Kommentar

Berlin muss bei der Homo-Ehe vorangehen

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Joachim Fahrun,Chefreporter

In der Union halten sich Kräfte, die die Gleichstellung von Schwulen und Lesben ablehnen. Dabei müsste gerade die Berliner CDU beweisen, dass sie die liberale Großstadtpartei ist, sagt Joachim Fahrun.

Was die katholischen Iren können, sollten auch die Deutschen hinkriegen. Das Volk Irlands hat sich zu fast zwei Dritteln dafür ausgesprochen, gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe mit allen Rechten und Pflichten zu erlauben. In Deutschland weisen Umfragen ähnliche Zustimmungswerte der Bürger zur Homo-Ehe aus. Nur in der CDU halten sich starke Kräfte, die die völlige Gleichstellung von Schwulen und Lesben eben doch nicht möchten. Die Konservativen warten lieber ab, bis sie die Karlsruher Richter zum wiederholten Male zwingen, das Verfassungsgebot zu beachten, alle Bürger gleich zu behandeln.

Es war klar, dass diese gesellschaftspolitisch heißeste Debatte des Sommers irgendwann auch Berlins Landespolitik erreichen musste. Der liberalen Hauptstadt mit ihrem großen homosexuellen Bevölkerungsanteil stünde es gut an, mit voranzugehen und nicht nur auf den ohnehin Richtung Gleichstellung fahrenden Zug aufzuspringen.

Die Opposition aus Grünen, Piraten und Linken setzen SPD und CDU mit einem Antrag unter Druck. Berlin solle eine Bundesratsinitiative für die Homo-Ehe starten oder einer beitreten. Die rot-grün regierten Länder Niedersachsen und Hamburg haben schon beschlossen, den Weg über die Länderkammer zu beschreiten. Die SPD wollte im Senat einen solchen Beschluss durchsetzen, aber die CDU lehnte ab.

Dabei müsste gerade die Berliner CDU über ihren Schatten springen und beweisen, dass sie die liberale Großstadtpartei ist, als die sie sich gerne gibt. Immerhin hat sich der Berliner Generalsekretär Kai Wegner, Bundestagsabgeordneter und „Großstadtbeauftragter“ seiner Partei, für eine Öffnung der Ehe ausgesprochen. Der Landesparteitag am 13. 6. wäre ein guter Termin, um das Thema zu diskutieren und eine Position festzulegen.

Viele Christdemokraten wissen längst, dass sie Rückzugsgefechte gegen den gesellschaftlichen Wandel führen. Zudem lässt es sich mit viel besserem Gewissen gegen die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland und anderswo argumentieren, wenn diese Gruppe im eigenen Land endlich genauso behandelt wird wie alle anderen auch. Während der Vatikan das irische Votum in einer bemerkenswerten Einzelmeinung als „Niederlage für die Menschheit“ einstuft, ist die evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg schon lange dabei, Menschen unabhängig vom Geschlecht zu trauen.

Denn gegen die Homo-Ehe spricht – nichts, außer Vorurteile. Keine heterosexuelle Verbindung wird dadurch schlechter gestellt. Der besondere Schutz des Grundgesetzes wird hingegen sogar auf weitere Gruppen erweitert. Warum sollte der Staat Hürden aufbauen, wenn zwei Menschen Verantwortung füreinander übernehmen wollen? Dass Homosexuelle in der Regel keine Kinder bekommen, darf kein Argument sein in Zeiten, in denen auch viele Beziehungen zwischen Männern und Frauen gewollt oder ungewollt ohne Nachwuchs bleiben. Einfach auf die Rechts- und Verfassungslage zu verweisen, die bisher die Ehe nur zwischen Mann und Frau vorsieht, kann kein Argument sein. Lange Zeit war Homosexualität in Deutschland verboten, auch dieser skandalöse Passus ist – viel zu spät – aus dem Gesetz gestrichen worden.

Anders als von der ebenfalls heiß diskutierten Legalisierung von Cannabis geht von der Homo-Ehe keinerlei Risiko aus, das abgewogen werden müsste. Kein Jugendlicher muss geschützt werden, niemandes Gesundheit nimmt eventuell Schaden, wenn das schwule Pärchen von nebenan steuerlich genau so behandelt wird wie die Heteros im Stock drüber. Dass unzuverlässige Homos künftig in Massen Kinder adoptieren, ist völlig unrealistisch. Wer das Verfahren zur Adoption kennt, der weiß, wie streng die Vorgaben sind, ehe einem Paar ein Kind zugesprochen wird. Und selbst wenn einige Schwule sich Leihmütter kaufen, darf das kein Argument sein, ihnen die Eheschließung zu verweigern. Denn auch einige wenige Hetero-Paare tun das und dürfen trotzdem heiraten.