Berlin

„Die Abschiebungsverfahren müssen beschleunigt werden“

Der neue Berliner Erzbischof Heiner Koch spricht im Morgenpost-Interview über Flüchtlinge, Homo-Ehe und Fußball.

Heiner Koch, Erzbischof von Berlin - hier im erzbischoeflichen Ordinariat

Heiner Koch, Erzbischof von Berlin - hier im erzbischoeflichen Ordinariat

Foto: Amin Akhtar

Heiner Koch wird als Nachfolger von Rainer Maria Kardinal Woelki am morgigen Sonnabend in der St. Hedwigs-Kathedrale in sein Amt eingeführt. Der neue Berliner Erzbischof will auch von denen lernen, die sagen, sie glauben nicht an Gott. Ein Gespräch über den Glauben, Berlin, Homo-Ehe und Fußball.

Berliner Morgenpost: Herr Erzbischof, Sie wechseln schweren Herzens nach Berlin, hieß es nach der Bekanntgabe, dass Sie neuer Erzbischof in der Hauptstadt werden. Haben Sie sich inzwischen mit dem Wechsel angefreundet?

Erzbischof Dr. Heiner Koch: Ja, das ist von dem Moment an anders geworden, als ich innerlich Ja gesagt habe. Unabhängig davon, dass Dresden für mich eine sehr gute Zeit war und ich sehr gern dort war. Aber ich habe durch die ersten Gespräche und Begegnungen gelernt, was für eine spannende und große Aufgabe hier wartet. Jetzt gehe ich gern und mit ganzem Herzen.

Hat Sie geschreckt, dass Berlin so groß ist? Dresden ist ja eher überschaubar.

Eigentlich weniger. Ich bin nicht Bischof einer Stadt. In Dresden bin ich Bischof des Bistums Dresden-Meißen. Zum Erzbistum Berlin gehören Vorpommern und Brandenburg. Und es ist schon im Gespräch mit Ministerpräsident Woidke deutlich geworden, dass das ganz eigene Herausforderungen sind. Das ist bunt, das ist vielfältig.

Wie wollen Sie Berliner ohne religiöses Bekenntnis ansprechen?

Zunächst: Wir sind alle Menschen dieser Gesellschaft. Wir haben dieselben Herausforderungen, Probleme und Chancen. Ich bringe den Berlinern nicht Gott. Gott ist in dieser Stadt, Gott ist in den Menschen. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch ein gläubiger Mensch ist. Wir unterscheiden uns nur darin, was wir glauben und wem wir glauben. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass ich auch von denen, die sagen, ich glaube nicht an Gott, ich bin kein Christ, sehr viel lernen kann.

Ihr Vorgänger Kardinal Woelki hat eine Reform angestoßen, bei der die 105 Gemeinden zu 30 Großpfarreien fusionieren sollen. Was halten Sie davon?

Ich sehe die Neuordnung der Seelsorge als Neupositionierung der Kirche innerhalb der Gesellschaft umfassender als eine Strukturreform. Auch die Renovierung der St.-Hedwigs-Kathedrale ist ein wichtiges Thema. Ich merke ja, wie das die Leute aufwühlt. Wie Pro und Contra in beiden Fragen aufeinanderprallen – mit einer Intensität, die schon anrührt.

Haben Sie schon eine Position, wie die St. Hedwigs-Kathedrale renoviert werden soll?

Nein. Ich weiß nur, dass diese Kathe­drale deutlich aufgebessert werden muss. Diese Kirche steht für eine alles entscheidende Botschaft, weit über Berlin hinaus auch für die Kirche in Deutschland. Da reicht zur Erneuerung nicht ein Topf Farbe. Da muss auch ein geistliches Konzept her. Eine Kathedrale muss zudem auch denen Platz geben, die unverbindlich reinkommen, auch Ungetaufte sollen sich dort wohlfühlen. Die St. Hedwigs-Kathedrale muss eine Botschaft ausstrahlen.

Aber den Wettbewerb wollen Sie jetzt nicht rückgängig machen?

Nein, nein. Aber ich werde das Gespräch mit allen Beteiligten suchen.

Wie kann dann eine Lösung aussehen?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich weiß nur eins: Wir können nicht an der Kathedrale als Mittelpunkt des Bistums bauen und die Menschen im Bistum zerstreiten sich. Wenn wir ein Gotteshaus bauen, das nicht zur Einheit führt, sondern zerreißt, können wir es zumachen.

Sie sind Vorsitzender der Kommission Ehe und Familie der Deutschen Bischofskommission. Und setzen sich dabei auch für einen anderen Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität ein. Was meinen Sie damit?

