Naturkundemuseum

30 Millionen uralte Botschaften im Naturkundemuseum

Ein Hirn in Alkohol und ein Knäuel aus Federn: Das Buch „Wissensdinge“ erzählt die Geschichten hinter den Exponaten im Naturkundemuseum.

Selbst als Dermoplastik hat Knut viel zu erzählen - von seinem kurzem Leben im Zoologischen Garten. Von Tausenden Menschen, die sich täglich vor seinem Gehege drängelten. Von einer Stadt in Aufruhr wegen eines kleinen Eisbären

Selbst als Dermoplastik hat Knut viel zu erzählen - von seinem kurzem Leben im Zoologischen Garten. Von Tausenden Menschen, die sich täglich vor seinem Gehege drängelten. Von einer Stadt in Aufruhr wegen eines kleinen Eisbären

Foto: akuhn@wmg.loc / BM

Fast sieht es aus, als würde er den Besucher anschauen. Oder eher kritisch mustern. Die Nase glänzt, als wäre sie feucht, die feinen Härchen darunter scheinen durch den Atem leicht zu schwingen. Aber tatsächlich bewegt sich nichts mehr an Bobby. Der Gorilla, einst ein Star im Berliner Zoo, ist bereits vor 80 Jahren gestorben. An einer Blinddarmentzündung. Seit 1935 gibt es ihn nur noch konserviert und präpariert – allerdings so perfekt, dass viele Besucher noch heute zu ihm ins Naturkundemuseum pilgern. Dagmar Behrendt zum Beispiel.

Die Berlinerin ist 90 Jahre alt, kannte Bobby noch zu dessen Lebzeiten und hat ihn früher regelmäßig im Zoo besucht. Im Affenhaus gab es damals eine Vorstellung, bei der der Gorilla mitwirkte: Die Affen fuhren auf Rollen durch den Käfig und aßen von kleinen Tellern. Aber dann war Bobby auf einmal tot. Nun kann die alte Dame ihren geliebten Gorilla nur noch im Museum betrachten und dabei in Erinnerungen schwelgen.

Dagmar Behrendt ist eine der Autoren, die für das Buch „Wissensdinge“ eines der 30 Millionen Objekte im Naturkundemuseum ausgewählt und aufgeschrieben haben, was sie mit ihm verbinden. Anregung gab dazu auch ein Projekt zum Thema Bürgerwissenschaften, bei dem interessierte Laien aufgerufen waren, ihre Beziehung zu einem Ausstellungsstück zu beschreiben. Sogar der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit schrieb einen Beitrag über einen ausgestellten Wombat, den er „sofort ins Herz geschlossen“ habe.

Präparieren im 18. Jahrhundert brauchte vor allem eines: Alkohol

Auch Richard Lesser beteiligte sich an dem Buchprojekt. Er ist Nachfahre des Naturforschers Marcus Élieser Bloch, eines Pioniers der Fischkunde. Darum erschien es Lesser naheliegend, die Patenschaft für verschiedene Präparate aus Blochs Sammlung im Naturkundemuseum zu übernehmen, zum Beispiel für den Eidechsenfisch. In seinem Beitrag beschreibt er, wie schwierig es im 18. Jahrhundert gewesen sein muss, Fische zu präparieren. Jedenfalls stand sein fischkundiger Vorfahr wohl wenige Tage nach der Präparation vor verwesten, stinkenden Wassertieren. Nur wenige Exemplare konnte Bloch damals dank reichlich Spiritus und Arrak doch noch erhalten, erzählt Lesser.

Die Beiträge im Buch erzählen die Geschichten hinter den Objekten. Geschichten ihrer Entdeckung, des gesellschaftlichen Umfeldes, der schwierigen Bedingungen, sie zu erhalten. Und weil sich damit am besten die Mitarbeiter des Museums auskennen, gibt es neben den Geschichten von Laienforschern auch viele Beiträge von Kuratoren, Präparatoren, Natur- und Kulturwissenschaftlern des Museums. Da können Gesteinsbrocken, Fellbüschel eine aufgespießte Fliege oder merkwürdige Wesen in Reagenzgläsern auf einmal spannend werden.

