Kampfpreise

Air Berlin kriselt, Ryanair greift mit Kampfpreisen an

Die Billig-Airline Ryanair greift an - und baut den Standort Berlin aus. Ab Ende Oktober werden ab Schönefeld 24 statt zuletzt sieben Ziele angeflogen. Zum Start gewährt die Fluglinie massive Rabatte.

Er klingt für seine Verhältnisse etwas zurückhaltend. Konzernchef Stefan Pichler erläutert in einer Telefonkonferenz, wie das erste Vierteljahr für Air Berlin gelaufen ist. Recht solide, Umsatz steigt, Auslastung auch, Betriebsergebnis etwas weniger tiefrot als vor einem Jahr. Aber eben auch nicht mehr. Bei den letzten Präsentationen war Pichler immer für einen Spruch gut, einen lockeren Vergleich. Diesmal ist er geradezu nüchtern. Vielleicht liegt es auch an der Größe der Sanierungsaufgabe.

Jedenfalls deutet Pichler an, dass es in diesem Jahr noch einmal zur Sache gehen wird: Die Flotte werde gerade überprüft, ebenso das Streckennetz. Er will das dezentrale Hin und Her beschneiden, Air Berlin soll sich stärker auf die Standorte konzentrieren, wo das Unternehmen bereits stark ist, und seine Marktanteile an den wichtigen zentralen Flughäfen wie Berlin und Düsseldorf steigern. Derzeit kommt das Unternehmen auf 33 Prozent in Berlin und 31 Prozent in Düsseldorf.

„Wenn wir auf bestimmten Strecken kein Geld verdienen, dann nehmen wir die Strecken raus“, sagt Pichler. Er will das Luftfrachtgeschäft untersuchen und auch den Technikbereich, eigentlich alles. Auch die internen Abläufe, Buchhaltung, Personalabteilung, was im modernen Managersprech Backoffice heißt. Die große Frage dabei: Gehört das zum Kerngeschäft oder nicht? Pichler spricht von Auslagern, Zusammenarbeit mit Partnern, verkaufen.

Air-Berlin-Mitarbeiter können sich auf einiges gefasst machen

Im Juli soll klar sein, wie groß die Flotte Air Berlins künftig ausfallen soll. So wie es klingt, wird sie kleiner sein als die derzeit 141 Flugzeuge. Schon von März bis Juni hat Air Berlin 4,5 Prozent der Sitze vom Markt genommen, auch von Juli bis September ist der Flugplan etwas ausgedünnt. Im Juli ist auch sicher, wie das das künftige Netz aussehen soll. „Dann geht es an die Kostenanalyse“, sagt Pichler. Die Mitarbeiter können sich offenbar auf einiges gefasst machen. „Wir werden intern erhebliche Anpassungen vornehmen“, sagt der Chef. Den Vorstand hat Pichler, der selbst am 1. Februar angetreten ist, bereits komplett umgebaut. Kommende Woche fängt noch Julio Rodriguez an, der den Vertrieb neu aufstellen soll. Dort liegt offenbar einiges im Argen, im Internetauftritt zum Beispiel: „Im Web sind wir sicher fünf, sechs Jahre zurück.“ Auch das Preissystem ist radikal vereinfacht worden.

Immerhin scheint das neue Computersystem zu greifen, mit dem Pichler den Umsatz und den Ertrag pro verkauftem Sitzplatz verbessern will. „Wir sehen erste Verbesserungen, lernen aber noch weiter.“ Insgesamt setzte das Unternehmen im ersten Quartal 794 Millionen Euro um, vier Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das operative Ergebnis stieg um 23 Millionen Euro auf minus 160 Millionen Euro. Unter dem Strich blieb der Verlust allerdings bei rund 210 Millionen Euro – unter anderem wegen der schlechteren Bewertung von Absicherungsgeschäften und höheren Zinsausgaben.

Nun ist das erste Quartal im Jahr immer eines der schwächsten, für Air Berlin ist das dritte entscheidend, wenn viele Menschen in Urlaub fliegen. Da sähen die Buchungszahlen bisher ganz gut aus, sagt Pichler. Er ist verhalten optimistisch, dass Air Berlin im Gesamtjahr 2016 ein positives Ergebnis vor Zinsen und Steuern schaffen wird. Derzeit wird das Unternehmen vor allem von der arabischen Fluggesellschaft Etihad gestützt, die zu rund 30 Prozent an Air Berlin beteiligt ist.

Billigflieger auf Berlin-Kurs

Während Air Berlin schwächelt, will die irische Billigfluggesellschaft Ryanair ihr Engagement in Deutschland ausbauen. „Wir haben derzeit einen Anteil von vier Prozent im deutschen Markt, in fünf Jahren wollen wir bei 15 Prozent sein“, kündigte Marketingchef Kenny Jacobs am Dienstag in Berlin an. Berlin spielt bei den Überlegungen der Iren eine zentrale Rolle. „In keiner deutschen Stadt gibt es derzeit so viele Wachstumschancen“, sagte Jacobs. Vor allem junge Menschen, aber zunehmend auch Regierungsbeamte und Geschäftsleute würden Direktverbindungen in die deutsche Hauptstadt nachfragen.

Erst im März hatte Ryanair angekündigt, am Flughafen Berlin-Schönefeld eine eigene Basis einrichten zu wollen. Zunächst sollen dort fünf Boeing 737-800 stationiert werden, mittelfristig könnten es zehn bis zwölf Flugzeuge werden. Ryanair will dafür 500 Millionen Euro investieren. Mit Beginn des Winterflugangebots Ende Oktober sollen statt der derzeit sieben insgesamt 24 Ziele von Berlin aus direkt angeflogen werden. Die einzige geplante innerdeutsche Strecke wird wegen der hohen Nachfrage um zwei Monate vorgezogen. Vom 3. September an werden Ryanair-Maschinen fünfmal am Tag zwischen Berlin-Schönefeld und Köln-Bonn fliegen.

Zu den neuen Zielen, die Ryanair vom 24. Oktober an ab Berlin anfliegen wird, gehören unter anderem Athen, Barcelona, Brüssel, Madrid und Rom sowie die bei Berlinern beliebte Kanareninsel Teneriffa. Fast alle Ziele haben Air Berlin und der britische Billigfluggesellschaft Easyjet auch im Programm. Ryanair ist derzeit Nummer vier im Berliner Luftverkehrsmarkt.