Berlin

Riskanter Schulweg in Wedding

Rund um den S-Bahnhof Gesundbrunnen lauern viele Gefahren für Mädchen und Jungen

Geballtes Risiko – so könnte man den Schulweg im Weddinger Brunnenviertel beschreiben, den Kinder morgens zur Heinrich-Seidel-Grundschule an der Ramlerstraße Straße Ecke Swinemünder Straße gehen. Schmuddelecken, Gefahren im Straßenverkehr, verwahrloste Plätze und unübersichtliche Bereiche mit Hecken und Büschen – all das beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl.

Zum Wohlbefinden tragen einige Spielplätze bei, die sich vor allem in großen Innenhöfen befinden. Im September haben 150 Schüler eine Kiezkarte mit beängstigenden und mit erfreulichen Orten entworfen. Diese Orte haben sich nun Vertreter des Polizeiabschnitts und des Landeskriminalamtes, sowie Bezirkspolitiker, Sozialarbeiter und Vertreter des Quartiersmanagements angesehen. Erster kritischer Punkt beim Kiezspaziergang am Mittwoch: Der Übergang von der Schule zur anderen Seite der Ramlerstraße, Richtung S-Bahnhof Gesundbrunnen, nahe der verkehrsreichen Kreuzung mit der Swinemünder Straße. Weder Zebrastreifen noch eine Markierung auf der Fahrbahn oder ein Schild weisen Autofahrer darauf hin, dass hier Grundschüler die Straße überqueren. Häufig werde zu schnell gefahren, sagen die Sozialarbeiter der Schule. Man könnte wenigstens die Poller an dieser Stelle farbig streichen, so der Vorschlag der Architektin Ingrid Hermannsdörfer, die beim Landeskriminalamt für städtebauliche Prävention zuständig ist.

Die Sozialarbeiter kritisieren auch den zu schmalen Radweg an der Swinemünder Straße, der neben dem Bürgersteig zum S-Bahnhof führt. Wenn Schulklassen diesen Weg gehen, und Radfahrer vorbeifahren wollen, komme es oft zu gefährlichen Situationen.

Gleich zu Beginn des breiten Mittelstreifens liegt ein Rondell, einst mit Blumen bewachsen, jetzt überwuchert. Ähnlich verwildert ist die Grünfläche rundum. Eine Steinmauer wie auch die Bänke sind mit Graffiti beschmiert. Es seien häufig Alkoholiker, die sich dort niederlassen, erzählt ein Sozialarbeiter. Kinder, die vorbeikommen, würden gelegentlich angepöbelt. Verwahrlost wirkt auch das einstige Diesterweg-Gymnasium, ein paar Meter weiter. Das orangefarbene Gebäude mit kleinen Schmutzecken und Graffiti steht seit Jahren leer, weil Asbest gefunden wurde. Ebenfalls nicht mehr genutzt sind die benachbarte Bibliothek und die Turnhalle. Der Sportplatz ist eigentlich gesperrt, wird jedoch immer wieder unerlaubt genutzt. Geplant sei, das Schulgebäude aus den 70er-Jahren in Teilen zurückzubauen, den Schadstoff zu beseitigen und Wohnungen einzurichten, sagt Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD).

Gegenüber dem verlassenen Gymnasium in der Swinemünder Straße stehen Häuser aus den 70er-Jahren, mit vielen Sozialwohnungen und großen Innenhöfen. Auch sie können an einigen Stellen Unsicherheit auslösen. Kriminalhauptkommissar Jens Fritsch, Experte für Einbruchschutz beim Landeskriminalamt, weist auf hohe Hecken hin, die die Sicht auf Hauseingänge, Türen und Fenster im Erdgeschoss versperren. Hinter diesen Hecken könnten sich Einbrecher ungesehen ans Werk machen, so der Experte.

Er zeigt aber auch auf einen Eingang, der von den gegenüberliegenden Wohnungen gut zu sehen und beleuchtet ist. Und ein hohes Risiko für jemanden birgt, der gewaltsam eindringen will. "Auch Einbrecher nehmen eine Risikoeinschätzung vor, bevor sie die Tat begehen", sagt Architektin Ingrid Hermannsdörfer. "Dieses Risiko sollte so hoch wie möglich sein."

Sie weist auch auf eine Fläche mit hohen, dichten Büschen hin. Der kleine Spielplatz daneben werde von Kindern eher gemieden. Eine Wegkreuzung auf dem Hof sei nicht beleuchtet, eine Lampe zwischen Ästen verschwunden. In einem Hauseingang liegt ein Stapel von Kleidungsstücken, daneben ein Häufchen mit Visitenkarten. Die Kinder der Heinrich-Seidel-Schule haben ihren Sozialarbeitern von ganz anderen Funden berichtet: von ausgeschlachteten Fahrrädern am Straßenrand, von Nummernschildern, die im Gebüsch verborgen waren, oder einer Bauleuchte.

Bezirksverordneter über die vielen Probleme überrascht

Er sei überrascht von der Fülle der Probleme, sagt Stefan Draeger, SPD-Bezirksverordneter in Mitte. "Aber es gibt Vieles, was man ganz pragmatisch ändern kann." Hinsichtlich des verwahrlosten Grünstreifens der Swinemünder Straße werde er mit dem Grünflächenamt des Bezirks reden. An der verkehrsreichen Kreuzung Ramlerstraße Swinemünder Straße könnte eine Erhebung in die Fahrbahn eingebaut werden, damit Autofahrer das Tempo reduzieren, so Draeger. Auch ein Warnschild sei möglich. Für die farbige Gestaltung der Poller am Straßenübergang nahe der Schule wolle er sich einsetzen. Die komplizierte Situation an der Swinemünder Straße werde er auch in seiner Fraktion diskutieren, sagt der SPD-Verordnete. "Sie war uns bisher noch nicht so bewusst."

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