Lageso

Betrüger haben es auf Flüchtlinge abgesehen

Hunderte Flüchtlinge kommen täglich zum Lageso in Moabit. Immer mehr Betrüger wollen dort ein Geschäft mit der Not der Menschen machen

Dicht gedrängt stehen die Asylsuchenden vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales

Dicht gedrängt stehen die Asylsuchenden vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales

Foto: Steube

Auf dem Boden liegt eine Schultüte. Achtlos zusammengetreten. Sie war als symbolisches Geschenk für Flüchtlinge gedacht, die mit ihren Kindern in die Erstaufnahmestelle des Landesamtes für Gesundheit und Soziales an der Turmstraße kommen. Etwa 300 Menschen bevölkern an diesem Freitag das unübersichtliche Areal. Sie sitzen auf dem Boden, auf Bänken, stehen in Pulks vor dem Haus J. Dort steht auf einer elektronischen Anzeigetafel zu lesen, welcher Antrag als nächster dran ist.

Die vielen Unterstützer von „Moabit hilft“, verteilen derweil kleine Snacks an die Wartenden. Oft ist nur an kleinen Namensschildern zu erkennen, dass sie keine Flüchtlinge sind. Unter den Helfern sind viele Studenten mit Migrationshintergrund. Es ist ein Kommen und Gehen.

Plötzlich laute Stimmen auf dem Bürgersteig der Straße, die durch das Areal führt. „Lassen Sie die Tasche stehen“, ruft eine Mitarbeiterin von „Moabit hilft“ einer Frau zu, „das sind nicht Ihre Sachen.“ Dann tauchen Beamte einer Zivilstreife auf. Lassen sich Ausweise zeigen. Englische Sprachfetzen. Der Versuch, die Situation zu klären.

Beamte verhängen Platzverweise

Schnell stellt sich heraus, dass die Frau sich bei den vielen Spenden „bedient“ hat. Sie ist kein Flüchtling. Möglicherweise aber illegal in der Stadt. Die Mitarbeiter vermuten, dass sie sie weiterverkaufen wollte. Die Zivilbeamten sprechen einen Platzverweis aus und raten den Helfern: „Sollten Sie die Frau hier wieder sehen, sofort die Polizei benachrichtigen und Anzeige erstatten.“

Ein Einzelfall? Das wohl nicht. Die Berliner Polizei hat zwischen Januar und August 2015 auf dem Gelände des Lageso und in unmittelbarer Nachbarschaft 104 Betrugstaten registriert. Dazu kommen 55 Fälle von Urkundenfälschung. Außerdem gab es 58 Anzeigen wegen Körperverletzung.

Meist im Umfeld von Demonstrationen, wo es oft zu Rangeleien mit Polizeibeamten oder Security-Leuten kommt und zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrantengruppen. Ein Polizeisprecher betont aber, es sei statistisch nicht erfasst, inwieweit die Fälle mit Zuflucht suchenden Menschen in Verbindung stehen.

Geschäft mit der Not

In einem Zelt vor Haus R sitzt László Hubert. Er koordiniert an diesem Tag die Freiwilligen von „Moabit hilft“. Gerade hat er der ARD ein Interview gegeben. „Ja“, sagt er, „hier tauchen immer wieder Typen auf, die aus der Not der Flüchtlinge ein Geschäft machen wollen.“

Die Helfer hätten vor kurzem einen Betrüger gefasst, der Flüchtlingen eine Wohnung vermitteln wollte. „Er hat dafür eine dreistellige Summe als Provision verlangt“, sagt Hubert. Auch habe es Versuche gegeben, den Flüchtlingen Gutscheine für Hostels abzukaufen und damit Geschäfte zu machen.

Dann erzählt er noch von einem besonders „widerwärtigen Fall“. So seien acht Flüchtlinge in ein Zwei-Zimmer-Appartement gelockt worden. Jeder von ihnen soll 50 Euro für die Unterkunft bezahlt haben. „Das sind im Monat 12.000 Euro für eine Bude, die vielleicht 400 Euro Monatsmiete kostet“, rechnet Hubert vor und schüttelt fassungslos den Kopf.

Dubiose Wohnungsangebote

Gibt es Hinweise, dass Flüchtlinge von Dealern aus der Drogenszene angeworben werden? Werden junge Frauen angesprochen, um sie ins Rotlichtmilieu zu ziehen? Er wisse nichts davon, sagt Hubert, möglich sei das aber, schließlich sei das Gelände für jedermann zugänglich. „Was wir mitkriegen, melden wir jedenfalls sofort der Polizei.“

Zu Drogengeschäften mit Flüchtlingen oder Zwangsprostitution rund um das Lageso liegen der Polizei keine Erkenntnisse vor. Aber in der zuständigen Direktion 3 an der Kruppstraße werden derzeit zwei Anzeigen bearbeitet, die im Zusammenhang mit dubiosen Wohnungsangeboten für Flüchtlinge stehen. In einem Fall sollen Unbekannte am 21. August auf dem Gelände des Lageso Flüchtlinge angesprochen und ihnen Hostelplätze angeboten haben. Laut Polizei gegen eine Gebühr von bis zu 1000 Euro. In diesem Fall laufen die Ermittlungen, so ein Polizeisprecher.

In einem zweiten Fall am 25. August wurde ein Flüchtling von einem Mann angesprochen. Er überreichte eine Telefonnummer. Darüber würde man eine Unterkunft für 400 Euro vermittelt bekommen. Die Polizei konnte in diesem Fall einen Tatverdächtigen ermitteln.

Tasche mit Ausweis geklaut

Auf dem Gelände des Lageso vertreiben sich die Flüchtlinge die Wartezeit derweil mit Spielen. Sahar, eine Betreuerin von „Moabit hilft“, kickt mit einigen Flüchtlingsjungen. Sie haben viel Spaß. Doch dann kommt der Schock für Sahar. Ihre Tasche, die sie auf einer Bank abgestellt hat, ist verschwunden. Personalausweis, Kredit- und Bankkarten, Autoschlüssel – alles weg.

Zufällig ist auf dem Lageso-Gelände ein Polizeioberrat aus dem nahen Abschnitt 33 unterwegs. „Was soll ich denn jetzt tun“, fragt sie den Beamten. Der rät ihr, Anzeige zu erstatten. „Sonst bekommen sie Ärger, wegen Ihrer gestohlenen Ausweispapiere.“ Ob sie die Anzeige bei ihm stellen könne, will die junge Frau wissen. Der Polizeioberrat verneint. Er bittet sie, beim Abschnitt 33 den Diebstahl zu melden.

Für Sahar das Ende ihres Hilfseinsatzes. Aber nur für heute. Sie will wiederkommen. „Die Flüchtlinge können ja nichts dafür“, sagt sie.