein herzlich egal sind, ist bereits deutlich geworden. Sie bilden sich höchstens in Sachen Anbaggern fort. Schon am Mittag haben Gusti und seine Kollegen mehr als nur zwei Bier intus. Das kann hier niemand verbergen. Will aber auch keiner. Die Wangen hitzig rot, der Blick glasig, die Lust groß.

Bei steigendem Alkoholpegel, das weiß jeder, sinken sämtliche Hemmschwellen. Auch bei den Mitgliedern der Landjugend ist das so. Frauen bekommen heiße Blicke zugeworfen. Zwinkern, Komplimente, eine Umarmung, als würde man sich schon seit Kindertagen kennen. An manchen Ständen wird gegrölt wie auf dem Oktoberfest in München, und immer wieder werden die Gläser in die Höhe gehoben.

Das Treiben in den Messehallen scheint aus der Beobachterposition ziemlich wild. So ähnlich geht das auch am Stand von Claudia und Carolin zu, die wirklich hübsch aussehen in ihren Dirndls. Das gefällt offenbar auch den Jungs. In nur zwei Stunden haben die beiden insgesamt drei neue Handynummern in ihrem Telefon abgespeichert und ein paar Verabredungen für abends. Flirting-Apps wie Tinder braucht hier offensichtlich niemand.

Endlich mal rauskommen aus dem eigenen Dunstkreis

„Was auf der Grünen Woche passiert, bleibt auf der Grünen Woche.“ Diesen Satz hört man aus allen Richtungen. Wer Zu Hause also einen Partner hat, dem scheint das hier herzlich egal zu sein. Und wer ohnehin solo ist, kann noch mal mehr in die Vollen gehen. Dementsprechend wird hier getrunken, ohne Gedanken an morgen.

Wer es nicht kennt, auf dem Land zu leben, kann sich vermutlich nicht richtig vorstellen, wie spannend es sein muss, endlich mal rauszukommen aus dem eigenen Dunstkreis. Das Paradoxe aber ist: Sie alle sind so heimatverbunden, dass sie auch in einer Stadt wie Berlin unter sich bleiben.

Wenn man es klug anstellt, muss man auch als Nicht-Bayer nicht viel tun, um sich plötzlich mitten in diesem unübersichtlichen Treiben der Flirtwütigen wiederzufinden. Zwischen Gusti und Sepp, Wasti und Paul. Dort fühlt man sich wie an einem Stammtisch der Dorfjugend irgendwo am Chiemsee, tief im Bayerischen Land. Dabei sitzt man eigentlich mitten in Berlin. Kein Grund also alleine zu bleiben. Zumindest nicht während der Grünen Woche. Prost!