Kommentar

Warum Berliner Mieter endlich Wohnungen kaufen sollten

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Joachim Fahrun

Foto: KRAUTHOEFER

Nicht jeder kann sich eine Eigentumswohnung leisten. Aber die Zeit der „Mieterstadt“ Berlin ist vorbei. Wer kann, der sollte kaufen - sonst gewinnen nur Großinvestoren, meint Joachim Fahrun.

Berlin erlebt einen Immobilienboom. Die Preise für Wohnhäuser und Eigentumswohnungen steigen vor allem in Innenstadtnähe rapide. In der Folge klettern auch die Mieten. Die Frage stellt sich, wer eigentlich profitiert von dieser Entwicklung. Natürlich fallen vielen Berlinern zunächst die üblichen Feindbilder ein: Baulöwen, Immobilienhaie, Heuschrecken, Krisengewinnler aus Südeuropa. Und in Einzelfällen treten diese fiesen Gesellen auf dem Berliner Häusermarkt tatsächlich auf.

Aber es sind auch seriöse Investoren, die mit Berliner Immobilien gutes Geld verdienen. Und auch den Eigentümern kommen die steigenden Preise in vielfacher Hinsicht zugute. Wer in den vergangenen Jahren eine Eigentumswohnung erworben hat, der schaut gelassen und nur noch mit einem stadtentwicklungspolitischen Interesse auf die angsterfüllte Diskussion um steigende Mieten und fehlerhafte Mietspiegel. Die Wertsteigerung ihres Eigentums nehmen diese vielleicht 15 Prozent der Haushalte in selbst genutzten vier Wänden mit Genugtuung zur Kenntnis.

Vom Nutzer auf Zeit zum Eigentümer

Warum angesichts solcher Perspektiven und bei historisch niedrigen Zinsen der Senat weiterhin der „Mieterstadt“ Berlin das Wort redet, verstehe wer will. Während Ausländer und Westdeutsche auf dem Berliner Markt zugreifen, stehen die Eingeborenen außen vor. Und das gilt nicht nur für jene, die sich partout auch bei sehr guten Ausgangsbedingungen keinen Wohnungskauf leisten können, sondern auch für viele Normalverdiener, die Mini-Zins und Tilgung für eine nicht völlig überteuerte Wohnung durchaus tragen könnten. Hier müssen die Berliner umdenken. Davon könnte auch die politische Kultur profitieren. Denn der viel beschworene Bürgersinn könnte auch damit zu tun haben, ob mir ein Teil meiner Umgebung auch wirklich gehört und ich dafür aus Eigeninteressen Verantwortung übernehme oder ob ich mich nur als Nutzer auf Zeit fühle.

Der Senat tut jedoch gar nichts, um die Abhängigkeit der Berliner vom überhitzten Mietmarkt zu reduzieren. Im Gegenteil. Die Ausweitung von Milieuschutzgebieten in vielen Quartieren nun auch der westlichen Innenstadt wird es für normale Familien noch schwieriger machen, Eigentum zu erwerben.

Denn ein Instrument in diesen Schutzgebieten ist es, dass dort keine Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt werden dürfen. Es wird auch untersagt, kleine Wohnungen zu familiengerechten Größen zusammen zu legen. Was so sozial klingen mag, ist es nicht wirklich: Denn Bestandsbauten sind auch im sanierten Zustand immer noch weitaus billiger als Neubauten, die kaum unter 3500 Euro den Quadratmeter zu haben sind. Das führt zu Endpreisen, die ohne sehr viel Eigenkapital für Normalverdiener kaum zu finanzieren sind.

Busfahrer, Polizisten und Erzieher müssen in Würde wohnen können

Also bleiben Familien in Innenstadtkiezen in zu kleinen Wohnungen sitzen, müssen sich weiter mit Mietsteigerungen rumschlagen oder weichen doch an den Stadtrand aus. Und selbst Eigentumswohnungen in Zeiten schwindender Renditen als Kapitalanlage zu kaufen, wird wegen des Verbotes einer kleinteiligen Aufteilung erschwert, während große Investoren weiter mit dem Erwerb umfangreicher Pakete gutes Geld verdienen können.

Der Kampf gegen steigende Mieten und einen Ausverkauf der Stadt ist sicherlich im Grundsatz richtig. Keine Stadt darf zusehen, wie für Busfahrer, Polizeibeamte oder Erzieherinnen die Möglichkeiten schwinden, in ihrer Stadt in würdigen Verhältnissen zu leben. Aber die Bezirksämter, die den Milieuschutz und die Umwandlungsverordnungen umsetzen müssen, sollten sich jeden Einzelfall genau anschauen.

Überzogene Luxussanierung braucht niemand und 250-Quadratmeter-Lofts als Drittwohnungen reicher Auswärtiger bringen Berlin wenig. Aber warum ein Hängeklo in einer selbst genutzten Eigentumswohnung eine gewünschte soziale Struktur in einem Kiez bedrohen soll, erschließt sich nicht.

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