Vorbereitung auf Job

Wie Arbeitsagenturen versuchen, Flüchtlinge zu integrieren

Qualifizierten Zuwanderern eine schnelle Jobaufnahme zu ermöglichen, ist die Aufgabe von spezialisierten Beratern.

Auch an den Weihnachtstagen kamen Flüchtlinge in Berlin an und harrten vor dem Lageso aus, so wie diese jungen Männer aus Pakistan

Auch an den Weihnachtstagen kamen Flüchtlinge in Berlin an und harrten vor dem Lageso aus, so wie diese jungen Männer aus Pakistan

Foto: Paul Zinken / dpa

Nicht immer passt es so gut wie bei dem jungen Syrer. „Ein perfekter Fall“, schwärmt Karla Loose. Die energische Kulturwissenschaftlerin öffnet in ihrem Büro im dritten Stock der Agentur für Arbeit Nord Flüchtlingen den Weg auf den deutschen Arbeitsmarkt. Und ihr letzter Besucher hat gute Chancen.

Er ist 28 Jahre alt, kann bereits Deutsch auf Niveau A1, ist studierter Bauingenieur, spezialisiert auf Hafenbau und Staudämme, er hat erste Berufserfahrung, Zeugnisse liegen vor. „Ab Dezember ein halbes Jahr Integrationskurs, zwei bis vier Monate Zusatzqualifizierung. In einem Jahr kann er einen Job haben“, urteilt die erfahrene Beraterin. „Er wird richtig Geld ins deutsche Sozialsystem zahlen.“

Viele praktische und juristische Hemmnisse

Aber im Alltag der 15 Mitarbeiterinnen, die sich für die Berliner Regionaldirektion für Arbeit um die Integration von Flüchtlingen schon in der Frühphase ihres Asylverfahrens kümmern, läuft es nicht immer so optimal. Auch bei eigentlich gut qualifizierten Zuwanderern stehen einer schnellen Jobaufnahme allerlei praktische und juristische Hindernisse im Weg.

Bei der Bundesagentur für Arbeit ist man gerade dabei, erste Erfahrungen mit der schwierigen Aufgabe zu sammeln, die man in den kommenden Monaten und Jahren deutlich ausweiten muss, wenn Hunderttausende Flüchtlinge den deutschen Fachkräftemangel lindern sollen.

Die Realität betritt in Gestalt eines bärtigen jungen Mannes in grünem Parka leicht verspätet das Büro. Viele Klienten, die schon bei ihrer Registrierung oder in der Unterkunft von Arbeitsagenturmitarbeitern angesprochen wurden, haben Schwierigkeiten, aus ihren Heimen den Weg in die Königin-Elisabeth-Straße in Charlottenburg zu finden.

Berlin auch wegen der vielen Hochschulen ausgewählt

Aber Aws Alotham Alsagier ist da. 22 Tage hatte der Syrer vor dem Lageso in Moabit gewartet. In seinem Flüchtlingsausweis steht, er sei am 24. August aufgenommen worden. Zwischendurch kam er bei Bekannten unter, seit Kurzem schläft er in einer Marzahner Notunterkunft. „Weiß er etwas über sein Asylverfahren, war er schon im Bundesamt“, fragt Loose über den Dolmetscher. „Nein, nichts.“ Der junge Mann wirkt schüchtern.

Loose erfragt die persönlichen Daten. Er ist ledig, alleine nach Deutschland gekommen, über Griechenland und die Balkanroute, stammt aus Al Rakka, heute die Hauptstadt der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Syrien. Abitur 2010, dann dort das Studium aufgenommen. „Was denn?“ „Bauingenieurwesen.“ „Das ist super.“ Sein Studium habe er aber nicht abschließen können, ein Jahr fehlt ihm noch. „Wegen der Flucht, denke ich mal“, sagt Loose. Der junge Mann nickt. Welche Pläne er habe? Er wolle sein Studium fortsetzen, sagt er plötzlich sehr bestimmt. Deshalb sei er auch nach Berlin gekommen, weil es hier viele Hochschulen gebe.

