Imagewandel

Lichtenberg - von der Stasi-Hochburg zur Boomtown

| Lesedauer: 9 Minuten
Andreas Abel
So soll der Turm neben dem Quartier 216 an der Frankfurter Allee aussehen

So soll der Turm neben dem Quartier 216 an der Frankfurter Allee aussehen

Foto: GPU GmbH, Dernbach

Lichtenberg hatte lange Zeit einen schlechten Ruf - erst durch die Stasi, dann durch Rechtsextreme. Doch das Image hat sich gewandelt.

Er ist nicht unbedingt eine architektonische Schönheit, der 140 Meter lange weiße Gebäuderiegel an der Frankfurter Allee 216. Aber er hat etwas. Vor allem, wenn man sich daran erinnert, wie trist der neun Stockwerke hohe Klotz aussah, als dort noch Reichsbahner in ihren Büros arbeiteten. Heute heißt der Bau „Q 216“ – Q steht für Quartier – und beherbergt 438 Ein- und Zweizimmerappartements. Manche Menschen, die dort wohnen, nennen das Haus eine coole Location. Es steht stellvertretend für viele Bauprojekte, die in den vergangenen Jahren in Lichtenberg umgesetzt wurden oder bald dort realisiert werden. Keine Luxussanierungen, keine neuen Edellofts, sondern Wohnen zu günstigen Preisen, vor allem für junge Singles und Familien. In einem Bezirk, der zwar nicht mehr ganz zur City gehört, aber auch nicht jwd liegt: Boomtown Lichtenberg.

Das Q 216 hat innere Werte. An den Wänden der Flure hängt moderne Kunst, die Duschbäder der Appartements sind rollstuhlgerecht gestaltet, die Küchenzeile im Wohnzimmer ist nicht groß, aber modern. Den Verkehrslärm der Frankfurter Allee hört man erst, wenn man die Fenster öffnet. Und der mutmaßlich überzeugendste Pluspunkt: Ein 25 Quadratmeter großes Einzimmerappartement kostet 250 Euro nettokalt pro Monat, Teilmöblierung inklusive.

>> Warum es immer mehr junge Menschen nach Lichtenberg zieht <<

Die Projektentwickler Lutz Lakomski und Arndt Ulrich haben das Gebäude 2008 von der Reichsbahn übernommen. Sie erkannten sein Potenzial und die gute Bausubstanz. Gut zwei Jahre lang feilten sie an dem Konzept und klärten das Baurecht. Dann folgten zwei Jahre Bauzeit. Im Dezember 2012 zogen die ersten Mieter ein. Knapp 18 Millionen Euro investierten Lakomski und Ulrich in das Grundstück und den Umbau. Nicht übermäßig viel für 438 Wohnungen. Mit ihrem Unternehmen GPU gelten sie inzwischen als Spezialisten für die Umnutzung alter Bürogebäude, Industriebauten und Kaufhäuser.

2018 soll ein neuer Wohnturm neben dem Q 216 entstehen

Die Firma hat zwar ihren Sitz im Westerwald, ist aber nur in Berlin tätig. Ihre mit Abstand wichtigste Domäne ist Lichtenberg. Zum einen, weil der Bezirk etliche leerstehende Objekte aufweist, für die es intelligentere Lösungen gibt als einen Abriss. Zum anderen, weil die Chemie zwischen den Projektentwicklern und dem Bezirksamt stimmt. Die von Wilfried Nünthel (CDU) geleitete Baubehörde sei pragmatisch, verlässlich und entscheide zügig, lobt Lakomski. So etwas hört man in Berlin von Bauherren selten. Auch die beiden Projektentwickler glauben an den Bezirk, und so stiegen sie dort zu den größten privaten Bauherren auf. Rund 1000 Wohnungen haben sie bereits geschaffen, mehrere Hundert sind aktuell in der Planung.

Auch am Q 216 haben Lakomski und Ulrich noch viel vor. Neben dem Riegel, Richtung S-Bahnhof Lichtenberg, ist ein Turm geplant, der noch einmal doppelt so viel Wohnfläche bieten soll. Mindestens 800 Einzel- und Doppelappartements sollen gebaut werden, 25 und 50 Quadratmeter groß, auch wieder zu Mietpreisen im Discountersegment. Der Entwurf dazu ist fertig, nun geht es darum, das Baurecht zu sichern. Im November will die GPU die Bauvoranfrage stellen. 2016 soll, wenn alles klappt, Baubeginn sein, zwei Jahre später soll der Turm stehen.

Im Q 216 liegt der Leerstand bei null – von einigen Appartements abgesehen, die vorübergehend einem heftigen Wasserschaden im vergangenen Winter zum Opfer fielen. Die Mieterstruktur ist ungewöhnlich: 70 Prozent Studenten und Azubis, der Rest erheblich älter, oft schon „auf Rente“. Das Durchschnittsalter liegt knapp unter 24 Jahren. Das macht sich auch vor dem Haus bemerkbar. Die Parkplätze sind leer, die Fahrradstellplätze voll. Die meisten Nachbarn haben eines gemeinsam: Sie verfügen maximal über 1000 Euro im Monat. Im „Bündnis für Wohnen“ des Bezirks haben sich die Hausbesitzer verpflichtet, zehn Prozent Sozialhilfeempfänger unterzubringen. Tatsächlich sind es 15 Prozent der Bewohner. Langfristig wollen die Eigentümer dort einen Pflegedienst installieren.

