Neues Buch

Berlins "Superlehrer" hält Hausaufgaben für verzichtbar

Dirk Stötzer war sehr gern Lehrer in Berlin. Nach seinem Youtube-Erfolg hat er nun ein Buch geschrieben, in dem er für den Beruf wirbt.

Dirk Stötzer kann das ewige Gemeckere über die Schulen nicht mehr hören. Er mag diese Blogs oder Foren im Internet nicht, in denen sich Lehrer über ihre Arbeitsbedingungen beschweren und dann in den Kommentaren viel Beifall von anderen Kollegen bekommen. "Man könnte ja meinen, das Jammern gehört zu einer Grundvoraussetzung für den Lehrerberuf", sagt er.

Vor einem Jahr ist der 67-Jährige in den Ruhestand gegangen und hatte sich mit einem viel beachteten Youtube-Video über den Superlehrer verabschiedet. Jetzt hat er ein Buch veröffentlicht über den "besten Beruf der Welt" mit dem Titel "Superlehrer + Superschule = supergeil".

Ein Mutmachbuch

"Es soll jungen Menschen Mut machen, Lehrer zu werden", sagt er. Gleichzeitig macht er sich darin auf die Suche danach, was eigentlich einen Superlehrer ausmacht. Er befragte Kollegen, Schüler und Eltern danach, welche Lehrer sie besonders mochten und warum. Als ein Hauptkriterium stellt sich in den Antworten immer wieder der Humor heraus.

Dass Dirk Stötzer den nötigen Humor besitzt, hat er vor einem Jahr mit seinem Videoclip "Superlehrer Superjob Supergeil" bewiesen, der schon mehr als 200.000 Klicks hat (Video: oben im Artikel). Über Nacht wurde der Berliner Lehrer in ganz Deutschland bekannt. 30 Jahre lang hatte er am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Wilmersdorf gearbeitet, zunächst als Lehrer für Mathematik, Musik und Informatik, später als Schulleiter, dann in der Schulaufsicht und im Beschwerdemanagement der Bildungsverwaltung.

Die Schüler sind supernett und superpünktlich

"Das Video war eigentlich nur ein Gag für meine Abschiedsfeier", sagt er, als Vorlage diente die Edeka-Werbung "Supergeil".

In seinem Video kommt Stötzer am Hauptbahnhof in Berlin an und tänzelt dann mit dunkler Sonnenbrille durch die Berliner Schulen. Und dabei ist eben alles supergeil: Die Schüler sind supernett und superpünktlich, der Salat in der Mensa ist superlecker, es gibt super Latte und super Mathe.

Kaum war das Video im Netz, klingelte bei Stötzer das Telefon. Von der "BBC" bis zum "Spiegel" wollten viele Medien mit dem Pensionär sprechen, der so gut gelaunt um junge Lehrer für Berlin wirbt.

Unbesetzte Lehrer-Stellen in Berlin

Dabei hat der Gag einen ernsten Hintergrund. Berlin muss allein für das kommende Schuljahr 2000 Lehrer einstellen. Noch immer sind einige Stellen nicht besetzt. Stötzer selbst saß in der Bildungsverwaltung an der Hotline für Quereinsteiger.

"Wir haben die Anrufer beraten, welche Abschlüsse nötig sind, um in den Schuldienst einzusteigen, dabei wäre es viel wichtiger gewesen zu fragen, welche Persönlichkeit und welche Motivation der Bewerber mitbringt", sagt der Autor.

"Besitzen Sie eine anständige Hose?"

Am Ende seines Buches steht eine Checkliste, in der die Interessenten per Kreuzchen überprüfen können, ob sie das Zeug zum Superlehrer haben. Das fängt mit so profanen Fragen wie "Haben Sie eine hörbare Stimme?" oder "Besitzen Sie eine anständige Hose?" an und geht bis hin zu so wichtigen Charaktermerkmalen wie "Lieben Sie Überraschungen und schwer kontrollierbare Situationen?".

Zu häufig würden Lehrer erst nach dem Studium feststellen, dass sie für den Beruf gar nicht geeignet sind, sagt Stötzer, der sich für Aufnahmetests vor einem Lehramtsstudium einsetzt.

Auch wenn Dirk Stötzer ein positives Signal setzen will, ist das Buch alles andere als eine Lobhudelei auf die Berliner Schulen. Im Gegenteil: Durch seine Arbeit im Beschwerdemanagement und in der sogenannten Task Force der Bildungsverwaltung, die dann eingesetzt wird, wenn an einer Schule vieles schief läuft, weiß er genau, wo die Probleme liegen.

Ausfallstunde besser als schlecht vertretene Stunde

Diese werden auch nicht verschwiegen – allerdings ist Stötzer dabei nicht larmoyant, sondern lösungsorientiert und vertritt mit seinem Pragmatismus so manche provokante These. Zum Beispiel, dass eine Ausfallstunde besser ist als eine schlecht vertretene Stunde. "Vertretung ist fast immer vergebene Liebesmüh", lautet sein fett gedruckter Merksatz.

Lieber solle dem Schüler dafür in seiner 35-Stunden-Woche ein wenig Freizeit gegönnt werden. Seine Antwort auf das Dauerstreitthema Hausaufgaben lautet ganz einfach: möglichst darauf verzichten, der Nutzen sei ohnehin nicht nachgewiesen.

Auch mit Forderungen hält er sich nicht zurück. So findet Stötzer, dass Lehrer, die gute Lernerfolge haben, verpflichtet werden sollten, ihre Unterrichtsvorbereitungen zu veröffentlichen. Das Gleiche soll für schlechte Leistungen gelten, schließlich müsse verhindert werden, dass Fehler wiederholt werden.

Lehrer sollten von Schülern benotet werden

Außerdem sollten sich alle Pädagogen regelmäßig von ihren Schülern bewerten lassen. Die Schulleitungen müssten die Unterrichtsqualität stärker überwachen, was bisher kaum geschehe. Auch vor den Eltern macht er nicht Halt. Elternseminare sollten an allen Schulen Pflicht sein. Dabei müsse es darum gehen, ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern aufzubauen. Die Schule dürfe nicht zur Kampfarena werden.

In seiner eigenen Karriere hatte er es mit so manchen klagewütigen Eltern zu tun. Es gebe welche, die ließen bei einer Klausur ein Zweitgutachten anfertigen, um die Note anzufechten. Dabei sei doch ganz klar, dass eine Leistung nur im Zusammenhang mit dem vorher gegebenen Unterricht beurteilt werden könne, sagt er.

Er selbst hat mit seiner Frau fünf Kinder großgezogen. "Natürlich habe ich mich da auch manches Mal über Lehrer geärgert, aber ich hätte die Autorität von Schule nie am Familientisch untergraben", sagt Dirk Stötzer.

Dirk Stötzer "Superlehrer + Superschule = supergeil. Der beste Beruf der Welt", 352 Seiten, 12,99 Euro, Goldmann Verlag

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