Karla Loose schaut in ihren Computer, denkt kurz nach. 23 ist er, sagt sie fast zu sich selbst, da wäre es vernünftig, den Studienabschluss zu machen. Vielleicht an einer Fachhochschule, da wäre er nicht so verloren wie an einer großen Universität, fügt sie mütterlich hinzu. Wie er das Leben neben dem Studium bezahlen soll, ist aber unklar. Bafög bekommt er offiziell nicht, weil Studienabbrecher in Deutschland das Recht auf diese Unterstützung einbüßen. Dass jemand wegen Flucht den Hörsaal verlässt, ist im deutschen System nicht vorgesehen. Auf solche Schwierigkeiten stoßen Karla Loose und ihre Kolleginnen immer wieder. „Er muss erst mal Deutsch können. Das ist das größte Problem.“ Aws spricht nur leidlich Englisch.

Um die Sprachbarriere überwindbar zu machen, unternimmt die Regionaldirektion große Anstrengungen. 8000 Plätze in Deutsch-Kursen, die noch 2015 beginnen, wolle die Behörde in Berlin und Brandenburg finanzieren, sagt ein Sprecher. Bezahlt werden sie aus Rücklagen der Bundesagentur. Kapazitäten seien bei privaten Schulen, dem Goethe-Institut und den Volkshochschulen akquiriert worden. Denn die Experten wissen: Es dauert mindestens ein halbes Jahr mit intensivem Unterricht, ehe selbst begabte Migranten mit Fremdsprachenvorkenntnissen ein Niveau erreichen, mit dem sie in einer Berufsschule dem Unterricht folgen können. Und es sind viele, bei denen es länger dauern dürfte. Aber man fängt schon mal an.

Datenmissbrauch scheint nicht die Sorge zu sein

Im Konferenzraum im vierten Stock sitzen bereits 15 Flüchtlinge aus dem Iran, aus Syrien, Afghanistan und Pakistan. Drei Mitarbeiterinnen führen die Menschen in der Gruppeninformation ins deutsche System ein. Das Gespräch läuft auf Englisch, aber nicht alle können folgen, müssen Übersetzer befragen, manche helfen sich gegenseitig. Die Flüchtlinge sollen einen Fragebogen ausfüllen, angeben, was sie gelernt und gearbeitet haben. „Wir nutzen die Daten nur für Sie, um Sie zu unterstützen“, versichert die junge Frau vom Arbeitsamt. Die Menschen nicken. Datenmissbrauch scheint nicht ihre Sorge zu sein. Wenn der Dublin-Check durch sei, werde man sie zu persönlichen Gesprächen einladen. Im Dublin-Check wird geprüft, ob die Flüchtlinge womöglich über ein anderes Land als Griechenland in die EU gekommen sind und deswegen dorthin zurückgeschickt werden müssten.

Aws Alotham Alsagier wird empfohlen, bei einer spezialisierten Beratungsstelle für syrische Akademiker vorzusprechen. Außerdem soll er seine Zeugnisse von der in der Türkei lebenden Mutter besorgen und zur Beglaubigung vorlegen. Schließlich zieht Loose auch noch einen Sprachkurs aus ihrer Datenbank, am Ostkreuz, nicht so weit weg von seiner Unterkunft in Marzahn. Zwölf Wochen, vier Stunden täglich. Zweimal die Woche Volkshochschule wären für ihn zu wenig. „Schicken Sie eine E-Mail, wenn Sie dort angemeldet sind und wenn Sie Post vom Bundesamt bekommen“, gibt Loose dem Klienten mit auf den Weg. Denn wenn er als Flüchtling anerkannt ist, wandert sein Fall zum zuständigen Jobcenter. In der Arbeitsagentur wollen sie aber die Daten so gut wie möglich aufbereiten.

Das Gespräch dauert fast eine Stunde. Der junge Mann ist durchaus beeindruckt. Bisher findet er die bürokratischen Abläufe in Deutschland „schwierig und kompliziert“, wie der Dolmetscher übersetzt. „Wir haben etwas Kleines auf den Weg gebracht“, sagt Karla Loose.