Der Meisengimpel ist zum Beispiel so ein Objekt. Der kleine Vogel hat fast 250 Jahre auf den Federn. Der Urahn der asiatischen Finkenart stammt wohl aus Sibirien und reiste von dort mit seinem Entdecker nach Berlin. Im Naturkundemuseum hockt er seit 200 Jahren unter einer Glaskuppel, während Besucher seinen langen Schwanz bewundern.

Den Schwanz hat er immer noch, aber der Vogel an sich ist heute reichlich ramponiert – durch Bombeneinschläge im Zweiten Weltkrieg waren die Scheiben der Ausstellungsvitrinen zersprungen, viele Objekte standen auf einmal im Freien. Wohl auch der kleine Vogel. Manche Präparate sollen sogar durch die Druckwellen aus den Fenstern des Museums geschleudert worden sein. Aber irgendwie wurde der Meisengimpel oder das, was von ihm übrig geblieben war, doch gerettet und ist heute – wenn auch etwas verunstaltet – eines von nur zwei Exemplaren, die es aus der ursprünglichen Sammlung dieser Finkenart aus dem 18. Jahrhundert überhaupt noch gibt. Also kein Federnhaufen, sondern ein durchaus bedeutsames Exemplar.

Viele auf den ersten Blick unscheinbare Schätze

Das Naturkundemuseum bietet viele solcher auf den ersten Blick unscheinbarer Schätze. Schließlich ist es eines der größten naturkundlichen Forschungsmuseen weltweit. Nur ein kleiner Teil der Exponate kann ausgestellt werden, ein Großteil der Objekte befindet sich in den Katakomben des Hauses. Manche davon wurden am vergangenen Donnerstag, als das Buch im Naturkundemuseum vorgestellt wurde, hervorgeholt und den Besuchern präsentiert. Schmetterlinge, Fledermaus-DNA im Trockeneis, das Wachsmodell eines Lungenfischhirns oder eine versteinerte Mariendistel aus dem 18. Jahrhundert waren da zu sehen.

Im Buch gibt es noch mehr. Insgesamt 94 Wissensdinge werden hier vorgestellt. Darunter auch ein in Alkohol eingelegter Taipan. Interessant ist dabei allerdings weniger die Giftnatter als die Geschichte ihrer Sammlerin Amalie Dietrich. Sie hatte sich allein auf eine Expedition nach Australien begeben und soll den Taipan 1866 selbst gefangen, präpariert und an ein Museum in Hamburg geschickt haben. Eigentlich war sie Pflanzensammlerin im Auftrag verschiedener Apotheker. Meist war sie zu Fuß unterwegs, allein, nur begleitet von ihrem Hund. Ihre Tochter hatte sie während ihrer Expeditionen bei einer Familie in Hamburg untergebracht. Erst bereiste sie Europa, später zog es sie bis nach Australien. Hier gefiel es ihr offenbar ganz besonders, jedenfalls schrieb sie ihrer Tochter: „Welche Freiheit habe ich hier beim Sammeln! Kein Mensch setzt meinem Sammeleifer irgendwelche Schranken.“ Auch heute noch würde man Amalie Dietrich wohl als Ausnahmeerscheinung bezeichnen. Wie revolutionär wird sie da erst vor 150 Jahren gewirkt haben? Dagegen verblasst sogar ihr alkoholisierter Taipan-Fund.

Ausgestopfter Knut inspirierte Japanerin zu einem Roman

So in den Schatten stellen lassen würde sich ein anderes Tier wohl nie: Eisbär Knut. Der darf in der Sammlung der Wissensdinge natürlich nicht fehlen. Vorgestellt wird er von der in Berlin lebenden Schriftstellerin Yoko Tawada, die durch Knut sogar zu ihrem Roman „Etüden im Schnee“ über eine Eisbärenfamilie angeregt wurde. In ihrem Beitrag schreibt sie: „Das Präparat hatte für mich etwas Heiliges.“ Und das gilt nicht nur für sie. Auch vier Jahre nach seinem Tod richten sich in der Ausstellung „Highlights der Präparationskunst“ meist ehrfurchtsvolle Blicke auf die Dermoplastik des berühmten Eisbären. Mit der Lektüre von „Wissensdinge“ wird nun aber vielleicht auch anderen Exponaten mehr Aufmerksamkeit zuteil.

Das Buch: Anita Hermannstädter, Ina Heu­mann, Kerstin Pannhorst (Hg.): „Wissensdinge. Geschichten aus dem Naturkundemuseum“, Nicolai Verlag, 24,90 Euro.