Steinbrüche

Die Spur der Steine führt von China nach Berlin

Berlins Gehweg-Platten kommen jetzt aus China. Eine Globalisierungsgeschichte.

Berlin.  Ihre Oberfläche ist glatt geschnitten, ihre unsichtbare Unterseite ist rundlich und rau, als hingen sie durch. Schweinebäuche werden die Berliner Gehwegplatten deshalb genannt. Herantransportiert wurden sie aus den Steinbrüchen in der Lausitz. Doch damit ist Schluss. Überall, wo in Berlin der Bürgersteig erneuert wird, rammen Bauarbeiter jetzt Granitsteine in den märkischen Sand, die einen wesentlich weiteren Weg hinter sich haben. Sie kommen aus China. Warum kauft die deutsche Hauptstadt Steine aus Haiyang, obwohl in der Lausitz ergiebige Steinbrüche liegen? Wer sich mit Berliner Pflastersteinen beschäftigt, kann einiges über die Globalisierung lernen.

Haselbachtal nahe dem sächsischen Bautzen: Hier, zwischen grasenden Schafen, Pfefferkuchenstädtchen und weiten Wäldern weiß man erstaunlich viel von den Kräften der Globalisierung, denn hier arbeitet einer der letzten deutschen Natursteinbetriebe mit eigenem Steinbruch. „Von hier kamen die Berliner Gehwegplatten früher“, sagt Rolf Ziesche und zeigt in ein etwa 40 Meter tiefes und 60 Meter breites Loch: seinen Granitsteinbruch. Seit 1850 wird bei Wiesa Granodiorit abgebaut, ein hellgrauer Stein mit Kristallen von Feldspat, Quarz und Glimmer. Entstanden vor 600 Millionen Jahren aus glühender Magma.

Ziesche hat sich schwere Bauarbeiterschuhe angezogen. „Immer mir nach“, ruft der Geschäftsführer der Kamenzer Granitwerke und stapft einen Fußbreit vom Abgrund entfernt durch das Gelände. Generationen haben hier Stufe für Stufe in den Fels gesprengt. 200 Kubikmeter Granit fördert Ziesche im Jahr. Es ist noch genug da, für lange Zeit. Das Problem sind nicht die Steine, sondern die globale Konkurrenz.

In China gelten 500 Euro im Monat schon als guter Verdienst

Berliner Gehwegplatten stellen Ziesches Granitwerke nicht mehr her. Rechnet sich nicht mehr. Der Tariflohn für Steinmetze liegt in Deutschland bei rund 15 Euro, der Mindestlohn bei elf Euro. In China bekommen Arbeiter oft nur einen Euro pro Stunde. Bekommt ein deutscher Steinmetz 2000 Euro brutto im Monat, gelten in China schon 500 Euro als guter Monatsverdienst.

Seit Ziesche den Steinbruch vor 16 Jahren übernahm, hat sich der Markt komplett verändert. Sechs Mitarbeiter kann er heute noch beschäftigen, es waren einst Dutzende. „Der Preisdruck ist extrem hoch“, sagt er. Man arbeite wirtschaftlich immer hart an der Grenze der Rentabilität.

„Die deutsche Natursteinindustrie ist ein Opfer der Globalisierung“, sagt Reiner Krug, Geschäftsführer des deutschen Natursteinverbandes. Rund die Hälfte der Verbandsmitglieder habe in den vergangenen zehn Jahren aufgeben müssen. Im Odenwald und im Bayerischen Wald sei von der Branche kaum noch etwas übrig. Massenprodukte wie Pflastersteine, Bordsteine, Grabsteine – „das kommt heute alles aus dem Ausland“, sagt Krug. Etwa 1200 Euro koste die Tonne Granit aus deutscher Herstellung, 250 Euro die Tonne aus China.

Die „Schweinebäuche“ kommen aus Haiyang

Berlin, Prenzlauer Berg: Mit Stemmeisen und Baggern holen Bauarbeiter die alten Schweinebäuche aus dem Boden. Auf Paletten stehen schon die neuen Platten bereit. Ein Lieferschein flattert im Wind. Auf ihm stehen chinesische Schriftzeichen. „Granit ‚Martell‘ mittelgrau“, steht da. 80 Zentimeter Breite, ein Meter Länge, acht Zentimeter Dicke. „Gesägt und geflammt“. Herkunftsort ist die chinesische Provinz Haiyang. Hersteller die Laizhou Fusheng Stone Co. Ltd in China.

Diese Granitplatten kosten beim Baustoffgroßhandel Raiss 80 Euro pro Quadratmeter. Eine Gehwegplatte kostet die Stadt Berlin demnach 64 Euro. Rund 180.000 Tonnen Natursteine importiert Raiss jährlich nach Deutschland, darunter auch die Berliner Trottoirplatten.

