Berliner Stadtreinigung

Wenn der Finanzsenator bei der BSR zum Frühstück kommt

Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen ist auch Aufsichtsratvorsitzender der Berliner Stadtreinigung (BSR). Schon vor 6 Uhr besuchte er die Männer in Orange zum Frühstück.

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Der ganze Saal macht: „Oooohh.“ Soll heißen: „Ach, Sie Armer.“ Es ist 5.45 Uhr am frühen Mittwochmorgen und in der voll besetzten Kantine der Berliner Stadtreinigung (BSR) hat Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) soeben ins Mikrofon gesagt, die frühe Stunde sei sonst nicht seine „normale Zeit“. Und: „Deshalb die kleinen Augen.“ Der Raum riecht nach Rührei, Kaffee und Bananen. Gut 100 Männer in Orange frühstücken vor Schichtbeginn und lauschen Kollatz-Ahnen, der kraft seines Amtes als BSR-Aufsichtsratsvorsitzender den Schmargendorfer Betriebshof Forckenbeckstraße besucht und hören will, was die Angestellten dort bewegt.

Im Verlauf der kommenden zwei Stunden klagen sie etwa, dass bei der Konzeption von Neubauten kaum mehr darauf geachtet werde, wie sich Müll sinnvoll abtransportieren lässt. „Da sind Müllräume in Tiefgaragen untergebracht, und wir müssen die Tonnen dann riesige Steigungen hinaufziehen“, sagt BSR-Mann Martin Glasauer. „Grundsätzlich wollen wir, dass unsere Mitarbeiter gesund bleiben“, so Vorstandsvorsitzende Tanja Wielgoß, die den Senator in der Kantine von Tisch zu Tisch führt.

Einer der Mitarbeiter wünscht sich mehr aufklärende Plakatierung zum Thema Hundekot. „Die Besitzer müssen darauf hingewiesen werden, regelmäßig die kleinen Plastikbeutel zu benutzen“, sagt er. Detlef Eichler, ein kräftiger Mann mit Ohrring und kahlem Kopf, will wissen: „Bleibt die Entsorgung des Sperrmülls auch zukünftig in der Hand der BSR?“ Sein Kollege formuliert es für den Senator ganz unmissverständlich: „Es geht um unsere Arbeitsplätze.“ Kollatz-Ahnen kann sie beruhigen. „Der Sauberkeitswert der BSR ließe sich gar nicht außerhalb des öffentlichen Bereichs leisten“, sagt er. Der Aufsichtsratchef mag an diesem Tag nicht immer die Sprache der Männer vom Betriebshof sprechen, doch Aussagen wie diese kommen bei ihnen gut an.

Zu viel Müll von Touristen

Ein wichtiges Problem für ihn und die BSR, so Kollatz-Ahnen, sei der Müll, den Touristen hinterlassen. Die große Zahl von Berlinbesuchern sei vor einigen Jahren noch unvorstellbar gewesen. Hinzu komme die Menge von Großveranstaltungen. „Nach diesen Events die Stadt aufzuräumen, ist eine Leistung, die sich im Vergleich zu anderen Städten sehen lassen kann“, sagt er.

Zur aktuellen Diskussion im Abgeordnetenhaus, ob Becher zukünftig pfandpflichtig sein sollen, haben sich die wenigsten hier Gedanken gemacht. „Das ist bei uns kein Thema“, sagt etwa Mitarbeiter Michael Troscheit. Bei der BSR allerdings sei Pfand längst Praxis. „Wir zahlen in der Kantine einen Euro für unsere Plastikbecher“, sagt er. „Damit gehen die Kollegen tagsüber auf die Wagen. Und das klappt sehr gut.“

Inzwischen hat eine Einsatzleiterin die Touren derer im Saal aufgerufen, die als Springer arbeiten. Auf dem eben noch überfüllten Parkplatz stehen nur noch jene Wagen, die Kollatz-Ahnen vorgeführt werden sollen. Ein BSR-Laster zum Beispiel, der mit Strom und Diesel fährt. „Beachtlich, wie leise der ist“, kommentiert der Senator. Durch den Elektrobetrieb, der bis zu 25 Stundenkilometer leistet, fallen das typische Dieselbrummen und Anfahrgeräusch weg. „Man kann sich beim Beladen sogar unterhalten“, sagt Fahrer Carsten Schubert.

„Die machen einfach nur ihren Job“

Zurück geht es ins Gebäude. Im dritten Stock zeigt Betriebshofleiter Ralf Ränker, ein BSR-Veteran mit mehr als 40 Dienstjahren, die Schlüsselsammlungen. Sie sind groß wie Fußbälle und öffnen die Türen einer Müllwagentour. Je ein Ring hält die Schlüssel einer Straße, geordnet nach den Hausnummern, die nacheinander abgefahren werden. Ein noch größerer Ring fasst alle zusammen. „Wenn man das öfter anhebt, muss man nicht ins Sportstudio“, erklärt Ränker.

Vor dem Gehen lässt sich Kollatz-Ahnen noch vom Dauerkonflikt zwischen den Männern auf den Müllwagen und Berliner Autofahrern erzählen, denen BSR-Fahrzeuge den Weg versperren. „Die Aggressivität nimmt zu“, hat Ränker beobachtet. Neulich habe eine Frau versucht, ihn im Dienst anzufahren. „Dabei sind die Männer von der Müllabfuhr alles feine Jungs“, sagt Ränker. „Die machen einfach nur ihren Job.“

Foto: Patrick Goldstein