Gastbeitrag

Weihnachten ist ein Fest für Optimisten

Bischof Markus Dröge erinnert daran, dass die Menschen vor dem Lageso mehr mit Weihnachten zu tun haben als das Fest in vielen Familien.

Bischof Markus Dröge beim Weihnachtsgottesdienst im Jahr 2012

Bischof Markus Dröge beim Weihnachtsgottesdienst im Jahr 2012

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Als unverbesserliche Optimisten oder Ignoranten könnten Christenmenschen bezeichnet werden, wenn sie gerade jetzt vom Frieden auf Erden reden und Weihnachtslieder mit Freude und Begeisterung singen: „Hört der Engel helle Lieder.“ „Friede auf Erden!“

Aber ein solcher Vorwurf verkennt den biblischen Realismus. Weihnachten geschah in einer gewalttätigen Zeit: Die Besatzungsmacht hatte eine Volkszählung erzwungen, und der einheimische Herrscher Herodes verteidigte seine Macht, wie heute Assad in Syrien, mit allen Mitteln, bis hin zum Kindermord. Die junge Frau ist hochschwanger. Mit ihrem Partner findet sie keine Unterkunft. Das Kind kommt in einem Stall zur Welt.

Es gehörte schon eine verwegene Vorstellungskraft dazu, in diesem Kind Gott zu erkennen und damit auf Frieden zu hoffen. Aber gerade deshalb berührt die Weihnachtsgeschichte über zwei Jahrtausende hinweg so sehr. Auch alle Versuche in der DDR, Weihnachten zu einem „Jahres-endfest“ umzudeuten, haben nicht funktioniert.

Kein Christbaum, kein Weihnachtsmann

Natürlich ist die Weihnachtsgeschichte kein historisches Protokoll, sondern eine legendär angereicherte Interpretation. Und doch beginnt sie fast schmerzhaft realistisch: „Es begab sich aber zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war“. Kein Christbaum, kein Weihnachtsmann, kein Festtagsbraten und keine reich gedeckten Geschenktische kommen darin vor. Die Geschichte ist an den Familien, die vor dem Lageso stehen, näher dran als an dem Weihnachtsfest, wie es heute in vielen Familien gefeiert wird.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich freue mich von Herzen mit jedem, der heute nicht allein ist, sondern im Kreis der Familie von Kindern, Enkeln und Tanten zusammen sitzt. Und in jeder größeren Familie wissen wir doch, wie viel Kraft die Fürsorge für die Kinder und die Sorge um altgewordene Eltern kostet. Wie gut, wenn es uns dann noch gelingt, uns mit der Menschenfreundlichkeit zu begegnen, die wir uns für uns selbst auch wünschen.

Wer als aufgeklärter Mensch auf die biblische Weihnachtsgeschichte schaut, merkt aber sofort: Da ist von menschlichem Elend die Rede. Vielleicht sind Sie, die Sie diesen Text lesen, es leid, auch noch an Weihnachten über die Krisen in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten, über die Terroranschläge in Paris und die Not der Flüchtlinge nachzudenken.

Was ist mit dem „Frieden auf Erden“?

Trotzdem: Wir würden einen falschen Frieden feiern, wenn wir nicht einmal den Anspruch an uns und unsere Welt hätten, am Weihnachtsfest auch nach seinem Inhalt zu fragen. Was ist mit dem „Frieden auf Erden“? Kennen wir noch die Friedensvisionen der Menschheit?

Als vor 70 Jahren im Oktober 1945 die Charta der Vereinten Nationen veröffentlicht wurde, war das die Geburtsstunde der Uno. Nach der humanitären Katastrophe des Zweiten Weltkriegs wurde ein Bündnis für Frieden geschaffen. Miteinander im Gespräch sein, statt Krieg zu führen, war die Absicht. Eine friedliche Welt, in der die Würde jedes Menschen geachtet wird. Aber die großen Hoffnungen haben sich bislang nicht erfüllt. Die Weltgemeinschaft sieht sich nicht in der Lage, die Instrumente der Uno, wie sie in der Charta beschrieben sind, anzuwenden, um der grausamen Terrorgruppe des sogenannten Islamischen Staates das Handwerk zu legen.

Die Weltgemeinschaft kann konkret handeln

Militäreinsätze durchzuführen wird keinen Frieden bringen, wenn die Regierungen sich nicht in der Uno entschlossen engagieren, alle eigenen nationalen Interessen zurückzustellen und Friedenskonzepte entwickeln. Aktuell ist die Einigung auf dem Klimagipfel in Paris ein überzeugendes Beispiel dafür, dass es doch möglich ist, als Weltgemeinschaft konkret zu handeln. Das beharrliche Werben für den Umweltschutz vieler auch kirchlicher Umweltgruppen war erfolgreich.

Für „Brot für die Welt“ wird heute Abend in allen evangelischen Kirchen gesammelt. „Brot für die Welt“ unterstützt weltweit diejenigen, die sich basisnah für die Menschenrechte einsetzen. Denn nur wo Menschenrechte gelten, können Kriege bekämpft und Fluchtursachen beseitigt werden. Gottlob kann „Brot für die Welt“ über weltweite kirchliche Kontakte das Geld dorthin lenken, wo es wirklich gebraucht wird.

Die Hirten aus Bethlehem haben in dem neugeborenen Kind den Sohn Gottes entdeckt. Das war ziemlich kühn. Ist es für uns vorstellbar im Gesicht der Frau aus Syrien oder des Mannes, der in Spandau auf der Straße lebt, ein Ebenbild Gottes zu erkennen? Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtfest, schön und wahrhaftig zugleich.

Bischof Markus Dröge ist der geistliche Leiter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

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