Tierarztgeschichten

Der Doktor und das liebe Vieh

| Lesedauer: 6 Minuten
Annette Kuhn

Haustiere sind oft Ersatz für Partner oder Kind und werden auch so behandelt. Skurille Geschichten aus einer Berliner Tierarztpraxis

An der Waage kommt niemand vorbei. Sie steht neben dem Eingang im blau gestrichenen Wartezimmer. Ein bisschen wirkt sie wie eine Mahnung. „Ja, das Gewicht ist oft ein Problem“, sagt Klaus Lendner. Der 63-Jährige ist Tierarzt mit einer Praxis in Schöneberg. Seit fast einem Vierteljahrhundert. Da muss er wissen, wo es bei Katz und Hund zwickt.

Gegen den Speck kommt Lendner schwer an. Klar helfen Diätfutter und mehr Bewegung. Aber da sind ja noch Herrchen und Frauchen. Mit denen sind Leckerli oft nicht verhandelbar, und häufig entpuppen sie sich als die wahren Patienten. Gerade ist ein Buch mit haar- und fellsträubenden Tierarztgeschichten aus Berlin und anderswo erschienen: „Herr Doktor, mein Hund hat Migräne“ (Hg. Heike Abidi und Anja Koeseling, Eden Books, 9,95 Euro).

Da ist zum Beispiel die Frau, die ihrer Katze das Mäusefangen abgewöhnen will und zu diesem Zweck nach Psychopharmaka verlangt. Da ist der Junge, der für sein Kaninchen gern eine Zahnspange hätte, damit die Zähne nicht mehr falsch wachsen. Da ist die Hundebesitzerin, die Angst um ihren Schoßhund hat, nachdem dieser eine Sahnetorte verspeist hat. Und da ist das Paar, das mit einem Schwein in die Kleintierpraxis kommt, weil es verhaltensauffällig geworden ist.

Ein Schwein, nein, das ist Klaus Lendner noch nicht untergekommen. Auch Schlangen und Vögel kommen nur selten, denn für sie gibt es längst Fachärzte. Zu ihm kommen vor allem Hunde, Katzen und alle Arten von Nagern. Aber die Geschichte mit der Sahnetorte, die gehört auch bei ihm so oder ähnlich zum täglichen Geschäft. Und ohne die Waage am Eingang würde ihm wohl kein Besitzer glauben, dass der Vierbeiner zu dick ist. Macht das Tier einen gar zu rundlichen Eindruck, wird schnell abgewehrt: „Nein, Herr, Doktor, das ist das Fell, das lässt ihn so dick aussehen.“ Oder: „Herr Doktor, wenn er so guckt, dann hat er doch Hunger, dann muss ich ihm doch was geben.“ Nein, sagt Lendner, muss man nicht, „aber Hunde sind schlau. Die lernen schnell, wie sie schauen müssen, damit es etwas zu fressen gibt.“

Meist stößt der Tierarzt aber auf taube Ohren: „Die Einsicht der Tierhalter geht gegen null.“ Denn das würde ja auch eine Verhaltensänderung bei Frauchen oder Herrchen nötig machen. Und um hier eine Chance zu haben, sei viel psychologisches Geschick erforderlich. Doch das wird an der Uni nicht gelehrt. Aber auch das medizinische Wissen, das im Studium vermittelt wird, hinterfragt der Tierbesitzer gern. Er hat oft genaue Vorstellungen davon, wie sein Liebling behandelt werden soll. „Da wird viel gelesen im Internet, und im Hundeklub hat auch jeder noch einen Tipp“, sagt Lendner. Diese Ratschläge werden durchprobiert, bevor sich der Halter dann doch zum Tierarzt bewegt, weil nichts hilft. Dann soll er es richten, aber bitte nur natürlich. Homöopathie ist in der Tierarztpraxis ein großes Thema. Und günstig sollte das Ganze ebenfalls sein. „Gefeilscht wird wie auf dem Markt“, hat der Tierarzt beobachtet.

Es gibt aber auch die Besitzer, die wohl so ziemlich alles tun und zahlen würden für ihren Vierbeiner. Als Beispiel fällt ihm da gleich die Kastration eines Rüden ein. Normalerweise nimmt der Tierarzt bei der Operation alles weg, was hängt. Aber so wollte es das Herrchen nicht. „Wie fühlt er sich denn ohne Eier?“, fragte er besorgt. Und so bekam der seiner Männlichkeit Beraubte eben ein Hodenimplantat, damit er zumindest äußerlich nach Mann aussah. Dem Hund war das vermutlich herzlich egal, doch Herrchen fühlte sich besser.

Der medizinische Fortschritt macht auch vor der Tierarztpraxis nicht Halt. Auch wenn es darum geht, den Tod hinauszuzögern. „Natürlich ist es sehr schwer, das geliebte Tier gehen zu lassen“, sagt Lendner. Auch nach 23 Jahren in der Praxis fällt ihm der Abschied manchmal nicht leicht. Aber wenn ein Tier nicht mehr allein laufen kann oder eine Operation Aufschub, aber kein Ende des Leidens bringt, tue man mehr für ein Tier, wenn man es einschläfern lässt. „Ich sage den Haltern: Sie erkennen, wenn es soweit ist“, aber er weiß, dass es Herrchen schwerer fällt, dies zuzulassen, weil das Tier oft einen enormen Stellenwert hat. Der Hund schläft mit im Bett, hat die gleichen Haarspangen wie Frauchen im Fell. Solange der Hund noch artgerecht behandelt wird, bleibt der Tierarzt entspannt. Den Kopf schüttelt er aber bei mancher Begegnung.

Schlechtere Lebensqualität

Verhaltensauffälligkeiten beim Tier haben aus Lendners Sicht zugenommen. Neben der nicht immer artgerechten Haltung – „was hat ein Husky in einer Stadt zu suchen? – sieht er als Ursache aber auch den zunehmenden Stress in der Stadt. Die Lebensqualität hat sich für Hunde in Berlin verschlechtert, so sei die Zahl der Auslaufgebiete immer weiter reduziert worden, zugleich nähmen die Anfeindungen gegen die Tiere zu. Teils hätten das Hundebesitzer auch selbst zu verantworten, denn wer von einem wildfremden Hund angesprungen wird, egal ob aus Freude oder Angriffslust, würde sich wohl kaum von einem „der tut doch nix“ beruhigen lassen.

Der Hund als Statussymbol, der Vierbeiner als Kindersatz, überforderte Tierhalter – geht es auch noch anders, normaler? „Doch, selbstverständlich gibt es auch noch den Hund als Hund“, sagt Lendner. Er zeigt auf Whisky, der vor ihm auf dem Behandlungstisch sitzt. Der dreijährige Labrador sei ein normales Familienmitglied, gut erzogen, jeder in der Familie kümmert sich um ihn und trotzdem sei Whisky immer noch ein Hund. Doch auf so viel Normalität trifft er immer seltener in seiner Praxis.