Berlin

Eine vermeintliche Tat und die Folgen

Angeblicher Missbrauch einer 13-Jährigen sorgt im Internet für Aufruhr. Polizei wird beschimpft

Das Facebook-Team der Berliner Polizei hat alle Hände voll zu tun. Es gilt, die hitzige Debatte um ein vermeintlich entführtes und vergewaltigtes 13-jähriges Mädchen aus Marzahn zu moderieren und zu beruhigen. Die Schülerin soll von mehreren Männern 30 Stunden lang festgehalten und vergewaltigt worden sein. So wird es in den sozialen Netzwerken kolportiert, zehntausendfach geteilt und kommentiert. Die Berliner Polizei sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, den Fall vertuschen zu wollen.

Was ist passiert? Nach derzeitigem Stand der Ermittlung ist die 13-Jährige am 11. Januar auf dem Weg zur Schule in Mahlsdorf verschwunden. Am Tag darauf taucht sie aber wieder auf. Aufgrund von Vermisstenanzeigen ist sie nach Informationen der Berliner Morgenpost auf der Straße erkannt worden. Zeugen hatten daraufhin die Polizei informiert. Den Eltern, dem Vernehmen nach ein deutsch-russisches Ehepaar, soll die 13-Jährige erzählt haben, sie sei von drei Unbekannten verschleppt und mehrfach vergewaltigt worden. So jedenfalls wird es gerüchteweise in den sozialen Netzwerken und von russischen Medien kolportiert.

Bei einer Kundgebung der NPD Marzahn-Hellersdorf am Wochenende, die unter dem Motto „Gegen sexuelle Gewalt“ stand, wie ein im Netz kursierendes Video zeigt, spricht eine angebliche Verwandte des Mädchens. Sie erhebt den Vorwurf, dass der Fall totgeschwiegen werde. Das Mädchen sei drei Stunden lang von der Polizei verhört worden. Ohne Eltern, ohne Beistand durch das Jugendamt. Doch dafür, dass es sich um eine Verwandte handelt, gibt es aus Berliner Sicherheitskreisen keine Bestätigung. Aber auch nicht dafür, dass es sich bei der Frau um ein Mitglied der rechtsextremen Szene handelt.

Von der Polizei heißt es: „Nach den Ermittlungen unseres Landeskriminalamtes gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung“, sagt Polizeisprecher Stefan Redlich der Berliner Morgenpost. Auch vor dem Hintergrund der im Netz kursierenden Vorwürfe will er keine weiteren Details nennen. „Wir müssen es aushalten, dass es Leute gibt, die den Fall für sich ausschlachten wollen und uns vorwerfen, wir würden etwas vertuschen. Hier geht der Schutz der Persönlichkeit des Kindes vor“, so Redlich.

Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln ist die Polizei in einer schwierigen Situation. Einerseits wird von ihr Aufklärung verlangt. Andererseits verbietet es der Opferschutz, besonders im Falle von Kindern, Einzelheiten zu nennen. Das Thema ist heikel, wird in der Morgenlage von Innensenator Frank Henkel (CDU) und beim Verfassungsschutz diskutiert. Jetzt bloß keine Fehler machen.

Die Zurückhaltung wird im Netz dazu genutzt, Stimmung gegen Migranten zu machen. Im Fall der 13-Jährigen stellt etwa eine Plattform eine Verbindung zu einer Flüchtlingsunterkunft in Falkenberg her. Weiter ist die Rede von „wilden Fremden“. Die Sprache verrät die politische Haltung der Autoren. Auf der Internetseite des Magazins „Sputnik“, das sich als Sprachrohr der russischsprachigen Diaspora in Berlin versteht, wird von einer Zusammenkunft von Vertretern der russischen Diaspora am 16. Januar in Marzahn berichtet. Und es werden Aussagen von Familienmitgliedern der 13-Jährigen kolportiert, wonach die Polizei gar nicht nach den Verbrechern suchen wolle.

Die Berliner Polizei registriert den geballten Unmut. Auf der Facebook-Seite der Berliner Polizei schreibt Alexej D.: „Angesichts der dezidierten Äußerungen der Verwandten ist hier zu befürchten, dass vertuscht wird.“ Das Facebook-Team versucht die Diskussion zu beruhigen: „Ja, es ist richtig – das Mädchen war kurzzeitig vermisst gemeldet und ist inzwischen wieder zurück. Uns ist bekannt, dass verschiedene Aussagen zu dem Sachverhalt in den sozialen Medien diskutiert werden. Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung.“ Und die Beamten appellieren, mit dem Thema sensibel in den sozialen Netzwerken umzugehen. Ein Blick auf die Facebookseite der Polizei lässt nicht erkennen, dass der Appell gefruchtet hat.

Am Montagabend verhinderte die Polizei in Marzahn im Zusammenhang mit dem Fall eine Versammlung von rund 250 Menschen. Da es nicht zu den Taten gegen die Jugendliche gekommen ist, gebe es für eine Demonstration keine Grundlage, sagte ein Polizeisprecher.