Prozess

„Ich hatte Frust und wurde aggressiv“

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Michael Mielke

Vier Männer attackieren in der U-Bahn grundlos zwei mongolische Passanten. Jetzt stehen die Täter wegen versuchten Mordes vor Gericht

Berlin.  Der 16-jährige Nadiem H. bringt es auf den Punkt: Er habe Frust gehabt, heißt es in einer Erklärung, die sein Verteidiger vor einer Moabiter Jugendkammer vorträgt. Zunächst seien seine Freunde nicht – wie geplant – zu einer Disco mitgekommen. Und dann sei auch noch das zweite Vorhaben gescheitert: Auf dem Alexanderplatz Mädchen anzumachen und zum Mitkommen zu bewegen.

Die Konsequenz war ein aggressives Verhalten, das in der Nacht zum 9. Mai für einen völlig unbeteiligten Mann 2015 fast den Tod bedeutete. Nadiem H. und der 21-jährige Khaled M. müssen sich jetzt wegen versuchten Mordes verantworten. Zwei weitere Angeklagte stehen wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Alle vier kommen aus Migrantenfamilien. Ein Polizeisprecher sprach nach der Festnahme der Beschuldigten von einer „Hasskriminalität von Minderheiten gegen Minderheiten“.

Die Opfer waren zwei junge Männer aus der Mongolei. Der Anklage zufolge hatte Nadiem H. sie im U-Bahnhof Alexanderplatz völlig grundlos beleidigt. Es sollen Wort wie „Scheiß Chinesen“ gefallen sein. Diese Beschimpfungen gingen im Zug der Linie U2 in Richtung Ruhleben weiter. Der Angeklagte Khaled M. soll zu dieser Zeit schon ein Messer mit einer zwölf Zentimeter langen Klinge gezückt und damit gedroht haben. Am U-Bahnhof Klosterstraße sollen die Angeklagten die beiden Mongolen aus dem Zug geschubst und sie „massiv geschlagen und getreten“ haben. Als eines der Opfer sich mit seiner Umhängetasche verteidigte und dabei einen der Angeklagten zu Boden schlug, soll ihn Khaled M. mit dem Messer gestochen haben. Im Anklagesatz ist von einem „kraftvollen Aufwärtsstoß wuchtig in den Bauch“ die Rede. Dabei wurde der Magen durchstochen und die Hauptschlagader nur knapp verfehlt. Nadiem H. soll den schwer verletzten Mann anschließend auch noch ins Gleisbett gestoßen haben. Der zweite Mongole sprang dann zu seinem Freund und vertrieb die Täter durch Würfe mit Schottersteinen. Der Schwerverletzte konnte wenig später nur durch zwei Notoperationen gerettet werden. Er ist in diesem Prozess Nebenkläger und wird am Donnerstag als Zeuge vernommen.

Die Staatsanwaltschaft kann sich auch ohne diese Aussage auf eine sichere Beweislage stützen. Fast alle Taten wurden durch Überwachungskameras im U-Bahn-Waggon und auf den Bahnsteigen aufgenommen. So kommt es auch nicht überraschend, dass alle vier Angeklagten Aussagen angekündigt haben. Der 19-jährige, aus Georgien stammende Beka B. gab zu Protokoll, dass er am Abend zuvor reichlich getrunken habe – ein Gemisch aus Wodka und Red Bull. Er habe deswegen keine genauen Erinnerungen und wisse das meiste durch die zu den Beweismitteln gehörenden Videoaufnahmen. Er habe sich vorher noch nie geprügelt und sei Schlägereien konsequent aus dem Weg gegangen. Seine Aggressivität könne er sich nur durch den ungewohnten Alkoholkonsum erklären.

Die beiden anderen Angeklagten werden sich erst an den folgenden Prozesstagen zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft äußern. Von den Verteidigern wurden vor Gericht die unzumutbaren Zustände in der Jugendstrafanstalt beklagt. So sei ihnen erst nach stundenlanger Wartezeit ermöglich worden, mit ihren Mandanten zu sprechen und sich auf den Prozess vorzubereiten.