Berlin

Berliner sind kränker als andere Deutsche

Nur in Friedrichshain-Kreuzberg liegt der Krankenstand mit vier Prozent auf Durchschnittsniveau

Berliner und Brandenburger bleiben für Gesundheitspolitiker und Krankenkassenvertreter ein Rätsel. Niemand kann schlüssig erklären, warum Arbeitnehmer in der Hauptstadt und ihrer meist ländlichen Umgebung 25 Prozent mehr Tage krankheitsbedingt ausfallen als die Bürger im Rest Deutschlands.

Berlins Gesundheitsstaatssekretärin Emine Demirbüken-Wegner konnte anlässlich der Präsentation des regionalen Gesundheitsberichtes auch nur Fragen stellen: Ist es das stressigere Leben in der Großstadt? Sind es die schlechteren Arbeitsbedingungen? Ungesunder Lebenswandel? Oder eine lückenhafte medizinische Versorgung?

Psychische Leiden ist der wichtigste Grund für Frührente

Gegen die These von der ungesunden Metropole spricht, dass in Brandenburger Betrieben der Krankenstand noch einmal höher liegt als in Berlin. In Brandenburg fehlten nach den jüngsten komplett verfügbaren Daten 2013 5,3 Prozent der Belegschaft wegen Krankheit, in Berlin waren es 4,7 Prozent. Im Bundesdurchschnitt sind aber nur 4,0 Prozent der Arbeitnehmer krank. Für eine höhere Belastung durch die nervenaufreibende Großstadt spricht, dass der mit Abstand wichtigste Grund für Frühverrentungen in Berlin psychische Erkrankungen sind. 42 Prozent aller Fälle gehen auf seelische Leiden zurück, das sind fast doppelt so viele wie in Brandenburg. Dass Berliner und Brandenburger öfter fehlen als andere Bundesbürger, ist schon seit Jahren so. Es ist nicht gelungen, den Krankenstand zu senken.

Dabei ist der Ausfall von durchschnittlich 18,3 Tagen pro Arbeitnehmer ein wirtschaftlicher Faktor, wie Kai Uwe Bindseil anmerkte, der bei der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner für die Gesundheitsbranche zuständig ist. Der Produktionsausfall für die regionalen Unternehmen belaufe sich auf 3,1 Milliarden Euro.

Der Gesundheitsbericht des Clusters Health Capital, der erstmals die Daten von fast 1,6 Millionen Menschen und damit 80 Prozent aller gesetzlich Versicherten in der Region unter Einschluss der Zahlen der Unfallversicherungen umfasst, gibt allenfalls ein paar Hinweise, woran das liegen könnte. Auffällig ist, dass Frauen sich deutlich öfter krankmelden als Männer.

Aus Sicht der Politik sind vor allem die schlechteren Arbeitsbedingungen schuld. Frank Michalak, Chef der AOK Nordost, verwies auf die geringen Anstrengungen der Unternehmen für den Gesundheitsschutz ihrer Mitarbeiter. Nur 2,8 Prozent der bundesweiten Aktionen der betrieblichen Gesundheitsförderung komme den Beschäftigten in Berlin-Brandenburg zugute. Hier arbeiten aber 7,6 Prozent der Beschäftigten. das sei ein „krasses Missverhältnis“, sagte der Chef der größten regionalen Krankenkasse: „Wir fordern die Arbeitgeber auf, weiter aktiv zu sein.“

Behandlung chronischer Krankheiten ist „mangelhaft“

Franz Knieps, Vorstand im Dachverband der Betriebskrankenkassen, kritisierte das in Deutschland insgesamt schwache System, um chronischen Krankheiten vorzubeugen oder sie zu behandeln. „Das ist mangelhaft“, sagte der Kassenvertreter und verwies auf lange Wartezeiten auf psychotherapeutische Behandlungen.

Dieser Befund ist aus zwei Gründen wichtig. Erstens sind es die chronischen Krankheiten, die auch in Berlin die Masse der Fehltage ausmachen. 4,4 Prozent der Patienten verursachen 40 Prozent aller Fehltage. Und wer an psychischen Krankheiten leidet, fällt mit durchschnittlich 30 Tagen auch am längsten aus. Insgesamt liegen seelische Leiden auf Rang drei der häufigsten Ursachen für Arbeitsausfall. Am häufigsten sind Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems, vor allem des Rückens, gefolgt von Atemwegserkrankungen, worunter Erkältungs- und Grippe-Krankheiten fallen. Hier sind die Ausfallzeiten mit acht Tagen am kürzesten.

Nachvollziehbar ist, dass die Krankenstände mit dem Alter der Menschen zunehmen. Weil die Gesellschaft altert, warnen die Experten vor einem Anstieg der Arbeitsausfälle. „Man muss mit einer Zunahme der Fallzahlen rechnen, wenn man nichts tut“, sagte Berlin-Partner-Mann Bindseil.

Besonders gesund sind die Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg, dort fielen 2013 nur vier Prozent der Arbeitstage wegen Krankheit aus. Das dürfte vor allem an der jungen Bevölkerung dort liegen. Dahinter folgen Charlottenburg-Wilmersdorf mit 4,2 und Mitte mit 4,3 Prozent. Besonders oft haben sich die Arbeitnehmer in Spandau und Reinickendorf krankgemeldet. Dort lag die Quote bei 5,8 Prozent. Es folgen Marzahn-Hellersdorf (5,6), Tempelhof-Schöneberg (5,4) Treptow-Köpenick und Lichtenberg (je 5,1) Neukölln (5,0), Pankow (4,9) und Steglitz-Zehlendorf (4,8).