Rotes Rathaus

Müller empfängt Ai Weiwei als Freund Berlins

Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat sich am Donnerstag in das Gästebuch der Stadt eingetragen - ohne ein Wort an die Journalisten.

Ai Weiwei bekam auch ein Trikot von Hertha BSC für seinen Sohn

Ai Weiwei bekam auch ein Trikot von Hertha BSC für seinen Sohn

Foto: STEFANIE LOOS / REUTERS

Ai Weiwei ist in Sommerlaune, gut gebräunt kommt er in kurzen kakifarbenen Hosen, darüber ein saloppes weißes Hemd, ins Rote Rathaus geschlendert. Sieht fast so aus, als wolle er gleich nach dem Empfang irgendwo an einen Berliner See zum Baden mit dem Söhnchen. Der Künstler wird empfangen wie ein Staatsgast, roter Teppich vor dem Büro des Regierenden Bürgermeisters, überall Kordeln, damit keiner ihm zu nahe kommt. Nun macht Ai Weiwei erst einmal das, was er immer macht – ein Selfie, mit Michael Müller (SPD).

Wahrscheinlich wird er es in den nächsten Stunden bei Instagram einstellen, sein visuelles Tagebuch, wo er stets wichtige Treffen, Termine oder Situationen dokumentiert. Und wo jeder sehen kann, was Ai Weiwei beschäftigt, mit wem er in Kontakt ist. Eine klug kalkulierte Kommunikationsstrategie. Doch jetzt trägt er sich erst einmal ein ins Berliner Gästebuch, eine halbe Minute davor kurz hat ihm Michael Müller ein kleines T-Shirt in die Hand gedrückt. „Spielt ihr Sohn Fußball?“ Schon wird das blauweiße Hertha-Hemdchen hochgehalten. Und schon sind Müller und Ai Weiwei im Besprechungszimmer. Kein Statement für die Journalisten, Ai Weiwei, der passionierte Selbvermarkter, bleibt seltsam stumm an diesem frühen Nachmittag. Das sei sein Wunsch gewesen, heißt es aus dem Rathaus. Nichts darüber, wie lang er in Berlin bleiben wird, wie er etwa seine Gastprofessur managen wird, ob er vielleicht in Berlin eine Ausstellung vorbereitet. Ein etwa anderthalbstündiges vertrauliches Gespräch mit dem Regierenden schloss sich an.

Die Siuation von Ai ist zu heikel

Schon im Vorfeld deutete sich an, dass sich der 57-Jährige nicht politisch äußern würde. Zu heikel ist seine Situation. Ai Weiwei will einmal zurück in sein Land, er möchte nicht ins Exil. So frei, wie es scheint, ist er also nicht. Also hält er sich bewusst zurück mit offener Kritik und Provokation an seinem Heimatland. In seinem Umfeld heißt es, Ai Weiwei wolle länger in Deutschland bleiben, die Familienzusammenführung mit seinem Sohn sei für ihn sehr wichtig. Zudem will er sich in seinem Atelier am Pfefferberg für große Ausstellungen in London und Australien vorbereiten.

Es ist denkbar, dass Ai Weiweis betonte Zurückhaltung am gestrigen Donnerstag mit einem Streit um ein Interview zusammenhängt. Auf Verhaftungen in China angesprochen, antwortete Ai Weiwei in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Festgenommen zu werden ist doch gar kein Problem. Wenn man mich heute festnehmen würde, wäre ich nicht mehr so nervös wie noch vor ein paar Jahren. Betrachtet man es von einem höheren Standpunkt aus, dann muss ein Land, ein politisches System eben seine Stabilität wahren. Ein paar Leute festzunehmen ist doch keine große Sache.“

„Ich könnt gehen und ich trinke Tee“

Kritik aus den Sozialen Netzwerken an den verharmlosenden Äußerungen des „neuen Ai“ wies er in harscher Form zurück. „Was hat das, was andere sagen, mit mir zu tun?“, fragte er die Journalisten und erklärte auf eine weitere Nachfrage: „Wenn ihr mir solche Fragen stellen wollt, akzeptiere ich euer Interview nicht. Ihr könnt gehen und ich trinke Tee, denn ihr habt ja offensichtlich nichts Wichtiges, über das ihr reden wollt.“ Nach der Veröffentlichung reagierte der Künstler sofort auf dem Twitter-Acount und warf dem Blatt vor, seine Antworten verfälschend übersetzt zu haben. Die Zeitung wies das zurück und veröffentlichte nun auch die englische und chinesische Fassung.

Die chinesische Feministin Zhao Sile kommentierte gestern: „Egal, ob Dissidenten Ai Weiweis Äußerungen richtig verstehen, überreagieren oder nicht – was feststeht ist, dass gerade der Kollaps eines Meinungsführers stattfindet.“