Die soziale Komponente spielt auch an der Gehrenseestraße 100 eine große Rolle. Dort hat die GPU einen Plattenbau mit elf Geschossen gekauft, die ehemalige Bauverwaltung der Stasi. Heute besteht das Gebäude aus 350 Ein- bis Dreizimmerwohnungen, die Hälfte behindertengerecht ausgestattet, die Erdgeschosswohnungen haben kleine Gärtchen mit Terrasse. Dort wohnen alleinstehende Mütter mit Kind. Im zweiten und dritten Stockwerk leben minderjährige Mütter, betreut von einem Sozialträger. Die Caritas plant in weiteren Etagen Alten-WGs. Lakomski und Ulrich würden auch gern Pflege- und Demenz-WGs sowie einen Pflegedienst unterbringen. Erworben haben sie das Haus von isländischen Investmentbankern. Die wollten dort Luxuswohnungen mit Car-Loft einrichten. Das erlaubte die Statik aber nicht. Heute liegt die Miete bei 8,25 Euro.

An der Konrad-Wolf-Straße 45 hat die GPU ein ehemaliges Bürogebäude aus den 70er-Jahren gekauft und das Nachbarhaus, Nummer 46, gleich dazu. Das war zu DDR-Zeiten Sportlerherberge, schließlich ist das Sportforum Hohenschönhausen gleich nebenan. Eisprinzessin Kati Witt logierte dort. Das sechsstöckige Bürogebäude wird bis November zum Sozialhaus mit betreutem Wohnen und Wohngemeinschaften für Demenzkranke und für alleinstehende Mütter. Investiert werden hier alles in allem knapp 20 Millionen Euro, inklusive Kauf der Grundstücke. Auch am Anton-Saefkow-Platz haben Lakomski und Ulrich Zeichen gesetzt. Dort begannen sie 2010 mit dem Umbau des alten Kaufhof-Warenhauses. Lange hatte der Bezirk überlegt, was man mit dem leerstehenden Betonklotz auf 4200 Quadratmetern Grundfläche machen könnte, die Projektentwickler wagten dann, was nicht möglich schien – Wohnungen. Sie öffneten die oberen Etagen nach außen, versetzten das Mauerwerk um zwei Meter nach innen und schufen damit Loggien. So entstanden 80 Wohnungen, ins Erdgeschoss zogen Geschäfte.

Weil zu einem aufstrebendem Bezirk auch Arbeitsplätze gehören, hat die GPU an der Bornitzstraße einen Bürobau übernommen. „Die Welle“ heißt das Haus ob seiner Dachform. Dort hatte bis 2013 „DB international“ ihren Sitz, Eigentümer war ein englischer Fonds. Als die Bahntochter auszog und das Gebäude leer stand, wollte der Fonds es nicht mehr behalten. Ein Makler bot es Lutz Lakomski und Arndt Ulrich an. 16.000 Quadratmeter Nutzfläche und 300 Tiefgaragenplätze. Anfang 2014 übernahmen sie die „Welle“. Heute ist das Haus wieder zu 80 Prozent vermietet. „Der Bezirk taugt auch als Gewerbestandort“, ist Lakomski überzeugt. Er glaubt eben an Lichtenberg.

Das tut auch Martin Pätzold. Der 30 Jahre alte CDU-Bundestagsabgeordnete wuchs im Bezirk auf, der erst als Stasi-Hochburg, dann als Spielwiese gewaltbereiter Rechtsextremer einen eher schlechten Ruf hatte. „Lichtenberg hat in den letzten 25 Jahren seit der deutschen Wiedervereinigung einen beeindruckenden Imagewandel vollzogen“, sagt er. Der Bezirk repräsentiere inzwischen „mit einer Vielfalt aus Wohnen, Arbeiten und Erholen die Zukunftsper­spektive einer ganzen Metropole“. Stolz verweist er auch auf die Auszeichnung „Familiengerechte Kommune“, die die Bertelsmann-Stiftung und die Ruhr-Universität Bochum Lichtenberg im Juni zuerkannt haben. Und auch er lobt die Unternehmer Arndt Ulrich und Lutz Lakomski. Die hätten frühzeitig an den Aufschwung Lichtenbergs geglaubt und mit ihren Investitionen einen wichtigen Beitrag dazu geleistet.

Neue Wohnungen für Familien

Natürlich baut in Lichtenberg nicht nur die GPU. Vor allem die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge schafft Wohnungen für Familien. Im Juni wurden die Treskow-Höfe fertig, ein neues Stadtquartier mit mehr als 400 Wohnungen zu Quadratmeterpreisen zwischen sieben und 10,50 Euro, einer Kita, zwei Senioren-WGs und Geschäften. Außerdem entstanden knapp 160 Wohnungen an der Konrad-Wolf-Straße. Im kommenden Jahr sollen rund 170 Wohnungen am Gärtnerhof in Alt-Hohenschönhausen bezugsfertig sein, weitere 108 an der Küstriner und Reichenberger Straße.

Und auch weitere private Bauträger tragen zum Boom im Bezirk Lichtenberg bei. An der Gensinger Straße werden derzeit 75 Stadthäuser errichtet, an der Bornitzstraße zwölf Einfamilien- und Reihenhäuser. Eigentumswohnungen werden unter anderem an der Maximilian-, Dotti- und Einbecker Straße gebaut. Das alles verändert das Gesicht des Bezirks – und auch die Altersstruktur. Noch liegt der Altersdurchschnitt der Lichtenberger leicht über dem Berliner Mittelwert. Doch es ziehen immer mehr junge Singles und Familien zu. Bis 2023 werden laut Bildungsstadträtin Kerstin Beurich (SPD) rund 20 neue Schulen gebraucht.