Mordprozess in Berlin

Um 20.42 Uhr schrieb Maria ihre letzte Nachricht

Die schwangere 19-Jährige wurde im Januar bei lebendigem Leib verbrannt. Nun hat der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder begonnen.

Der Tatort in der Köllnischen Heide in Adlershof: Eines der Holzkreuze erinnert an Maria P., das andere an ihre ungeborene Tochter. Marias Ex-Freund ist wegen Mordes angeklagt

Der Tatort in der Köllnischen Heide in Adlershof: Eines der Holzkreuze erinnert an Maria P., das andere an ihre ungeborene Tochter. Marias Ex-Freund ist wegen Mordes angeklagt

Foto: dpa Picture-Alliance / Oliver Mehlis / picture alliance / dpa

Sie hieß Maria, war im achten Monat schwanger und voller Hoffnung, dass mit dem Vater des ungeborenen Kindes alles wieder gut werden könnte. Doch es kam ganz anders. Maria P. und das Kind sind tot. Und der Vater des Kindes muss sich ab Donnerstag wegen Mordes vor einer Moabiter Jugendkammer verantworten.

Es gibt keine Rangliste über die angewandte Brutalität bei Tötungsdelikten, das verbietet sich von selbst. Aber die Ermittlungen um den Tod der 19-jährigen Maria P., deren Leiche am 22. Januar dieses Jahres in einem Waldstück im Ortsteil Adlershof gefunden wurde, erschütterten auch erfahrene Ermittler der Mordkommission. Die junge Frau wurde festgehalten, ihr wurde mit einem Brotmesser zweimal in den Bauchbereich gestochen, und anschließend wurde sie bei lebendigem Leibe verbrannt. Rechtsmediziner stellten später fest, dass Maria P. noch minutenlang mit dem Tod kämpfte und qualvoll starb.

Unmittelbar vor Prozessbeginn ist offen, wie sich das Geschehen am 22. Januar in dem Waldgebiet Köllnische Heide im Detail abspielte. Sicher ist, dass der 19-jährige Eren T. und der gleichaltrige Daniel M. mit diesem Mord zu tun haben. Ihre eigenen Aussagen belegen das. Sie belasten sich gegenseitig. Auch gibt es Spuren, die am Tatort und an Marias Leichnam gefunden wurden.

So wird eine wichtige Aufgabe in der Beweisaufnahme dieses Strafprozesses die Zuordnung der Tat sein: Welcher der beiden Angeklagten hat was genau getan? Die zweite Aufgabe ist die Klärung des Motivs: Überforderung; übersteigerte Wut, weil sich die Freundin den eigenen Vorstellungen so strikt verweigerte, vermutete oder eingebildete Erwartungen von Familienangehörigen – vieles ist denkbar, aber nichts von alledem kann auch nur annähernd eine Rechtfertigung für eine derart schreckliche Tat sein.

Seine Mitschüler nanntenihn „Milchgesicht“

Unstrittig scheint, dass es die Geschichte einer gescheiterten Beziehung zweier sehr junger Menschen ist. Kennengelernt hatten sie sich im Sommer 2013: Maria P. aus Hohenschönhausen und Eren T. aus Neukölln. Er hat einen türkischen Pass, ist quasi Vertreter der dritten Generation seiner in Berlin lebenden Familie. Ein schmaler junger Mann, eher jünger wirkend, der nicht rauchte, nicht trank, keine Drogen nahm und polizeilich nie aufgefallen war. Ein ehemaliger Mitschüler sagt, sie hätten ihn „Milchgesicht“ genannt. Seine Familie gehört den kurdische Aleviten an, sie gelten als liberal. So tragen die vier Schwestern auch keine Kopftücher, und sie haben sich ihre Partner selbst gesucht.

Maria P. hatte diesen Schwestern von Eren T. vielleicht sogar ein wenig geähnelt. Sie hatte langes schwarzes Haar und große ausdrucksvolle Augen. Ihre leiblichen Eltern sind Deutsche. Es gibt drei wesentlich ältere Brüder. Vom Vater dieser vier Kinder hat sich Marias Mutter scheiden lassen. Seit zehn Jahren ist sie mit einem türkischstämmigen Mann verheiratet, mit dem Maria sehr gut auskam und den sie als Vater akzeptierte. Es gab also auch kein konfliktträchtiges Aufeinanderprallen von Kulturen, wie es gleich nach diesem grauenvollen Mord öffentlich vermutet wurde.

