Urban Gardening

In Berlin hat ein Garten Hunderte Gärtner

In mehr als 100 Gemeinschaftsgärten mitten in der Stadt pflanzen Berliner zusammen Obst, Gemüse und Blumen an.

Katrin pflegt ihre Blumen beim Urban Gardening auf dem Tempelhofer Feld

Katrin pflegt ihre Blumen beim Urban Gardening auf dem Tempelhofer Feld

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Sonnenblumen, Tomatenpflanzen und Kürbisse gedeihen in teils bunt bemalten, teils morschen Holzbeeten. Die Pflanzflächen liegen wild verstreut im Garten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin-Neukölln, manche eng beieinander. Rund 750 Berliner gärtnern hier seit 2011 gemeinsam. Mehr als 100 solcher Gemeinschaftsgärten gibt es in Berlin.

Jeder pflegt sein Beet und seine Gewächse selbst. Um die gesamte Anlage kümmert man sich gemeinsam. Die Gärtner treffen sich einmal im Monat zum Organisieren und Picknicken oder Filmgucken. Auch Besucher sind in dem frei zugänglichen Garten stets willkommen: Touristen ruhen zwischen Erdbeerpflanzen und Geranien ihre müden Füße aus. Studenten spielen Gitarre und singen.

Rund 125 Gemeinschaftsgärten gebe es in Berlin, schätzte die Mitgründerin der Initiative Allmende-Kontor, Gerda Münnich. Sie hat den Überblick über die meisten dieser Berliner Gartenprojekte. Das Allmende-Kontor ist Anlaufstelle für Gartenfreunde in der Hauptstadt, verleiht Geräte und gibt Tipps für Neugründungen. Die Gärtner seien keineswegs nur Hipster und Alternative. „Im Allmende-Kontor haben Sie alles“, sagte Münnich. Familien, Studenten, Künstler und Senioren pflanzen hier. Ein Beet koste 45 Euro im Jahr.

Eine Bewegung gegen Konsum und Globalisierung

„Den Garten in die Stadt holen und das tun, was die Großeltern gemacht haben, aber in der modernen Umgebung - das macht die Gemeinschaftsgärten so anziehend“, sagte Eike Wenzel vom Trendinstitut ITZ. Der Konsum- und Freizeittrend „Gardening“ sei seit zehn Jahren zu beobachten. Vor allem junge Familien verspürten eine „starke Sehnsucht“, wieder selbst Obst und Gemüse anzubauen und einen Garten mit anderen zu teilen. Gemeinschaftsgärten seien eine Bewegung gegen den Konsum, die Globalisierung und Industrialisierung, sagte Wenzel.

Der wohl prominenteste Berliner Gemeinschaftsgarten ist der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg. Hunderte Freiwillige verwandelten hier 2009 eine vermüllte, brachliegende Fläche in eine grüne Oase mitten an einer vielbefahrenen Straße. Heute werden im Prinzessinnengarten über 500 Kräuter- und Gemüsesorten angebaut. Viele Gemeinschaftsgärten entstanden auf Brachen in der Stadt.

Projekt für traumatisierte Frauen

In den Gemeinschaftsgärten geht es nicht nur ums Pflanzen: Gartenbegeisterte jeden Alters bewirtschaften Generationengärten wie den Berolina-Garten in Berlin-Mitte und tauschen dabei Erfahrungen aus. Menschen unterschiedlicher Herkunft bepflanzen interkulturelle Gärten wie das Himmelbeet in Berlin-Wedding oder den Garten Rosenduft auf dem Gleisdreieck in Berlin-Kreuzberg.

Der Garten Rosenduft entstand aus einem Projekt für traumatisierte Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Der Umgang mit Erde und Wachstum ist etwas Wohltuendes, auch für Menschen, die traumatisiert sind“, sagte eine Sprecherin der Integrationsbeauftragten des Senats. In interkulturellen Gärten könnten Menschen mit ausländischen Wurzeln und Deutsche zusammen ihre Freizeit verbringen, unabhängig davon, wie gut sie Deutsch sprechen.

Manche stehlen Obst und Gemüse

Auch beim Wohnungsbau wird an Flächen für Gemeinschaftsgärten gedacht. In Berlin-Lichtenberg etwa ist neben elf-geschossigen Mietshäusern der Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE ein interkultureller Garten entstanden. Sowohl Mieter als auch Bewohner anderer Häuser nutzten ihn, sagte eine Sprecherin. Mehrere Berliner Wohnungsbaugesellschaften planen bei neuen Vorhaben solche Grünflächen ein.

Die meisten Gemeinschaftsgärten gedeihen auf privaten Grundstücken, wie die Senatsumweltverwaltung mitteilte. Die Gärten auf dem Tempelhofer Feld und dem Gleisdreieck jedoch gehörten zu Flächen der Verwaltung.

Eine Schattenseite hat das Gärtnern auf frei zugänglichen Flächen: Manchmal bedienen sich Leute am Obst und Gemüse, bevor die Gärtner selbst es ernten können. Einige bauen deshalb unbekannte Sorten an. Schwarze Tomaten etwa, die weniger verlockend aussehen als rote.

Prinzessinnengärten
Generationengarten Berolina
Interkultureller Garten Rosenduft
Institut für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ)
Interkultureller Garten Himmelbeet
Allmende-Kontor