Fotoband

Die 95 Seiten von Kreuzberg

Ein Fotoband zeigt das Leben im Bezirk in den 70er-Jahren. Der Kiez hat sich stark verändert.

Foto: Ludwig Menkhoff / Ludwig Menkhoff.

Die Bildersammlung war praktisch verpackt. Wenn auch etwas ungewöhnlich. „Die Fotos steckten in einer abgegriffenen Supermarktüte“, erinnert sich Moritz Möller, der das wundersame Material Jahrzehnte, nachdem es auf den Straßen und auf den Hinterhöfen eines inzwischen längst verschwundenen Kreuzbergs entstanden war, im Café des Märkischen Museums erhielt und nun vorsichtig aus der verbeulten, blau-weißen Plastiktasche zog.

Es war der künstlerische Nachlass eines Berliner Unikums, einer Szene-Größe, eines großen Kneipengängers, weltgereisten Seemanns, Geschichtenerzählers und tief melancholischen Menschen: Ludwig Menkhoff. Am Ende des 95-seitigen Buchs hat Möller, der an der Veröffentlichung im Verlag M entscheidend beteiligt war, ein Portrait des Fotografen angefügt. Es zeigt einen lächelnden, gut 70-jährigen Schiebermützenträger mit weißem Vollbart. An Heinrich Zille zu denken, führt in die richtige Richtung.

Dabei war der Mann, den man im Kiez als Urberliner kannte, ein gebürtiger Niedersachse. Menkhoff kam 1923 in Nordenham auf die Welt. Sein langjähriger Freund Erik Steffen erzählt von einem jüdischen Hintergrund, aber auch vom Dienst Menkhoffs in der Wehrmacht, von Kriegsgefangenschaft bei den Russen, die Menkhoff dann so uminterpretierte, dass er als beherzter Überläufer erschien, der an der Seite der Roten Armee Deutschland befreite.

25 Jahre als Elektriker auf schwedischen Schiffen

Nach 25 Jahren als Elektriker auf schwedischen Schiffen ließ sich Menkhoff in der Inselstadt West-Berlin nieder, an der Naunynstraße. Moritz Möller vermutet, dort habe ihn das Leben unter Gleichgesinnten gereizt. „Man traf auf die unterschiedlichsten Biografien, auf Menschen, die ihr Leben sehr kreativ und dynamisch angingen.“

Das eigene Leben ließ Menkhoff erst in seinen Erzählungen an den Stammtischen des Bezirks entstehen. Vieles um sich ließ er vage. So weiß niemand, mit welcher Kamera er seine Fotografien machte und wer diese entwickelte.

Kurz vor seinem Tod im März 2008 lieferte Menkhoff seine eingetüteten Bilder bei einem Freund ab. Später bekam sie Moritz Möller. Der kippte sie irgendwann bei sich daheim einfach über den Wohnzimmerboden, stieg auf einen Stuhl und schaute sich von oben an, welche der Fotos wohl am besten für ein Buch passen würden.

Die Berliner Morgenpost hat die Orte, die Menkhoff in den 70er-Jahren ablichtete, noch einmal besucht. Im Internet lässt sich der Wandel interaktiv erleben (interaktiv.morgenpost.de/kreuzberg-1970-2015/).

„Stationen sonstiger Augenblicke,
Berlin-Kreuzberg: Fotografien“ von
Ludwig Menkhoff, Peter Gormanns / Siebrand Rehberg, Verlag M, 95 S.,
24,90 Euro