40.000-Euro-Projekt

Pantomimen scheitern am Touristen-Lärm in Friedrichshain

Im Sommer haben Pantomimen in Friedrichshain-Kreuzberg erfolglos für mehr Ruhe geworben. Nun soll das Ordnungsamt durchgreifen.

Die Pantomime-Künstler sollten für Ruhe im Kiez sorgen. Ihr Einsatz führte nicht überall zum Erfolg. Nun soll das Ordnungsamt durchgreifen

Die Pantomime-Künstler sollten für Ruhe im Kiez sorgen. Ihr Einsatz führte nicht überall zum Erfolg. Nun soll das Ordnungsamt durchgreifen

Foto: dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Der erste Versuch hat nur halb funktioniert. Um lärmende Kneipengäste zu mehr Rücksicht gegenüber Anwohnern aufzufordern, waren Pantomimen und Mediatoren in Friedrichshain und Kreuzberg unterwegs, an 15 Einsätzen im Sommer 2015. Der Stadtrat für Ordnung, Peter Beckers (SPD), hat die Ergebnisse dieses Pilotprojekts jetzt ausgewertet – mit überraschenden Ergebnissen.

An der Simon-Dach-Straße und an der Warschauer Straße in Friedrichshain sei das nicht angekommen, sagte er. Die meisten Gäste seien Touristen gewesen, „die zum Feiern gekommen sind“. Sie hätten das Anliegen nicht verstanden.

Anders an der Falcken­steinstraße und der Schlesischen Straße in Kreuzberg. „Dort sind viele Anwohner abends unterwegs. Sie haben die Hinweise akzeptiert und mit mehr Ruhe reagiert.“

Berlin will "stadtverträglichen Tourismus"

Der Einsatz der Pantomimen ist nur eine Aktion von vielen, durch die das Bezirksamt zusammen mit Partnern wie „Visit Berlin“, dem Dehoga, der Clubkommission und Unternehmen der Gastronomie und der Hotelbranche die unangenehmen Begleiterscheinungen des Partytourismus im Bezirk dämpfen will.

„Stadtverträglicher Tourismus“ heißt das gesamte Vorhaben. Unter www.fairkiez.berlin sind Einzelheiten beschrieben. Es sei erstmals gelungen, für ein solches Ziel so viele Beteiligte an einen Tisch zu holen, so der Stadtrat. Man habe sich zunächst angesehen, welche Lösungen andere europäische Städte wie Paris und Barcelona gefunden haben, sagte Beckers. 37 Aktionen wurden dabei ermittelt. Eine davon war der Pantomimen-Einsatz.

Er hat in Friedrichshain-Kreuzberg 40.000 Euro gekostet. Zusammen mit der Analyse in den 21 europäischen Städten liegen die Kosten für das Projekt „Stadtverträglicher Tourismus“ bisher bei 100.000 Euro. Je zur Hälfte wurde es aus EU-Mitteln und von den Partnern des Bezirks finanziert.

"Wir wollten es ausprobieren"

Dass der Versuch mit den Pantomimen kein voller Erfolg wurde, nimmt Beckers in Kauf. „Wir wollten es ausprobieren“, so der Stadtrat. Es sei nur eine von vielen Maßnahmen. Dass ein stadtverträglicher Tourismus nicht von heute auf morgen zu erreichen sei, hatte Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft „Visit Berlin“, schon im Sommer hervorgehoben.

In Kreuzberg wird der Pantomimen-Einsatz möglicherweise wiederholt. In Friedrichshain soll künftig das Ordnungsamt am späten Abend stärker zum Einsatz kommen. Eine vor Jahren getroffene Vereinbarung von Gastwirten und Anwohnern sieht vor, dass der Außenausschank an Wochentagen nur bis 23 Uhr, an Wochenende bis 24 Uhr dauern soll.

Doch sie wird oft missachtet. Nun soll das Umweltamt feststellen, ob am Abend die zulässigen Lärmwerte in den Straßen des Simon-Dach-Kiezes überschritten werden. Sollte das der Fall sein, dann werden Mitarbeiter des Ordnungsamtes darauf achten, dass am Wochenende ab 24 Uhr die Wirte den Außenausschank beenden und Tische und Stühle hineinstellen.

Aufklärung der Touristen durch Flyer

„Die Anwohner sollen wenigstens ab Mitternacht schlafen können“, so Stadtrat Beckers. Außerdem werden Stadtpläne in den Gaststätten ausgelegt, in denen besonders auf die Wohngebiete hingewiesen wird.

„Im Ausland gibt es oft Kneipengegenden, in denen kaum noch jemand wohnt“, so Beckers. „Da stört man niemanden. Bei uns ist das anders. Das muss man den Touristen deutlich machen, weil sie es vielleicht nicht wissen.“

Die zahlreichen Anwohnerbeschwerden richten sich jedoch nicht nur gegen Lärm. Auch dagegen, dass Partytouristen immer wieder in Hauseingängen urinieren und Mieter den Gestank ertragen müssen.

Toilettencontainer auf Touristenmeilen

Deshalb will das Bezirksamt 2016 entlang der großen Touristenmeile zwischen Friedrichshain und Kreuzberg Toilettencontainer aufstellen, die kostenlos zu benutzen sind. Sie sind im östlichen Görlitzer Park geplant, an der Oberbaumstraße, nahe der East Side Gallery und an der Revaler Straße Ecke Warschauer Straße. Die Planung habe begonnen, sagte Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne). Das Bezirksamt dürfe die Container jedoch nur auf Grünflächen errichten, wegen des Vertrags von Berlin mit der Wall AG. Jede Anlage koste mehrere zehntausend Euro.

Das Bezirksamt ist außerdem im Gespräch mit Gastwirten. Sie sollen dazu bewogen werden, dass Touristen künftig die Sanitärräume in ihren Lokalen kostenlos benutzen dürfen. Wenn das gelingt, dann werden fremdsprachige Flyer die ausländischen Gäste auf diese Möglichkeit hinweisen.

Außerdem werde eine verstärkte Straßenreinigung durch die BSR, auch während der Nachtstunden, erwogen, sagte Stadtrat Beckers. „Der Bezirk kann diese Probleme nicht allein lösen.“ Das Land Berlin verdiene Geld durch die City-Tax und durch die Besucher aus dem In- und Ausland. „Ich erwarte deshalb, dass der Senat mit für die Folgen des Tourismus aufkommt und uns damit nicht allein lässt, auch finanziell.“