Die Konstellation war zunächst viel einfacher und quasi weltweit austauschbar: Da hatten sich zwei sehr junge Leute ineinander verguckt. Beide hatten bislang nur wenig Erfahrungen mit Partnerschaften. Und es war dann eben auch nicht untypisch, dass sie schnell feststellten, dass es verschiedene Vorstellungen gab, wie eine Partnerschaft funktionieren könnte. Dass, um nur ein Beispiel zu nennen, Eren T. schwer damit leben konnte, wenn sich Maria P. in der Disco mit einem anderen Jungen unterhielt. Und dass es für Maria P. wiederum absolut inakzeptabel war, wenn Eren T. in solchen Situationen überreagierte.

Es war eine Beziehung, in der man sich trennte und wieder vertrug, manchmal auch tagelang gar nicht sah. Auch das ist nicht untypisch für dieses Alter. Beide lebten noch bei ihren Eltern, an eine gemeinsame Wohnung war nicht zu denken. Maria P., so scheint es im Nachhinein, nahm diese Beziehung etwas ernster. Sie sei in Eren verliebt gewesen, heißt es in ihrer Familie. Sie habe ihn „in Schutz genommen und verteidigt“, wenn er kritisiert wurde. Gleichzeitig habe sie in der Familie aber auch ganz offen über diese Beziehung gesprochen. Es war auch kein Geheimnis, dass Maria P. von einer türkischen Hochzeit träumte und sich für die türkische Kultur und den Islam zu interessieren begann.

Den ersten größeren Einschnitt gab es, als Maria P. im Sommer 2014 von Eren T. schwanger wurde. „Sie wollte dieses Kind. Es war ihr, glaube ich, auch egal, was wir dazu meinen oder Eren“, sagt einer ihrer Brüder. Er habe gesagt, dass es ihre Entscheidung sei. Es scheint typisch für Maria P., dass sie aller Mahnungen und Bedenken zum Trotz zu dieser Entscheidung stand. Als sie hochschwanger war, brach sie ihre Ausbildung im Gastronomiebereich ab. Anfangs, so scheint es, war Eren T. noch offen für die neue Situation. Er soll Maria P. sogar zum Frauenarzt zu einer Ultraschalluntersuchung begleitet haben. Danach wussten sie, dass es ein Mädchen wird. Sie sollen damals sogar über einen Namen gesprochen haben.

Eren T., sagen Zeugen, soll dann aber zunehmend gegen diese Schwangerschaft gewesen und in dieser Haltung von seiner Familie auch bestärkt worden sein. Vor allem von seinem Vater. Nach bisherigen Ermittlungen war diese Ablehnung aber nicht getrieben von einem fundamentalistischen Denken. Es war offenbar die Sorge, dass der unreife Junge, der schon große Probleme mit dem mittleren Schulabschluss hatte, mit so einer Beziehung überfordert sei. Es soll dann auch Telefonanrufe durch Eren T.s Vater bei der Familie P. gegeben haben, ein Drängen, diese Beziehung zu beenden und das Kind abtreiben zu lassen. Maria P.s Stiefvater soll sich jedoch eine Einmischung strikt verbeten haben.

Die Familie hielt zu Maria P. Und die wollte weiterhin das Kind. Im Oktober 2014 trennte sich das Paar. Was offenbar nicht leicht war für die schwangere junge Frau. Anfang Januar holte sie sich einen Termin in der Schwangerschafts- und Konfliktberatungsstelle in Lichtenberg. Dort soll sie einer Mitarbeiterin weinend erzählt haben, dass der Vater des Kindes mit ihr nichts mehr zu tun haben wolle, und dass er ihr mit seinem Handy beleidigende Nachrichten schicke. Die Sozialpädagogin erarbeitete mit Maria P. einen Antrag beim Jugendamt Lichtenberg für eine sogenannte Amtsbeistandschaft, die der jungen Mutter Unterstützung vom Jugendamt garantiert hätte. Am selben Tag wurde auch ein amtlicher Brief an Eren T. geschickt, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er von Maria P. als Vater ihres ungeborenen Kindes benannt worden sei, und dass er diese Vaterschaft anerkennen solle. Die Ermittler gehen davon aus, dass Eren T. spätestens nach dem Lesen dieses Briefes endgültig beschloss, Maria P. und das ungeborene Kind zu töten.