Das größte Granitabbaugebiet in China erstreckt sich nördlich der Stadt Xiamen 300 Kilometer entlang der Ostküste. Drei Millionen Menschen arbeiten hier im Natursteinabbau und der Verarbeitung. Der Hafen von Xiamen ist einer der zehn größten Containerhäfen Chinas. Von Xiamen aus fahren regelmäßig Containerschiffe mit Tausenden Tonnen Steinen etwa auf dem „Asia Europe Loop 6“ von Taiwan über Singapur, durch den Suezkanal ins Mittelmeer, weiter durch die Meerenge von Gibraltar und den Ärmelkanal bis nach Rotterdam und schließlich über die Elbe bis nach Hamburg.

Der Transport kostet 5,5 bis elf Cent pro Kilo

Vor allem die Logistik macht die Globalisierung des Steinhandels möglich: Die Container sind sechs Meter lang und etwa 2,3 Meter breit und hoch. 28 Tonnen Fracht passen in jeden Container. Die größten Schiffe fassen rund 15.000 Stück und können in zwei Tagen ent- und beladen werden. Die Transportkosten von Asien nach Mitteleuropa liegen bei 5,5 bis elf Cent pro Kilogramm. Rund 20.000 Kilometer sind die Steine unterwegs. Die Reise dauert etwa 40 Tage bis nach Hamburg. Von dort geht es mit Lkw weiter.

Warum chinesischen Stein? Eine besondere Berliner Spezialität? „Wir kaufen keine Steine selbst ein und wissen auch nicht genau, wie die Preise sind“, sagt Jürgen Terlinden, Leiter des Pankower Straßenamtes. „Wir beauftragen eine Firma, Steine zu liefern und zu verlegen.“ Der Bezirk schreibe den Auftrag aus und müsse den günstigsten Anbieter nehmen. Für den Einkauf sei die Wirtschaft verantwortlich.

Über Nacht Bordsteinmillionär

Einer der größten Importeure in Berlin ist die Firma Besco. Seit rund 15 Jahren beobachte man den Wandel der Branche, sagt Geschäftsführer Frank Dickmann. Angefangen habe es in den 90er-Jahren, als Containerschiffe die ersten indischen und chinesischen Bordsteine nach Deutschland lieferten. Ein deutscher Bordstein kostete damals etwa 90 D-Mark, die asiatischen 30 D-Mark. „Da gab es Importeure, die sind über Nacht zu Bordsteinmillionären geworden“, erinnert sich Dickmann. In China sei seitdem eine gigantische Natursteinindustrie mit heute rund 20.000 Unternehmen entstanden.

In Böblingen sollte Dickmanns Firma 15.000 Quadratmeter Fußgängerzone pflastern. Mit deutschem Stein hätte es 2,3 Millionen Euro gekostet, mit europäischem 1,7 Millionen und mit chinesischem 1,3 Millionen Euro. „Für die Differenz kann die Stadt eine schöne Kita bauen“, sagt Dickmann. 2500 Container kauft er jedes Jahr aus Asien. Drei Mitarbeiter sind ständig vor Ort und kontrollieren die Ware, bevor im Hafen gezahlt wird.

„Man muss ja auch an die nächste Generation denken“

Dann ist da noch die Qualität der chinesischen Steine. Sie seien nicht frostfest und bröselig, lauten die Vorwürfe. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das unwahrscheinlich. Chinesischer Granit ist genauso widerstandsfähig wie deutscher. Die Magmaerstarrung vor Jahrmillionen hat keinen Unterschied gemacht zwischen dem heutigen China und der Lausitz.

Dort sitzt Steinbruchbesitzer Rolf Ziesche auf Tonnen von Granit. Die Globalisierung hat den Stein hier fast wertlos gemacht. Selbst für direkte Nachbarn des Steinbruchs wäre die chinesische Ware günstiger. Als billigen Schotter und Befestigung für Autobahnböschungen will Ziesche seinen Stein trotzdem nicht verramschen. „Man muss ja auch an die nächste Generation denken“, sagt der Geschäftsführer, dessen Sohn Bernd Ziesche heute den Betrieb mitsteuert.

Die Ziesches haben eine andere Lösung gefunden, sich im Markt zu behaupten: Spezialisierung, Vorsprung durch Technik. Eine computergesteuerte Reliefmaschine sägt nun aus großen Steinblöcken Landschaften mit unterschiedlichem Höhenverlauf. „Da haben wir noch mal richtig investiert“, sagt Bernd Ziesche. „Das gibt es in China noch nicht.“ Eine Investition, die sich offenbar rechnet: Die Ziesches liefern fast alle Sandsteinelemente für das Berliner Schloss. Rund 1000 Kubikmeter insgesamt. Diesmal führt die Spur der Steine aus der Lausitz nach Berlin.