Flüchtlingskind

Entführter Mohamed - die Pressekonferenz der Polizei

Der vierjährige Mohamed ist offenbar tot, ein Verdächtiger wurde festgenommen. Die Polizei informiert über den aktuellen Ermittlungsstand.

Polizeisprecher Stefan Redlich, Oberstaatsanwalt Michael von Hagen und Winfried Wenzel vom Landeskriminalamt

Polizeisprecher Stefan Redlich, Oberstaatsanwalt Michael von Hagen und Winfried Wenzel vom Landeskriminalamt

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Im Fall des entführten vier Jahre alten Flüchtlingsjungen Mohamed ist in Berlin am Donnerstag ein Tatverdächtiger festgenommen worden. Nach Informationen der Berliner Morgenpost handelt es sich dabei um den Mann, der auf Fotos und Videos mehrerer Überwachungskameras zu sehen ist. Eine Kinderleiche wurde im Kofferraum des Autos des 32-Jährigen gefunden, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf.

Die Pressekonferenz der Polizei:

Michael von Hagen, Oberstaatsanwalt: Wir haben heute die Gewissheit bekommen, dass Mohamed getötet worden ist. Der Tatverdächtige wurde festgenommen. Wir hatten zu Beginn der Woche mit neuen und besseren Bildern eine Öffentlichkeitsfahndung durchgeführt. NAchdem es am Dienstagbabend zuunächst einen vagen Hinweis gegeben hatte, gab es heute ein Anruf bei der Berlienr Polizei von der Mutter des Verdächtigen. Ihr Sohn habe ihr offenbart, dass er mit der Entführung zu tun habe.

Als die Polizisten an der Tür der Mutter des Verdächtigen waren, fuhr der Verdächtige vor. Er gab zu, dass der Leichnam des Kindes in seinem Auto sei. Der 32-Jährige Brandenburger werde zurzeit vernommen. Es handelt sich um einen Jüterboger. Wir haben, was diese Person angeht, keinerlei Berlin-Bezug.

Die Leiche wird seit 16 Uhr obduziert. Es ist noch unklar, ob es sich um Mohamed handelt. Es dürfte sich aber um Mohamed handeln, der Verdächtige habe sich dementsprechend geäußert.

Winfried Wenzel, Kriminaloberrat: Es gibt keine Berliner Meldeanschrift für den Tatvedächtigen. Man stehe noch am Anfang der Ermittlungen. Man gehe aber davon aus, dass eine gewisse Ortskenntnis vorhanden ist. Wir gehen nach jetzigem Stand von einem Einzeltäter aus. Es gibt bislang keine Erkenntnisse auf einen sexuellen Hintergrund. Der Verdächtige hat die Tat gestanden und sich auch zur Begehungsweise geäußert, allerdings nicht zu dem Tatzeitpunkt.

von Hagen: Leiche ist einer äußeren Leichenschau unterzogen worden. Das Kind wurde wohl nicht erst heute getötet. Wann, ist noch unklar, der Verdächtige hat sich noch nicht dazu geäußert. Aber es ist davon auszugehen, dass der Tod schon einige Zeit zurückliegt.

Wenzel: Es gab in der Nacht zu Mittwoch bereits einen Hinweis aus dem Umfeld des Mannes, der aber sehr vage formuliert war. Es gab dann eine Einordnung beim LKA. Darauf erfolgte ein Ermittlungsauftrag an die Brandenburger Polizei, der fast zeitgleich fiel mit der Information durch die Mutter.

von Hagen: Die Leiche ist uns praktisch vom Beschuldigten heute selbst präsentiert worden. Die Leiche befand sich in einer großen Wanne und war zum großen Teil mit Katzenstreu bedeckt. Deshalb wird die Obduktion länger dauern. Es gibt keine Anhaltspunkte auf einen rechtsextremistischen oder ausländerfeindlichen Hintergrund. Das wäre reine Spekulation. Es gibt auch keine Hinweise, ob der Mann psychisch labil ist. Aber da läuft noch die Vernehmung und vielleicht ergeben sich Hinweise aus seinem Bekannten- oder Freundeskreis.

