Richtfest

Das Stadtschloss steht wieder in Berlins historischer Mitte

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Isabell Jürgens

Foto: dpa

65 Jahre nach der Sprengung feiert Berlin das Richtfest für den Wiederaufbau der Hohenzollern-Residenz. In das Schloss soll nach Fertigstellung das Humboldtforum einziehen und 2019 eröffnet werden.

Der Start war mehr als holprig, dafür geht es jetzt in atemberaubender Geschwindigkeit voran auf der Großbaustelle im Herzen von Berlins historischer Mitte. Wenn am heutigen Freitag Richtfest für das größte deutsche Kulturbauvorhaben im wiedervereinigten Nachkriegsdeutschland gefeiert wird, ist damit auch Halbzeit der auf sechs Jahre terminierten Bauarbeiten.

Interaktiv: Das Berliner Stadtschloss heute und damals

Ab sofort startet der Innenausbau, die Errichtung der historischen Fassade hat in Teilen sogar schon begonnen. Rund 1500 Gäste werden zum Richtfest erwartet, bei denen neben den Bauleuten auch Spender und Wegbereiter des Schlosses aus Politik, Wirtschaft und Kultur kommen sollen. Am Sonnabend und Sonntag sind dann alle eingeladen, sich beim Besuch der Baustelle über das Bauwerk und seine künftige Nutzung zu informieren.

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Vor 13 Jahren, am 4. Juli 2002, beschloss der Deutsche Bundestag den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, das 1950 auf Befehl der DDR-Regierung gesprengt worden war. Aber erst 2011 gaben die Bundestagsabgeordneten auch die notwendigen finanziellen Mittel frei für eine Rekonstruktion, die an der Nord-, West- und Südseite des Gebäudes sowie im Schlüterhof eine Replik der barocken Fassaden vorsah.

Der in Richtung Alexanderplatz weisende Ostflügel, so der Beschluss, soll dagegen in zeitgenössischer Form gestaltet werden. In den neun Jahren, die zwischen dem Wiederaufbau-Beschluss und der Freigabe der Mittel lagen, wurde das Projekt nicht nur heftig debattiert. Parallel wurden die planerischen Voraussetzungen geschaffen, um das Schloss, das jahrzehntelang nur noch in historischen Stadtansichten überlebt hatte, wieder zum Leben zu erwecken.

Franco Stella: Ein Italiener als Baumeister

Erster und wohl umstrittenster Schritt auf dem Weg zum Neubau war der Abriss des Palastes der Republik. Der in den 1970er-Jahren anstelle der Hohenzollern-Residenz zwischen dem Berliner Dom und dem Staatsratsgebäude errichtete Bau war nicht nur Sitz der DDR-Volkskammer, sondern auch öffentliches Kulturhaus. Nach Asbestfunden wurde der Betrieb bereits 1990 eingestellt und 2006 bis 2008 abgerissen.

2008 war auch in anderer Hinsicht ein entscheidendes Jahr für den Schlossbau: Ende des Jahres wurde der Architektenwettbewerb für das Gebäude entschieden. Der Entwurf des italienischen Architekturprofessors Franco Stella sieht neben den vorgeschriebenen Schlossfassaden auch eine Rekonstruktion der Stüler-Kuppel mit der Schlosskapelle vor. Die Ostfassade zur Spree hin wird ein zurückhaltender, durch eine Fuge vom historisierenden Neubau getrennter Block mit Loggien bilden.

Der Baubeginn sollte eigentlich 2010 erfolgen, musste dann jedoch aufgrund der von der Bundesregierung gefassten Sparbeschlüsse verschoben werden. Erst im Juni 2012 wurde damit begonnen, die Baugrube auszuheben. Ab März 2013 ging es kontinuierlich und bislang ohne jegliche Verzögerungen in die Höhe mit dem Bauwerk. Im Gegenteil, die Bauleute waren sogar schneller als vereinbart. Das von der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum mit dem Rohbau beauftragte Unternehmen Hochtief ist laut Vertrag verpflichtet, diesen in der zweiten Hälfte des Jahres 2015 fertigzustellen.

Im Schloss selbst soll nach seiner Fertigstellung das sogenannte Humboldtforum einziehen und 2019 eröffnet werden. Der meiste Platz wird dabei den Sammlungen der außereuropäischen Kunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und den wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität eingeräumt. Auf immerhin 4000 der insgesamt 41.000 Quadratmetern Nutzfläche wird aber auch die Geschichte der „Welt.Stadt.Berlin“ erzählt. Neben den musealen Nutzungen soll durch zahlreiche Veranstaltungen außerdem eine moderne Begegnungsstätte für die Kulturen der Welt entstehen. Seit April dieses Jahres gibt es mit dem Briten Neil MacGregor bereits einen Leiter der Gründungsintendanz, die in den nächsten Jahren inhaltliche Schwerpunkte setzen soll.

Gottes Segen für die unfallfreie Fertigstellung

Wenn am Freitag um 12 Uhr der Richtkranz über der 60 Meter hohen Schlosskuppel hochgezogen wird, wird der Polier Harald Eberhardt im traditionellen Richtspruch nicht nur den Männern und Frauen vom Bau für ihre bisher erbrachte Leistung danken, sondern auch um Gottes Segen für die unfallfreie Fertigstellung bitten.

„Dass auf einer so großen Baustelle niemand zu Schaden kommt, ist keine Selbstverständlichkeit“, betont auch Manfred Rettig, Chef der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum. „Dass dies so bleibt, wünsche ich allen am Bau Beteiligten“, so Rettig weiter.

Nach dem Fest der Bauleute schließt sich am Freitagnachmittag nahtlos die zweite große Feierlichkeit auf der Baustelle an. Rund 4000 Spender und Förderer sind zu einem Empfang mit anschließendem Abendkonzert eingeladen, um sich anzuschauen, was aus ihrem Engagement bereits entstanden ist. Denn auch dies wird an diesem Freitag gefeiert: „Nicht nur auf dem Bau ist Halbzeit, auch beim Eingang der Spenden“, sagte Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss.

Von den erforderlichen 105 Millionen Euro für die historische Ausstattung des Gebäudes seien mehr als 50 Millionen bereits eingesammelt. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die zweite Hälfte auch zusammenbekommen werden“, so von Boddien weiter. Damit das gelinge, müssten lediglich weitere 125.000 Spender gefunden werden „die steuerlich absetzbare 400 Euro spenden“. Der 73-jährige Boddien hatte mit seiner spektakulären Schloss-Simulation 1993 bis 1994 dazu beigetragen, Begeisterung für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zu wecken.

Programm

Sonnabend und Sonntag, 13. Juni und 14. Juni, ab 10 Uhr Einlass der Besucher, Musikprogramm um 12 Uhr (Sa.) bzw. 11 Uhr (So.). Um 18 Uhr schließt die Baustelle. An 30 Ständen werden Informationen rund um die Schlossbaustelle geboten. Der Eintritt ist frei. Da aus Sicherheitsgründen zeitgleich nur 8000 Personen auf dem Gelände sein dürfen, kann es zu Wartezeiten kommen. Freier Eintritt, Voranmeldung ist nicht nötig.