Immobilien

Berliner Ex-Boxer will in Lichtenberg 1000 Wohnungen bauen

Immobilienentwickler und Ex-Boxer Dirk Moritz wirbt in New York für sein Bauprojekt. In Lichtenberg sollen 1000 Wohnungen entstehen.

Immobilienentwickler Dirk Moritz in New York: Der Ex-Boxer sucht Finanziers für sein Projekt „The Square3“ in Lichtenberg

Immobilienentwickler Dirk Moritz in New York: Der Ex-Boxer sucht Finanziers für sein Projekt „The Square3“ in Lichtenberg

Foto: Lukas Hermsmeier

Das erste Mal war er 1994 in New York. Ein Kurztrip mit Kumpels. „Wir sind in Manhattan hoch und runter gerannt, haben nicht geschlafen“, erzählt Dirk Moritz. Drei Tage Rausch und Überforderung. Das Hohe, Enge, Schnelle, Laute dieser Stadt schüchterte ihn, wie so viele, ein. „Und andersrum konnte ich mir nicht vorstellen, dass New York was mit mir anfangen kann“, sagt Moritz. „Mit so einem Ossikind.“

21 Jahre später sitzt das Ossikind bei einem Gala-Dinner im Central Park und isst Filet Mignon. Das Restaurant „The Loeb Boathouse“ liegt direkt am Seeufer. Hinter den Bäumen ragen die Hochhäuser Manhattans empor. Auf dem Tisch von Moritz sind Broschüren seiner Firma verteilt. Auch darauf sind Hochhäuser abgebildet. Die sind allerdings noch nicht gebaut. Es sind Visualisierungen. „The Square3“ heißt das Projekt, das Moritz schon seit Jahren plant, das er in seiner Heimatstadt Berlin für eine halbe Milliarde Euro bauen will und das er an diesem Abend in New York präsentiert. Um ihn herum sitzen Architekten, Stadtplaner, Anwälte, Banker. Ja, sie können was mit dem „Ossikind“ anfangen.

Zu DDR-Zeiten wurde er Berliner Box-Meister

Auf die Idee, Immobilien zu entwickeln, kam Dirk Moritz, heute 53 Jahre alt, spät. Lang sah es so aus, als würde der einzige Sohn einer Lehrerin und eines Arbeiters aus Prenzlauer Berg Boxprofi werden. Zu DDR-Zeiten wurde er Berliner Meister und Studentenmeister. Ein Leichtgewicht, zu schnell für die meisten Gegner. Doch nach KFZ-Mechaniker-Lehre und Militärdienst holte Moritz das Abitur nach, studierte an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig und verabschiedete sich nach ein paar Jahren als Boxtrainer komplett vom Sport. Er arbeitete vorübergehend als Bier-Vertreter, verkaufte das Berliner Pilsner aus dem Osten an Kaufhäuser im Westen.

Mit 30 gründete er eine Finanzdienstleistungsfirma. Mit Mitte 40 zog er spontan nach London, lebte dort in einer WG. Ein Freund beauftragte Moritz 2005 mit der Planung für den Umbau eines Umspannwerkes an der Prenzlauer Allee in ein Wohnhaus. Es war sein erstes großes Werk. Der unorthodoxe Weg in das Baubusiness hat Spuren hinterlassen. Wie damals im Ring macht Moritz fast alles alleine: Planung, Durchführung, Vermarktung. Selbst die Broschüren für „Square3“ hat er selbst entworfen.

