Humboldt-Universität

Kritik an Uni-Gasthörerschaft für Flüchtlinge

Flüchtlinge können sich als Gasthörer an der HU anmelden. Es gibt auch Kritik an dem Angebot: Nur Zuhören sei zu wenig, meinen viele Flüchtlinge.

Flüchtlinge können Gasthörer sein, angerechnet wird aber bei einem eventuellen späteren Studium nichts

Flüchtlinge können Gasthörer sein, angerechnet wird aber bei einem eventuellen späteren Studium nichts

Foto: Peter Kneffel/Archiv

Der Senatssaal der Humboldt-Universität (HU) Unter den Linden in Mitte ist an diesem Morgen mehr als voll, wer keinen der 200 Sitze ergattern konnte, steht am Rand. „HU ermöglicht Gasthörerschaft für Flüchtlinge ab Wintersemester 2015/1016“, so lautete die etwas irreführende Ankündigung, denn möglich ist eine Gasthörerschaft seit eh und je für jeden. Doch das Angebot scheint nicht bekannt genug, so sind viele Interessierte der Einladung zur Infoveranstaltung gefolgt.

Sara Al-Mukdad ist eine von ihnen. Seit Januar lebt sie in einer Flüchtlingsunterkunft bei Oranienburg. Wie so viele andere, die hier sitzen oder stehen, hat die 20-jährige Syrerin durch ihre Flucht neben vielem anderen ihr angefangenes Studium zurücklassen müssen. Nun will sie zumindest als Gasthörerin wieder am Universitätsleben teilnehmen. „Vielleicht ist es danach einfacher, hier studieren zu können, weil man ja schon eine Art Student ist“, hofft die junge Frau.

Die Gasthörerschaft an sich ist nichts Neues, mit Einverständnis des jeweiligen Dozenten kann jeder an maximal fünf Lehrveranstaltungen teilnehmen. Meist aus reinem Interesse, denn angerechnet wird bei einem eventuellen späteren Studium nichts. „Wir schneiden dieses Modell nun auf Geflüchtete zu“, beschreibt der Leiter der Studienberatung Jochen O. Ley die Bemühungen der Universität. „Sie haben als Asylbewerber eine Menge Zeit und wollen diese gut nutzen.“ Dazu hat die HU nun eine Sondersprechstunde für Flüchtlinge eingerichtet, außerdem gibt es Einstiegskurse auf Arabisch, Kurdisch oder Farsi.

Teilnahme wird später beim Studium nicht angerechnet

Doch bereits die ersten Fragen aus dem Publikum legen das große Missverständnis offen, das hier zwischen Uni und Interessenten herrscht. „Kann ich nach der Gasthörerschaft später regulär studieren?“ Dafür müsse man sich dann extra bewerben, Ley verweist auf ein grünes Formular, darin stünde alles. „Bekomme ich gar keine Zertifikate als Gasthörer?“ Doch, die werden aber nicht anerkannt. Schließlich stellt ein junger Mann die Frage, die nun wohl allen auf den Nägeln brennt. „Könnten Sie kurz beschreiben, welche Vorteile eine Gasthörerschaft bietet – aus akademischer Sicht?“ Mit Leys Antwort sind viele unzufrieden. Der Vorteil sei rein persönlicher Art. Doch „sich in einem akademischen Umfeld aufhalten“ genügt den Bachelorstudenten, Masterabsolventen und Doktoranden hier im Saal nicht.

„Bekommst du keine Zertifikate für das, was du machst, dann ist das in Deutschland reine Zeitverschwendung“, meint Deemah Tesare. Die junge Syrerin hat bis zu ihrer Flucht in Aleppo acht Semester Zahnmedizin studiert, zwei davon wurden ihr hier anerkannt. Und heute die zweite Enttäuschung: Die Charité hat sich für das Programm bisher nicht geöffnet, an zahnmedizinischen Lehrveranstaltungen kann sie also nicht teilnehmen. Doch das Programm sieht Deemah sowieso kritisch. „Universitäre Atmosphäre schön und gut. Aber wir laufen den Weg und erreichen nichts.“

Gasthörerschaft als Überbrückungsangebot

So hat die 23-Jährige vor einer Woche die Facebook-Seite „Gleichberechtigter Hochschulzugang für Geflüchtete“ ins Leben gerufen, auf der sie mit Gleichgesinnten fordert, die Universitäten ganz für Menschen wie sie zu öffnen. Nun sucht sie nach weiteren Unterstützern. Einen hat sie sicherlich in Hassan gefunden. „Refugees sollten die gleichen Rechte haben wie alle anderen, um zu studieren“, ist der 30-Jährige überzeugt. „Die meisten hier haben bereits einen Abschluss und wollen einfach weiterkommen. Da ist reines Zuhören wirklich zu wenig.“ Auch er will sein in Ägypten begonnenes Pharmaziestudium hier weiterführen. Sarah Al-Mukdad kann dem Programm mehr abgewinnen. „Ich finde das sehr wichtig und gut für die Flüchtlinge“, so die junge Medizinstudentin. Biologie- und Chemievorlesungen will sie besuchen, auch Psychologie. „Das ist doch wichtig für mein Berufsdeutsch“, sagt sie. Doch auch sie würde am liebsten sofort mit dem Studium beginnen: „Ich bin ungeduldig.“

Die HU beabsichtigt, ihre Pforten ganz für Asylsuchende und -bewerber zu öffnen. So betont Michael Kämper-van den Boogart, Vizepräsident für Studium und Internationales: „Auch wenn die Gasthörerschaft zunächst ein Überbrückungsangebot ist, wird die HU sich an allen Schritten beteiligen, die es Flüchtlingen ermöglichen, diese Perspektiven dann auch in einem ordentlichen Studium zu verfolgen.“