Kritik

250.000 Radfahrer legen am Sonntag Berlin lahm

Der ADFC wirft dem Berliner Senat vor, viel zu wenig für den Berliner Radverkehr zu tun. Am Sonntag demonstrieren die Radfahrer für bessere Bedingungen. Die Streckenkarte.

>> Mobil geht es hier zur Grafik <<

Eine Menge Wut hat sich da bei Susanne Grittner vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e.V. (ADFC) angestaut. „Es nervt, dass die Senatsverwaltung nicht zu Potte kommt“, sagt die Organisatorin der Sternfahrt, der laut ihren Angaben größten Fahrraddemonstration der Welt. Am Sonntag findet sie zum 39. Mal in Berlin und Umgebung statt, 250.000 Teilnehmer werden erwartet. Auf insgesamt 1000 Streckenkilometern sollen sie sich ihren Ärger über die Fahrradpolitik der Hauptstadt von der Seele strampeln. Das Motto in diesem Jahr: „Fahrradstadt Berlin – jetzt!“

Bernd Zanke, Vorstand für Verkehr beim ADFC Berlin, trägt das Motto schwarz auf leuchtend gelbem T-Shirt – und er fordert es lautstark ein. „Handeln statt Schönreden“ heißt das Umsetzungskonzept zur Berliner Radverkehrsstrategie, das der Radfahrerverband am Dienstag vorlegte. Zwei Jahre, nachdem der Senat das Konzept bis 2025 verabschiedet hatte, fällt die Bilanz des ADFC verheerend aus. „Das sind 26 Seiten, die nie zum Leben erweckt wurden“, sagt Zanke und wedelt mit einem Stoß Papier.

Von einem Gesamtkonzept Fahrradparken ist dort die Rede, von neuen Lösungen an Knotenpunkten, von fahrradfreundlichen Ampeln und einer angemessenen Finanzierung. Zanke hat sich die Stellen blau und rot markiert. Er sagt mit Blick auf Fahrradstädte wie Münster oder München, aber auch im Vergleich zur Fahrradpolitik in den Nachbarstädten Bernau oder Potsdam: „Berlin ist Hintertupfingen.“ Die Zahlen geben ihm Recht.

Senat weist Kritik zurück

Im Fahrradklima-Test 2014 landete die Hauptstadt auf Platz 30 von insgesamt 39 Großstädten in Deutschland. Und jetzt ist Berlin auch im „Copenhagenize Index“ abgerutscht. Das Ranking geht auf den dänischen Fahrradlobbyisten Mikael Colville-Andersen zurück und bewertet die Fahrradtauglichkeit in 150 Städten weltweit nach Kriterien wie radfreundliche Stadtplanung, Verkehrsberuhigung oder Sicherheit. War Berlin 2011 noch auf Platz 5, reichte es in diesem Jahr nur noch für den 12. Rang. Über die Fahrradstadt heißt es in dem Bericht: „Sie hat Ecken und Kanten, es könnte viel besser sein, aber die Leute kommen damit klar.“

Stefan Gelbhaar, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, sieht das nicht so gelassen. In Berlin passiere fahrradpolitisch sehr wenig. Prioritäten und Ziele, wie sie das Radverkehrskonzept festlegt, seien nicht genug. „Fahrradpolitik ist kein Voodoo, viele Maßnahmen sind leicht umzusetzen“, sagt Gelbhaar und meint dabei zum Beispiel die Umnutzung von stillgelegten Gleisanlagen oder den Bau breiter Fahrradkorridore. Dazu müsse man den Radverkehr zur höchsten Priorität machen und mehr Geld in die Hand nehmen. „Die Vorschläge des ADFC weisen da in die richtige Richtung“, sagt Gelbhaar.

Demnach soll das Referat Radverkehr, das der Senat vor Jahren abgeschafft hat, wieder eingerichtet werden – mit zehn Vollzeitstellen. „Ein Fahrradbeauftragter im Ehrenamt ist Murks“, sagt Zanke vom ADFC. Auch die starke Föderalisierung der Radverkehrspolitik auf die Bezirke verhindere eine zügige Umsetzung der Strategie. Und dann ist da noch das Geld. In diesem Jahr sind in den Haushaltsposten des Senats sechs Millionen Euro für Ausbau und Erhalt von Radwegen oder Abstellplätzen vorgesehen. Der ADFC fordert einen Fahrradetat von 30 Millionen – und bezieht sich dabei auf den Nationalen Radverkehrsplan der Bundesregierung. Zanke weist darauf hin, dass noch nicht einmal die sechs Millionen aus den Töpfen für Radinfrastruktur ausgegeben würden – es fehle an Personal, um die Maßnahmen umzusetzen. Fragt man ihn nach konkreten Bauprojekten, die das Leben der Berliner Radfahrer erleichtern würden, verweist er auf den Stoß Papier, mit den farbigen Markierungen – eigentlich stehe alles in der Radverkehrstrategie.

Martin Pallgen, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, weist die Kritik des Fahrradverbands zurück. „Die Umsetzung des Radverkehrskonzepts läuft zwar nicht mit der Geschwindigkeit, wie sie sich jeder wünschen würde – aber sie läuft“, so Pallgen. Er nennt 2500 Fahrradparkplätze, die im vergangenen Jahr entstanden sind, oder den Umbau des Moritzplatzes, der aktuell auf der Tagesordnung steht. Wenn Pallgen alle Ausgaben zusammenrechnet, die aus den verschiedenen Haushaltstöpfen der Senatsverwaltung in den Radverkehr fließen, dann kommt er auf 14 Millionen Euro. 2013 und 2014 seien 28 Kilometer neue Radverkehrsanlagen, davon 24 Kilometer Fahrradstreifen, angelegt worden.

„Es wurden schon viele Projekte beschlossen, aber die plätschern so vor sich hin“, sagt Zanke und nennt die fahrradfreundliche Ampelschaltung. Lediglich fünf Ampeln in der Belziger Straße in Schöneberg sind bisher auf grüne Welle für Radfahrer geschaltet. „Das ist ein komplexes Thema, man muss auch Auto- oder Busfahrer berücksichtigen“, entgegnet Pallgen.

Weitere Forderungen des ADFC: mehr Fahrradstraßen, ein eigener Etat für Radschnellwege, Fahrradparkhäuser an großen S-Bahnhöfen wie etwa dem Ostkreuz, doppelt so viele Abstellbügel vor Einkaufszentren oder konsequente Ahndung von Falschparkern auf Radwegen durch Polizei und Ordnungsamt.

Auf 19 Trassen durch Berlin

Aufmerksamkeit für die Anliegen der Radfahrer erhofft sich der ADFC nun auch durch die Sternfahrt. Auf 19 Trassen wird in diesem Jahr demonstriert. Die Bandbreite reicht von der acht Kilometer langen Kinderfahrt von der Jannowitzbrücke bis zum Brandenburger Tor bis zur Nachtfahrt vom polnischen Stettin nach Berlin.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.