Männer in Anzügen und mit Vornamensschildern an der Brust

Am nächsten Morgen sitzt Moritz im Headquarter der Deutschen Bank an der Wall Street. 47. Stock, das neue World Trade Center glitzert weiter nördlich im blauen Himmel. Das Urban Land Institute (ULI), ein 1936 gegründeter Think Tank mit mehr als 36.000 Mitgliedern, hat zu einem transatlantischem Forum geladen: Das ULI ist eine Non-Profit-Organisation, doch die Mitglieder finden Profit nicht so schlecht. Es sind vor allem weiße Männer in Anzügen und mit Vornamensschildern an der Brust. Christoph Schumacher, Geschäftsführer der „Union Investment Institutional Property GmbH“, erklärt den US-Investoren, warum sie Geld nach Deutschland pumpen sollten. „Strong Mittelstand“, „Kreativität“, „Englisch sprechende Menschen“. Es wird über Claudia Schiffer und Würste gewitzelt.

Dann spricht Vishaan Chakrabarti, ein renommierter US-Architekt, der an der Columbia University lehrt und als „Pate der High Line“, einer zum Park umgebauten Hochbahntrasse, gilt. „Fast immer, wenn in New York Land frei wird, entsteht ein Luxuswohnhaus mit einem Duane Reade im Erdgeschoss“, kritisiert Chakrabarti. Duane Reade ist das deutsche Äquivalent zur Drogeriekette Rossmann. Der Start-Architekt wünscht sich mehr Mixed-use. „In dem Punkt läuft New York hinterher“, sagt Chakrabarti.

Die Entwürfe für „The Square3“ hatte Moritz selbst gezeichnet

Mixed-use ist Moritz’ Signalwort. Direkt am Sportforum Hohenschönhausen in Lichtenberg sollen bis 2019 rund 1000 Wohnungen sowie Geschäfte, Restaurants, Kitas und ein Sportcampus entstehen. Geplant sind drei Türme, bis zu 118 Meter hoch, in Gestalt eines Siegerpodests. Die Entwürfe dafür hatte Moritz selbst gezeichnet. „Durch Mixed-use entsteht Identifikation. Hier sollen Senioren, Flüchtlinge, Familien wohnen“, erklärt Moritz, dem es gelingt, die Worte „Nasszelle“ und „Living Space“ in einem Satz unterzubringen. 2013 war „Square3“ für die MIPIM-Awards in Cannes, den Immobilien-Oscar, nominiert. „International bekommen wir Anerkennung“, sagt Moritz.

Vom Berliner Senat ist er enttäuscht: „Baudirektorin Lüscher interessiert sich nicht für uns.“ Er warnt: „Berlin muss aufpassen, dass nicht nur Flachwurzler kommen.“ Flachwurzler? „Leute, die ein paar Jahre das schöne Leben mitnehmen, sich nicht engagieren und dann abhauen.“ Sein zweites großes Projekt heißt „Secret Garden“. 2008 hatte er ein von 30 Tonnen Schutt und Müll begrabenes, ehemaliges Varietétheater in Mitte entdeckt. Bis Ende 2016 soll das Luxuswohnhaus fertig sein.

Der Quereinsteiger will lieber über Visionen sprechen

In New York diskutieren sie jetzt bei einem Roundtable Marktpreise und Trends. Viele Fachbegriffe, sehr nüchtern. Moritz wirkt deplatziert. Er, der Quereinsteiger, will lieber über Visionen sprechen. „Wie wollen wir in Zukunft leben? Das ist doch die Frage“, sagt er. Mit der Branche hat er Probleme. Er spricht später von „Immobilienfuzzis“. „Jeder bescheißt jeden. Es gibt hier so viele Alphatiere“, meckert Moritz, zu dem das Wort Alphatier eigentlich ganz gut passt. Der Vater von drei Kindern pendelt derzeit zwischen Berlin und London, wo er ein weiteres Wohnhaus baut.

Die Immobilienfuzzis – Moritz mittendrin – fahren nun mit dem Bus raus aus Manhattan zum „Brooklyn Bridge Park“. Hier werden mehrere Piers zu Liegewiesen und Sportplätzen umgebaut. Moritz schaut Richtung Brachflächen: „Ich glaube, dass sich hier was findet.“ Er will wieder kommen.