Wenzel: Das Videomaterial, das zur Festnahme geführt hat, ist erst am Donnerstag gesichert worden. Wir hatten umfassende Auswertungen im Tatortbereich noch vorzunehmen, Tausende von Stunden. Es ist uns dann gelungen durch einen Großeinsatz im Beussel-Kiez durch gezielte Anfragen lokaler Geschäfte tatsächlich einen Betreiber eines Geschäfts getroffen, der sich bereit erklärt hat, uns das Material zur Verfügung zu stellen. Am Freitag sind die Bilder eingetroffen und dann in der Priorität hoch bewertet worden. Ab Montag sind diese dann ausgewertet worden. Am Dienstag waren sie dann für die Öffentlichkeit sichtbar. Wir wären wohl nicht früher an die Aufnahmen herangekommen. Es war sehr schwierig, die Aufnahmen vom Lageso auszuwerten. Im konkreten Fall reden wir von einer Kamera, die ca. 800 Meter vom Lageso entfernt war. Die Wahrscheinlichkeit, dieses Material im ersten Schritt zu sichern, geht gegen 0. Wir waren zunächst sehr zuversichtlich, dass die Bilder vom Lageso ausreichen würden, einen Verdächtigen festzustellen. Das war leider nicht der Fall. Das lag auch daran, dass der Täter nicht im Nahbereich des Lageso verwurzelt war.

Die Mutter von Mohamed ist seit drei Jahren in Berlin und hat im Norden Berlins gelebt. Sie hat noch ein Kind bekommen, das auch mit Mohamed auf dem Lageso-Gelände gewesen ist.

Der Täter war bei seiner Festnahme ruhig, gefasst, kooperativ. Es gab keine Hinweise auf Kollaps, psychischen Kollaps oder eine Eskalation sonstiger Art.

von Hagen: Der Beschuldigte ist heute vorläufig festgenommen worden. Wir beabsichtigen, einen Haftbefehl zu beantragen. Die Einlassungen sollten aus meiner Sicht ausreichend für einen Haftbefehl sein. Wir wollen natürlich auch die Hintergründe, das Tatmotiv aufklären, zu denen wir noch nichts wissen.

Wenzel: Es gab eine sehr große Anzal von Hinweisen unterschiedlicher Qualität. Es gab auch Hinweise, dass der Mann in dem Bereich Turmstraße schon mal wahrgenommen worden ist. Auch manche auf dem Lageso glaubten oder waren sich sicher, den Mann dort schon mal gesehen zu haben. Wir werden jetzt vor dem Hintergrund der Festnahme das noch mal verifizieren müssen.

von Hagen: Der Mann wohnte bei seiner Mutter in Niedergörsdorf, wo er festgenommen wurde.

Im Verlauf des Gesprächs hat die Mutter angegeben, dass ihr Sohn nicht zu Hause sei, weil er noch Beweismittel holen müsse. Deshalb kann ich nicht ausschließen, dass er die Leiche in seinem Auto transportiert hat. Ich halte es aber eher für unwahrscheinlich, dass er mit der Leiche im Kofferraum länger am Straßenverkehr teilgenommen hat. Sondern wir glauben, dass er die Leiche dann heute auch der Polizei präsentieren wollte.

Es soll noch Räumlichkeiten geben, die er für private Hobbys genutzt hat, aber von einem zweiten Wohnsitz ist uns nichts bekannt. Der Raum war offenbar nicht im gleichen Haus. Da ,laufen noch die Ermittlungen.

Wenzel: Die Familie von Mohamed lebt seit rund einem Jahr in Berlin, sie ist im Augenblick im Stand der Duldung, die Frage der Abschiebung steht für sei im Raum. Am Tag selber war die Frau mit den Kindern nicht im Rahmen der Ersterfassung im Lageso, sondern sie benötigte einen Termin beim Sachbearbeiter des Lageso, wo es um Bargeldleistungen ging.

von Hagen: Um das klarzustellen, es hat zu keinem Zeitpunkt Ermittlungen gegen die Familie des Jungen, zum Beispiel, den Lebensgefährten gegeben. Es gab nie den Verdacht, dass die Mutter oder der Lebensgefährte mit dem Verschwinden im strafrechtlichen Sinne zu tun haben. Ich gehe davon aus, dass man die Familie jetzt betreuen wird und versucht zu erfahren, ob es schon mal Kontakte zwischen dem Beschuldigten und der Familie gegeben hat.

Stefan Redlich, Pressesprecher: Die Mutter hat zu Beginn widersprüchliche Angaben zum Verschwinden gemacht. Wir haben bis zum 6.10 gebraucht, bis wir einen genauen Ort und eine genaue Zeit hatten. Warum das so war, möchten wir hier nicht sagen.

Wenzel: Es handelte sich hier zunächst um einen Vermisstenfall. Die Annahme, dass es sich um eine schwere Straftat handelt, war zunächst nicht gegeben. Aus heutiger Sicht deutete manches drauf hin, dass der Verdächtige auch am 1. Oktober außerhalb von BVG und S-Bahn unterwegs gewesen ist (auf die Frage, warum keine Videokameras in öffentlichen Verkehrsmitteln ausgewertet wurden).