Nach Terroranschlag

Berlins Muslime fühlen sich wegen Paris "genötigt"

Berliner Muslime verurteilen die Anschläge von Paris. Sie warnen vor einer unkontrollierten Zuwanderung nach Europa.

Müssen Stellung beziehen: Abdullah Wagishauser (l.) und Imam Arif von der Gemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat in Pankow

Müssen Stellung beziehen: Abdullah Wagishauser (l.) und Imam Arif von der Gemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat in Pankow

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Es ist mal wieder an der Zeit, Missverständnisse auszuräumen. Und zum Glück sind Muslime in Deutschland das inzwischen gewohnt, weshalb sie in der Khadija Moschee in Pankow über große Infotafeln verfügen. Dass es im Islam keinen Zwang gibt, ist da zu lesen – Frauen ihr Kopftuch für gewöhnlich also freiwillig tragen. Dass der Dschihad, der Kampf auf dem Wege Gottes, in erster Linie ein Kampf gegen das eigene Ego ist. Und dass ein guter Muslim sein Schwert nur zur Verteidigung erheben darf.

Letzteres klingt besonders brisant, jetzt, da radikale Muslime im Namen des Islam erneut Massenmorde verübt haben. In der Khadija Moschee in Berlin haben die Mitglieder der Gemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat ihre Pressekonferenz zum Thema Flüchtlinge darum am Mittwoch kurzfristig etwas abgeändert. Es gibt Redebedarf, das wichtigste Thema sind derzeit natürlich die Anschläge von Paris.

Die Position der Gemeinde, die bundesweit 14.000 Mitglieder hat, davon 350 in Berlin, ist klar. Im Namen von Kalif Hadhrat Mirza Masroor Ahmad wird eine Erklärung verlesen, die mit scharfen Worten gespickt ist. „Ich hoffe und bete, dass die Täter und Drahtzieher dieses abscheulichen Verbrechens zügig enttarnt und vor Gericht gestellt werden“, heißt es. Jeder friedliebende Muslim empfinde großen Schmerz darüber, dass seine Religion auf diese ungerechte Weise beschmutzt und ausgenutzt werde.

Distanzieren, immer wieder distanzieren

Statements, Verurteilungen, Erklärungen zu den Attentaten in Paris hat es in den letzten Tagen viele gegeben. Die von muslimischer Seite klingen dabei besonders wütend, besonders verbittert. Denn wieder einmal muss man wegen der Taten einer radikalen Minderheit Stellung beziehen. Die ZDF-Politsatire „Die Anstalt“ hat das nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo aufs Korn genommen. Ein Muslim soll sich zu Paris distanzieren, weiß aber nicht wie, da er aus Bielefeld kommt. Am Ende sollen sich alle Männer von ihrem Geschlecht distanzieren, da Männer die meisten Verbrechen begehen.

„Wir distanzieren uns, wir machen das natürlich“, sagt Gemeindesprecher Muhammad Asif Sadiq, lässt aber auch durchblicken, dass er die Glaubensgenossen verstehen kann, die davon inzwischen genervt sind. „Die muslimische Gemeinde hat auch nicht erwartet, dass sich alle Christen von Anders Breivik (norwegischer Terrorist, Anm. d. Red.) distanzieren.“ Imam Said Ahmed Arif spricht sogar von „Nötigung“.

Doch Fragen, warum die meisten Terroranschläge von Muslimen verübt werden, müssen erlaubt sein – und sind es dann auch wieder nicht: „Wie kann man denken, dass allein die Religion daran Schuld ist?“, fragt Arif, während der Bundesvorsitzende, Abdullah Uwe Wagishauser, auf die Gemengelage, den Einfluss des Westens und die Finanzierung des „Islamischen Staats“ durch andere arabische Länder verweist.

Das alles ist nicht wirklich zufriedenstellend, doch immerhin hat Wagishauser auch gute Nachrichten: Er sehe in Deutschland keine besondere Gefahrenlage durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). „Wir sind auf Extremismus besser vorbereitet als andere“, so Wagishauser. Im Gegensatz zu Ländern wie Belgien gebe es hier keinen rechtsfreien Raum, keine Ghettoisierung wie in Frankreich oder England. Die „Kommunikationsebene“ sei dank Runder Tische und interreligiöser Dialoge sehr gut.

Bildung gegen die Radikalisierung

Die Forderung der Gemeinde, die sich mit zehn Millionen Mitgliedern als größte Gemeinde unter den organisierten Muslimen bezeichnet, ist, den IS dennoch nicht zu unterschätzen. Ihn zu besiegen, sei nur möglich, wenn sich alle Staaten beteiligen. „Es wird uns nicht vor einem Krieg bewahren, wenn wir einfach nur dem Islam die Schuld zuschieben“, heißt es im Statement des Kalifen, der außerdem vor einem oberflächlichen Umgang mit Sicherheitskontrollen bei der Zuwanderung warnt. Mit Bezug auf einen IS-Sprecher nennt er die Zahl von einem Extremisten pro 50 Flüchtlinge.

Wenn das stimmt, gäbe es in Berlin rund 1000 Extremisten. Dass diese „entlarvt“ werden, ist laut Ahmadiyya Aufgabe des Verfassungsschutzes. Zudem müssten die Mitarbeiter in den Unterkünften geschult werden, Extremisten zu erkennen.

Die Gemeinde selbst ist durch Flüchtlinge in den letzten zwei Jahren um 100 Mitglieder gewachsen. Die meisten kommen aus Pakistan, wo Ahmadiyya-Muslime seit 1974 vom Islam ausgeschlossen sind. Trotzdem ist der Anspruch nicht, in Berlin große Flüchtlingshilfe zu betreiben, dafür fehlen die Ressourcen. Vielmehr bietet die Gemeinde andere karitative Projekte an, ein Ziel ist vor allem die Aufklärung junger Menschen. Bildung als bestes Mittel gegen Extremismus.

Dazu gehört auch die Plakataktion „Muslime gegen Gewalt“. Darauf stehen Koranverse, die in diesen Tagen von vielen wohl nicht mit dem Islam assoziiert werden. Auf einem heißt es: „Stifte kein Unheil auf Erden“.