Datensalat

Chaos-Zahlen spiegeln die Realität der Flüchtlingskrise

Statistiken zur Flüchtlingskrise belegen, wie die Lage in Berlin und ganz Deutschland aus dem Ruder läuft, sagt Joachim Fahrun.

Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau

Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau

Foto: Armin Weigel / dpa

Deutschland ist gemeinhin stolz auf seine solide statistische Grundlage. Die Meister der Zahlen wissen fast alles: Dass die Ernte 2015 neun Millionen Hektoliter Weinmost erbracht hat oder dass Berlins Planetarien 2014 exakt 153.634 Besucher zählten.

Nur zu der heikelsten politischen und gesellschaftlichen Frage der deutschen Gegenwart steht nur Zahlensalat zur Verfügung. Wer wissen möchte, mit welcher Vehemenz die Flüchtlingskrise die gewohnte deutsche Ordnung durcheinanderwirbelt, der muss nur einen Blick auf die Statistiken werfen. Die passen nämlich nicht so recht zusammen, spiegeln also das rechtliche und organisatorische Chaos wider, das in ganz Deutschland, aber auch besonders in Berlin seit Monaten herrscht. Die oft geforderte Rückkehr zu rechtsstaatlichen Zuständen wäre auch eine Wiederkehr von einigermaßen belastbaren Daten.

Es reicht ein Blick nach Berlin, um die Dimensionen der Unklarheit zu verdeutlichen. Und dabei muss man sich noch nicht einmal um die normalen statistischen Abweichungen oder die Hunderter-Ziffern kümmern.

Menschen, die einfach verschwinden

80.000 Flüchtlinge habe Berlin 2015 aufgenommen, heißt es offiziell. Tatsächlich leben aber nur 45.000 mehr schlecht als recht in Turnhallen, Hangars und auch einige in besser geeigneten Gemeinschaftsunterkünften. Einige haben auch Wohnungen gefunden, andere schlafen in Hostels. Egal. Auch schon bevor der ganz große Ansturm nach Deutschland im Sommer 2015 losging, lebten etwa 15.000 Flüchtlinge in Berliner Heimen.

Wie auch immer: Es bleibt eine Differenz von mehreren 10.000 Menschen, die irgendwie verschwunden sind. Nach Schweden vielleicht, zurück in ihre Heimatländer, untergetaucht, woanders noch einmal registriert. Reine Spekulation.

Im Bund sieht es ähnlich aus. Die offizielle Datenbank Easy hat 2015 1,09 Millionen Neuankömmlinge registriert. 441.000 Asylanträge wurden im gleichen Zeitraum beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gestellt. Ob die knapp 600.000 erstregistrierten Menschen noch nachkommen und den Bearbeitungsstau vergrößern, weiß niemand so genau. Zu vermuten ist es, aber man kann es nicht genau sagen.

Die Wahrheit kommt gern unter die Räder

Immerhin ist die Dimension der bisher nicht ernsthaft bearbeiteten Schicksale so groß, dass die Bundesbehörde nun tatsächlich verschärft Mitarbeiter einstellt – und diese nicht ungern aus Berlins Landesämtern abwirbt. Die Mitarbeiter wechseln gern, weil sie beim Bund zehn bis 15 Prozent mehr verdienen als in der Berliner Ausländerbehörde oder dem Lageso.

Analog zum Zahlenchaos stellt sich die Realität dar. Zwar bemüht sich der Senat mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) an der Spitze seit Monaten um geordnete Verfahren. Aber davon sind wir weit entfernt. Das liegt auch daran, dass selbst im frostigen Winter immer noch jeden Tag fast 300 Flüchtlinge die Stadt erreichen und hier bleiben.

So viele Menschen passen nicht einmal in eine normale Turnhalle. In solchen Zeiten kommt die Wahrheit gern unter die Räder. Senatsmitglieder behaupten, Flüchtlinge würden regelmäßig aus Hangars oder Turnhallen in komfortablere Unterkünfte verlegt. Dabei sagen Heimbetreiber und Flüchtlingshelfer, dass Menschen sehr wohl monatelang in den Massenunterkünften ausharren müssen. Das klingt ja auch logisch. Denn Gemeinschaftsunterkünfte mit eigenen Kochgelegenheiten, Zimmer für zwei Personen und Freizeiträume wurden seit Monaten fast gar nicht mehr in Berlin eröffnet.

Um überhaupt klarzukommen, verabschiedet sich der Senat von allen Vorgaben, quetscht zehn Personen in oben offene Messebau-Kabinen in Hangars, wo sie deutlich weniger Platz haben als die eigentlich vorgeschriebenen sechs Quadratmeter. Auch diese Zahl ist ein Opfer der aus dem Ruder gelaufenen Zustände geworden.