Es spricht einiges dafür, dass sich Eren T., das eher schwächliche „Milchgesicht“, dafür ganz gezielt einen Helfer suchte. Einen Gleichaltrigen, der aber äußerlich und auch vom Wesen her ein ganz anderer Typ ist: Daniel M., einen halben Kopf größer als Eren T. und mindestens 30 Kilogramm schwerer. Auch sonst war er ein ganz anderer Typ. Er rauchte, trank Alkohol, nahm auch mal Drogen, hatte eine Affinität zur Rockerszene und war mit den Gesetzen bis dahin schon mehrfach in Konflikt geraten: unerlaubter Waffenbesitz und Beleidigung sind im Register vermerkt, gefährliche Körperverletzung, Diebstahl.

Daniel M. und Eren T. kannten sich aus dem gemeinsamen Besuch der Ferdinand-Freiligrath-Schule in der Kreuzberger Bergmannstraße. Später verloren sie sich aus den Augen. Richtig ins Gespräch sollen sie erst wieder im Herbst 2014 gekommen sein. Eren T. und Daniel M. sollen damals in Gegenwart eines Zeugen mehrfach über einen gewaltsamen Abbruch der Schwangerschaft schwadroniert haben. Es gab verschiedene Überlegungen: mit der Faust in den Bauch boxen, mit einer Pistole erschießen, mit einer Machete den Kopf abhacken, mit Schlaftabletten vergiften, von Verbrennen oder Erstechen soll noch nicht die Rede gewesen sein.

„Er hat mich Schatz genanntund hat sich total verändert“

Maria P. ahnte davon nichts. Im Gegenteil, sie soll sich gefreut haben, als sich Eren T. im Januar plötzlich wieder bei ihr meldete und freundlich tat, als hätte es nie ein Zerwürfnis gegeben. Freundinnen, mit denen sie sprach, berichten davon. So schickte sie am 22. Januar – wenige Stunden vor ihrem Tod – eine Nachricht an eine Freundin: „Gehe nachher mit Eren Babysachen kaufen. Eren will bezahlen.“ In einer anderen WhatsApp-Meldung vom 22. Januar hieß es: „Er hat mich Schatz genannt und hat sich total verändert.“ Maria P. hielt sich da allein in der Wohnung in Hohenschönhausen auf. Ihre Eltern und Geschwister waren nach Tschechien in den Winterurlaub gefahren.

Sie wartete stundenlang auf Eren T., der am Handy immer wieder neue Ausreden für sein Nichterscheinen erfand. Um 20.42 Uhr schrieb sie dann die letzte Nachricht ihres Lebens: „Wieder ist eine Stunde rum, bin jetzt echt sauer.“ Kurz darauf trafen Eren T. und Daniel M. mit einem geliehenen Kleintransporter bei ihr ein. Im Gepäck, so die Ermittlungen, ein Küchenmesser, ein Schlagstock und ein gefüllter Benzinkanister. Die Ankläger gehen davon aus, dass sie die junge Frau mit einer erfundenen Geschichte in die zu dieser Zeit menschenleere „Köllnische Heide“ fuhren und sie auch dazu bewegen konnten, ihnen in das Waldstück zu folgen.

Knapp fünf Stunden später, gegen drei Uhr, fuhr Eren T. mit seinen Eltern zur Polizeiwache in der Neuköllner Rollbergstraße und gab eine Vermisstenanzeige auf. Sein Bekannter Daniel M. sei mit Maria P. in einem Kleintransporter weggefahren. Er befürchte, dass Daniel M. der hochschwangeren Freundin etwas angetan haben könnte. Gegen 12 Uhr erschienen auf demselben Polizeiabschnitt Daniel M. und dessen Eltern. Daniel M. gab zu Protokoll, dass er gesehen habe, wie Eren T. in der „Köllnischen Heide“ auf die schwangere Maria P. mit einem Messer eingestochen und sie hernach mit Benzin übergossen habe. Er selber sei aus Angst davon gerannt.

Es soll noch andere Aussageversionen geben. Doch unter dem Strich bleibt es dabei, dass die beiden Angeklagten sich gegenseitig beschuldigen. Das wird vermutlich auch vor Gericht so sein. Einer von Maria P.s Brüdern will als Nebenkläger dabei sei: „Ich will sehen, ob es bei diesen Typen noch irgendetwas Menschliches gibt, oder ob sie wenigstens vor Gericht die Wahrheit sagen.“