Hopfen statt Hanf

Cem Özdemir hat eine neue Balkonpflanze in Berlin

Als Özdemir in einem Internet-Video auf seinem Balkon zu sehen war, stand im Hintergrund eine Hanf-Pflanze. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Nun schenkten ihm Bierbrauer ein anderes Gewächs.

Foto: Reto Klar

Der Islam und das deutsche Reinheitsgebot – was wäre, wenn beides zusammengehörte? Cem Özdemir hat eine Theorie dazu. Vor 499 Jahren nämlich, als in Bayern festgelegt wurde, dass für Bier nur Gersten, Hopfen und Malz verarbeitet werden dürfen, da ging es auch darum, ein vergleichsweise sicheres Produkt zu schaffen. Oft wurden schlechte Zutaten ins Bier gemischt, aber auch Tollkirschen oder andere Rauschmittel. Und weil im Zweistromland, in dem damals der Prophet Mohammed gelebt hat, ebenfalls traditionell viel Bier gebraut wurde, könnte das Alkoholverbot im Koran auch zum Schutz vor gepanschtem Bier eingeführt worden sein. Özdemir sagt es so: „Hätte es zu Lebzeiten des Propheten Mohammed in dieser Region bereits ein Reinheitsgebot für Bier gegeben, man weiß es nicht, man weiß es nicht.“

Bier ist eben politisch, allein deshalb, weil der Bundesvorsitzende der Grünen in den Innenhof der Parteizentrale geladen hat, um zwei Hopfen-Pflanzen entgegenzunehmen. Dass ihm Holger Eichele, der Geschäftsführer des Brauer-Bundes, diese Gewächse überreicht, hat auch mit Drogenpolitik zu tun. Özdemir setzt sich für eine Legalisierung von Cannabis ein. Als er Anfang des Jahres in einem Internet-Video auf seinem Kreuzberger Balkon zu sehen war, stand im Hintergrund eine Hanf-Pflanze. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, aber stellte das Verfahren ein. Und der Brauer-Verband beschloss, Özdemir eine andere Pflanze für den Balkon zu überreichen. Zumal Hanf und Hopfen biologisch gesehen aus einer Pflanzen-Familie stammen. „Hopfen hat den Vorteil, dass er eindeutig gesund ist, und außerdem absolut legal“, sagt Eichele.

Der Balkon als politischer Raum

Wo die Hanfpflanze ist, die damals auf seinem Balkon stand, weiß Özdemir allerdings nicht. Da müsse er mal dort nachfragen, wo er sie damals ausgeliehen hatte. „Vielleicht wurde sie ja schon abgeerntet.“ Özdemir ist auch amtierender Bier-Botschafter, ernannt vom Brauerei-Verband. Das ist ungewöhnlich, er ist der erste Grüne in dieser Position, traditionell machen diesen Job CSU-Politiker mit Bierzelterfahrung. Aber man muss sagen, dass Özdemir seine Amtszeit gut genutzt hat, sein Balkon ist jedenfalls zum politischen Raum geworden. Ein Ort der Versöhnung von Hopfen und Hanf. Zwei Kinder aus einer Pflanzenfamilie. Und zwei Kinder aus einer Familie, die solle man „gleich stark lieben“, sagt Özdemir.

Bald 1000 Liter „Özde-Bier“

Außerdem eignet sich beides Grünzeug zur Heimproduktion. Nun sollen die Pflanzen wachsen, bis zu sieben Meter können sie ranken. Das Ziel: ein eigenes Bier, das „Özde-Bier“, wie der Politiker sagt. Dabei hilft ihm der Berliner Olli Lemke, der mit seinem gleichnamigen Brauhaus zur Szene der „Craft-Brauer“ gehört, die Biere in kleiner Auflage herstellen, das ist derzeit ziemlich angesagt. Außerdem irgendwie grün: lokale Produktion, natürliche Zutaten. Etwa 1000 Liter „Özde-Bier“ sollen pünktlich zum Parteitag der Grünen im November in Halle fertig sein, dafür muss freilich noch eine Menge mehr Hopfen beigemischt werden als Özdemir zu Hause anbauen kann.

Erstmal erklärt Lemke dem Politiker Özdemir mögliche Geschmacksrichtungen, es fallen Begriffe wie „Banane“, „weiße Gummibärchen“, „rote Früchte“. Alles ganz natürlich, steckt alles im Hopfen. Ein Weizenbier könnte das „Özde-Bier“ werden, sagt der Braumeister, und Özdemir sagt, „Weizen, das wäre genial.“ Wer wird ihm widersprechen? Mit Freibier hat sich noch nie jemand Feinde gemacht. Es sei denn bei jenen, die lieber keinen Alkohol trinken.

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