Gedenke

Mit Ausdauer und Kraft durch die deutsche Geschichte

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Patrick Goldstein

Am Tag, als der Mauerbau begann, war Thomas Steinicke bei der Großmutter in Ost-Berlin und konnte nicht mehr Heim zu den Eltern. Bei den jährlichen Mauerwegläufen verarbeitet er ein Trauma, das er nie los wurde

Die Erschöpfung wurde ihm auf halber Strecke unerträglich. Thomas Steinicke musste pausieren. An der Glienicker Brücke legte er sich nach 85 Kilometern ins Gras und machte 30 Minuten lang einfach mal die Augen zu. Das Nickerchen reichte offenbar. Am kommenden Tag trabte der heute 55-jährige Vater von vier Kindern durchs Ziel. Nach 160 Kilometern. „Ultramarathon“ heißt jener Sport, den Läufer wählen, die sich von einem üblichen Marathon mit 42,192 Kilometern nicht mehr recht gefordert fühlen. Zum vierten Mal nehmen Steinicke und weitere rund 500 Hobbyjogger aus 26 Ländern in diesem Monat am Mauerweglauf „100 Meilen Berlin“ teil. Mit dem Sportereignis werden Teilnehmer und Zuschauer auf ganz ungewöhnliche Weise angeregt, über die deutsche Teilung nachzudenken und die Freiheit der vereinten Stadt zu genießen.

Start ist am Sonnabend, dem 15. August, im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Ab sechs Uhr machen sich die Einzelläufer auf den Weg. Eine Stunde später folgen die Staffelläufer. Sie sind in unterschiedlicher Stärke unterwegs: vom Zweierteam bis zur Gruppe von 28 Sportlern. Auch behinderte und blinde Sportler sind dabei.

Schirmherr Rainer Eppelmann

Veranstalter ist der Verein Langstreckenlauf-Gruppe Mauerweg Berlin. Zu seinen Partnern zählen etwa die Stiftung Berliner Mauer und die Senatssportverwaltung, die die Nutzung des Sportparks ermöglicht. Schirmherr ist der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Der Lauf führt rund um Berlin. Damit die Strecke die 100 Meilen nicht überschreitet, gibt es da und dort Abkürzungen. Im vergangenen Jahr schaffte der Brite Mark Perkins die Distanz in 13 Stunden.

Thomas Steinicke dagegen, der jüngst 78 Kilometer durch die Schweizer Berge rannte, gibt sich für den Weg rund 24 Stunden. Als selbstständiger Unternehmer, der mit Berlin-Souvenirs handelt, kann der muskulöse Mann aus Grunewald frei über seine Arbeitszeit verfügen. „Trainieren muss ich eigentlich nicht“, sagt er gelassen. Die Übung ergebe sich bei den Läufen.

Die 27 Verpflegungspunkte mit Getränken und Snacks für die Teilnehmer sind teils Orte des Gedenkens an Opfer und Verbrechen der deutschen Teilung. Die Stiftung Berliner Mauer wird zuvor ein Gros der Läufer durch die Gedenkstätte an der Bernauer Straße führen und entlang der Laufstrecke zur Erinnerung an Mauertote Stelen aufstellen. Da die Läufer nur Bürgersteige benutzen, kommt es nicht zu Verkehrsbehinderungen. Eine Siegerprämie gibt es nicht. Alle Läufer bekommen ein T-Shirt und eine Medaille, auf der alljährlich Opfer der Teilung abgebildet sind. 2015 ist es Marienetta Jirkowsky. Die 18-jährige wurde 1980 bei einem Fluchtversuch in Hohen Neuendorf erschossen.

Thomas Steinicke sagt, er arbeite bei seinen Mauerwegläufen sein ganz besondere Verhältnis zur deutschen Teilung ab. Am 13. August 1961 übernachtete der damals Einjährige bei der Großmutter in Friedrichshain. Eigentlich lebte er mit den Eltern in Kreuzberg, doch Vater und Mutter wollten ins Theater und hatten den Jungen bei der Oma abgegeben. „Tagelang fand sich keine Möglichkeit, mich zurück nach Kreuzberg zu bringen“, sagt Steinicke. „Denn meine Eltern waren zwei Jahren zuvor in den Westen gegangen und fürchteten Repressalien, wenn sie nun in Friedrichshain auftauchen würden.“ Am Ende war es eine Nachbarin der Steinickes, die den Jungen aus dem Osten holte. „Sie gab sich an der Sektorengrenze als meine Großmutter aus und brachte mich heim nach Kreuzberg.“ Die Geschichte ließ Thomas Steinicke nie mehr los. „Mein Leben lang verfolgten mich Träume, in denen ich die Mauer einriss.“

Die Narbe der Stadt. Berlin 1989 und heute. Die große interaktive Reportage: http://mauerweg.morgenpost.de