Verkehr

Hilfe durch 13 Mainz-Männer bei der BVG

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Patrick Goldstein
Mainzer Tramfahrer sind in den kommenden Monaten aushilfsweise für die BVG unterwegs. Zum Beispiel (v.l.): Angelo Cappello, Richard Kleber und Markus Weingärtner

Mainzer Tramfahrer sind in den kommenden Monaten aushilfsweise für die BVG unterwegs. Zum Beispiel (v.l.): Angelo Cappello, Richard Kleber und Markus Weingärtner

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

13 Tramfahrer sind in die Hauptstadt gekommen, um ein Personal-Loch zu stopfen. Ihre Sicht auf die Stimmung an der Spree überrascht.

Es braucht manchmal den Blick eines Nicht-Berliners, um seine Stadt richtig einzuschätzen. Straßenbahnfahrer Angelo Cappello aus Mainz zum Beispiel ist begeistert: „Ich hatte mir die Berliner viel schlimmer vorgestellt“, sagt er und strahlt, als sei dies das schönste Kompliment, das man den Hauptstädtern machen kann. Mit zwölf Kollegen wurde der 52-Jährige im September von der BVG rekrutiert, um bis zum kommenden Frühjahr einen Personalengpass bei den Verkehrsbetrieben zu überbrücken.

Rund 50 Fahrer fehlen der BVG für ihren täglichen Straßenbahnbetrieb. Die Gewerkschaft Verdi sagt, die Personalpolitik der BVG sei schuld. Die BVG dagegen erklärt, alles sei eine Folge der Rente mit 63, die unerwartet viele Mitarbeiter angenommen hätten. Resultat für Nutzer des Öffentlichen Personennahverkehrs: Vielerorts fährt die Tram jetzt seltener.

Sehr großes Interesse, in Berlin zu arbeiten

Im Kampf gegen das, was der Berliner Fahrgastverband Igeb als „akute Krise“ bezeichnet, kommt nun Unterstützung aus der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz. Dort werden die gleichen Bahntypen eingesetzt, wie an der Spree, weshalb die Fahrer auch für Berlin qualifiziert sind.

Kaum hatte sich das Berliner Hilfegesuch in den Gängen der Mainzer Verkehrsgesellschaft MVG herumgesprochen, setzte Angelo Cappello sein Bewerbungsschreiben auf. „Ich habe sehr, sehr großes Interesse, in Berlin zu arbeiten“, notierte er kurz und unmissverständlich.

Denn ein Besuch in der Stadt 1985 ist ihm unvergesslich geblieben. „Wir waren 50 Freunde, inklusive Ehefrauen und Freundinnen. Wir haben uns alles angeschaut. Man war voller Euphorie, in dieser Stadt zu sein“, erinnert er sich. „Nach dem lebhaften West-Berlin wirkten die Menschen auf der Ostseite allerdings traurig. Oder zumindest sehr zurückhaltend. Ich dachte damals: Das kann doch nicht sein, das war doch einmal eine ungeteilte Stadt.“

Ein Appartement-Haus voller Tram-Fahrer

30 Jahre später ist er nun erstmals zurück gekehrt. Die Stimmung hat ihn in den knapp drei Wochen, die der Mann mit dem feinen rötlichen Oberlippenbart in Berlin Bahnen steuert, überwältigt. „Die Fahrgäste sind so nett, so freundlich“, sagt er. „Man scheint hier gar nicht gewohnt zu sein, dass einem die Straßenbahntüren noch einmal geöffnet werden, wenn man angehetzt kommt: Wenn ich das mache, fallen die Fahrgäste fast auf die Knie vor Dankbarkeit.“

Neun der Mainzer Bahner ziehen in dieser Woche in ein Appartement-Haus in Marzahn. „Das wird gut“, sagt Cappello. „Man kann sich helfen oder auch mal einen Dienst tauschen.“ 490 Euro zahlt er für die Ein-Zimmer-Wohnung am Stadtrand. Wie BVG und MVG die Löhne oder gar Sonderzulagen der Fahrer abrechnen, will keine der Behörden verraten. „Vertraulich“, sagt ein BVG-Sprecher knapp. Um das Personalloch zu stopfen, musste indes die Zahl der Auszubildenden erhöht werden. Weitere drei bis fünf Hilfsfahrer kommen im Januar. Aus Augsburg.

Bevor es auf Berliner Straßen geht, müssen sie in dreitägiger Schulung den Streckenverlauf verinnerlichen. Die Mainzer werden auf der Linie 16 zwischen Ahrensfelde und Scharnweberstraße fahren. Angelo Cappello hat die Einführung hinter sich. Jetzt sitzt sein Kollege Markus Weingärtner vorn links im Führerhaus und lenkt unter Aufsicht einer Ausbilderin einen Fahrschulzug durch den Osten der Stadt. „Fährt sich besser als unsere Bahnen“, sagt der 51-Jährige. „Hier sind die Schienen weiter auseinander, dadurch ruckelt nichts.“

Am Handgelenk eine Erkennungsmarke

Weingärtner hat Unterarme wie ein Bodybuilder. An seinem Handgelenk baumelt eine Erkennungsmarke mit Name und Blutgruppe. Denn der Mann am Tram-Hebel war bei den Fallschirmjägern. 1000 Tage Bundeswehreinsatz in Bosnien und Afghanistan liegen hinter ihm. Glücklicherweise gibt es auf dem Betriebshof Marzahn einen Fitnessraum, sagt er über die Schulter, die Augen immer auf die Straße gerichtet. Das ist gut, denn plötzlich kreuzt von links eine Radfahrerin in Schwarz die Straßenbahnstrecke. Ex-Soldat Weingärtner tritt voll auf die Bremse. Ein kurzer Schreck bei seinen Kollegen im Zug. Ausbilderin Ines Birnstiel sagt: „Das war knapp.“ Und zu Weingärtner: „Gut reagiert.“ Die Radlerin streckt den Mainzern im Vorbeifahren die Zunge heraus.

Weingärtner wirkt unbeeindruckt. Kaum hat ihn ein Kollege im Fahrerstand abgelöst, erhebt er die Stimme und rezitiert zur allgemeinen Erheiterung Verse, die er als Sitzungspräsident für den Mainzer Karneval dichtete: Dies und das über Ehefrauen und Ehemänner. In Zeiten des BVG-Personalmangels muss man da als Fahrgast der Linie 16 in den kommenden Monaten wohl auf einiges gefasst sein.