Ich kenne viele Menschen, auch gerade aus meiner Kölner Zeit, die homosexuell geprägt sind. Und ich habe gerade vor diesen kirchlich gebundenen Menschen großen Respekt. Sie nehmen das alles nicht leicht. Sie haben es oft in ihren homosexuellen Gemeinschaften schwer als Christen. Gerade wenn einem der Glaube viel bedeutet, fühlen sie sich auch dort in ihrer Glaubensüberzeugung oft verletzt. Auch aus diesem Grund haben sie Anrecht auf unsere Solidarität. Dass es keine Diskriminierung gegenüber dem Einzelnen geben darf, ist für mich selbstverständlich. Ich werde versuchen, auch hier mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen.

Tolerieren Sie die Homo-Ehe?

Für uns als Kirche bedeutet Ehe eine lebenslange Gemeinschaft, zwischen Mann und Frau – und in ihrer Bereitschaft, offen zu sein für Kinder. Natürlich wissen wir, dass die Ehe scheitern kann, aber prinzipiell ist sie lebenslang gewollt. Diese drei Bedingungen, die für unser katholisches Eheverständnis wesentlich sind, werden in unserer heutigen Gesellschaft von vielen nicht mehr geteilt. Auch eine Gruppe von Menschen könnte dann eine Ehe führen. Doch was bleibt dann? Die Verbindung zweier Menschen, die Verantwortung, Verbindlichkeit füreinander aufbringen. Macht das Ehe aus? Dann kann man auch nicht-sexuelle Gemeinschaften als Ehe bezeichnen, auch eine Gruppe von Menschen hätte dann eine Ehe. Ich erlebe, dass diese Frage sehr stark verbunden wird mit der Wertschätzung, der Anerkennung, des Respekts. Die homosexuelle Gemeinschaft sagt, wenn wir nicht die Ehe leben können, weil wir nicht Eltern werden können, sind wir diskriminiert. Darüber wird man sprechen müssen, wir als Kirche werden unsere Vorstellung dazu einbringen.

Aber Sie definieren Ehe schon so, wie Sie es gerade erklärt haben?

Als Bischof und als Christ ja. Aber um möglichst Diskriminierung zu vermeiden, definieren viele den Ehebegriff um und entleeren seine Inhalte. Ich bin mehr dafür: differenzierte Wirklichkeiten brauchen differenzierte Begriffe.

Das große Thema in diesen Tagen ist in Deutschland der Flüchtlingsstrom. In Dresden haben Sie erlebt, wie Tausende Menschen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen demonstriert haben, die Pegida kennengelernt…

Ja, auch. Das war für mich eine der Überraschungen. Wir hatten gerade 25 Jahre friedliche Revolution gefeiert in Leipzig, in Dresden, in Plauen. Es gab Gespräche mit denen, die damals die Freiheit erkämpft haben. Dann kam die Landtagswahl und gleichzeitig kam Pegida hoch. Zum Glück hat sich das wieder geändert: Viele, die mit geschwommen sind, bleiben wieder weg, aber ihre Vorhaltungen gegenüber der Politik in der Gesellschaft sind geblieben. Der Kern von Pegida ist nun rechtsradikaler geworden.

Was muss man angesichts des Flüchtlingsstroms tun?

Die Zahlen werden steigen, die Probleme wachsen. Die politischen Lösungen gibt es noch nicht. Die Bundesregierung, aber auch Europa müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Es geht nicht, dass europäische Länder die Aufnahme von Flüchtlingen verweigern. Meiner Meinung nach müssen auch die Abschiebungsverfahren beschleunigt werden. Die Menschen etwa aus dem Balkan stehen unter einer anderen Not als die, die aus Syrien kommen und um ihr Leben gerannt sind.

Ihnen eilt der Ruf voraus, bekennender Karnevalist und Fußballfan zu sein…

Ich bin vor zwei Jahren in Dresden eingeführt worden. Und wenige Tage später spielte Dynamo Dresden gegen den 1. FC Köln. Und was ist dieses Mal? In der Woche nach meiner Einführung in der Hauptstadt spielt wieder Köln, dieses Mal in Berlin gegen Hertha BSC. Ist das nicht toll?

Werden Sie trotzdem jetzt auch ein bisschen Hertha-Fan?

Sicher werde ich zu Spielen von Hertha BSC gehen, aber mein Stammverein ist Fortuna Düsseldorf. Dem bin ich treu geblieben bis in die vierte Liga. Und da haben wir im Moment nichts zu lachen, aber da zeigt sich die Treue. Neugierig bin ich aber auch auf den 1. FC Union. Der Klub scheint Kult zu sein. Den möchte ich auch mal erleben.