Späte Mutterschaft

Wie es ist, als 50-Jährige Zwillinge großzuziehen

Beate Jankowiak bekam spät zwei Töchter. Sie sind jetzt sieben Jahre alt. Die späte Mutterschaft hat den Alltag völlig verändert. Für die schwangere 65-Jährige hat die Berlinerin kein Verständnis.

Foto: Reto Klar

Wenn von Frauen berichtet wird, die nicht mehr jung sind und trotzdem schwanger werden, wie etwa die Spandauerin Annegret Raunigk, die 65 Jahre alt ist und im Sommer Vierlinge erwartet, dann kann Beate Jankowiak darauf warten, dass bei ihr das Telefon klingelt und Leute sie nach ihrer Meinung dazu fragen. Zwar ist sie weder die bislang älteste Mutter Deutschlands, noch gibt es andere Superlative, mit denen sie aufwarten kann. Eine besondere Frau ist sie dennoch: Beate Jankowiak war 50 Jahre alt, als sie Zwillinge auf die Welt gebracht hat.

Sieben Jahre ist das jetzt her. Die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt ist inzwischen 57, ihre Zwillingstöchter Milla und Lilith sind sieben Jahre alt – zwei Mädchen, die unterschiedlich sind. Die eine offen und neugierig, die andere zurückhaltender. Eine ähnelt der Mutter, die andere dem Vater. „Wunderbare Kinder“, sagt Beate Jankowiak. Wie war das für sie, mit 50 noch einmal Mutter zu werden und dann noch von Zwillingen? Was haben ihre vier erwachsenen Kinder dazu gesagt? Beate Jankowiak schmunzelt. Mit einem Satz, sagt sie, sei das nicht zu beantworten.

Als Oma wahrgenommen

Wir sitzen im Garten der Familie, trinken Tee und werden von Lilith mit selbst gemachtem Brei aus Zucker, Mehl und Milch bewirtet. Sie serviert ihn in Puppengeschirr, garniert mit frischen Himbeeren. Am Tisch sitzt noch Dagmar – Mutter zweier erwachsener Kinder und bereits Großmutter – eine Freundin von Beate Jankowiak. „Dagmar kann ich auch nachts anrufen, sie ist immer da, wenn ich Hilfe brauche“, sagt Beate Jankowiak. Wie wichtig das für sie ist, davon wird noch die Rede sein.

Beate Jankowiak ist eine couragierte Frau, die gerne lacht. Sie wirkt viel jünger als 57. Trotzdem würde jemand, der sie nicht kennt, nicht unbedingt davon ausgehen, dass Lilith und Milla ihre Töchter sind. „Die meisten gucken erst mal komisch, wenn sie das erfahren“, sagt Beate Jankowiak. Das mache ihr aber nichts aus. „Hier sind sogar viele Großmütter zehn Jahre jünger als ich“, sagt sie. Die Jankowiaks leben im Südosten der Stadt, in Köpenick. Dort sind die Frauen noch immer eher jung, wenn sie Kinder bekommen. Das führt nicht selten dazu, dass Beate Jankowiak für die Oma ihrer Zwillingsmädchen gehalten wird.

Freundinnen helfen

Doch auch in Witten, in Nordrhein-Westfalen, wo die Zwillinge auf die Welt gekommen sind, hatte es Beate Jankowiak nicht leicht, als sie so spät noch einmal schwanger wurde. „Wir hatten dort ein Geschäft, ich war eine angesehene Frau, dennoch gab es von allen Seiten herbe Kritik“, sagt sie. Du hast doch schon vier Kinder, was soll denn das jetzt noch, hätten die Leute zu ihr gesagt. „Das hat mich verletzt, ich habe mich mehr und mehr zurückgezogen.“ Ein Abbruch der ungewollten Schwangerschaft sei trotzdem nicht infrage gekommen.

Beate Jankowiak ist keine, die einfach drauflosredet. Wird sie etwas gefragt, denkt sie erst einmal kurz nach, bevor sie antwortet. „Ja“, sagt sie, „ich liebe meine beiden Mädchen, und zwar genauso sehr wie meine vier großen Kinder – drei Töchter und einen Sohn – und ich bin froh, dass die Zwillinge da sind, sie sind jetzt das Wichtigste in meinem Leben.“ Würde sie alles noch einmal so machen? Kurzes Nachdenken. „Eher nicht“, sagt Beate Jankowiak. Die späte Geburt der Zwillinge hat ihr Leben von den Füßen auf den Kopf gestellt. Aus einer erfolgreichen Geschäftsfrau ist eine alleinerziehende Mutter geworden.

Der Vater der Mädchen, mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet war, hat die Herausforderungen eines Lebens mit zwei kleinen Kindern nicht verkraftet. Er wurde krank und lebt schon seit einigen Jahren nicht mehr bei der Familie. „Er hat zwar Kontakt zu den Mädchen und ist ein liebevoller Vater, eine Hilfe ist er mir aber nicht“, sagt Beate Jankowiak. Unterstützung bekommt sie von ihren erwachsenen Kindern und von Freundinnen wie Dagmar. Zu dem Fall Annegret Raunigk äußert sich Beate Jankowiak nur zögernd, hat sie doch selbst erfahren, wie schwer es ist, mit öffentlicher Kritik umzugehen.

„Ich finde das unverantwortlich“

„Ich finde das unverantwortlich, für sie selbst, für die Kinder aber auch der Gesellschaft gegenüber“, sagt sie dann aber doch. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte kann sich Beate Jankowiak einfach nicht vorstellen, dass eine ältere Frau den Anforderungen gewachsen ist, die vier Neugeborene mit sich bringen. Für sie ist klar, dass in diesem Fall die Hilfe des Jugendamtes gefragt sein wird.

Freundin Dagmar findet noch deutlichere Worte. „Das ist doch einfach Wahnsinn“, sagt sie. „Wenn ich sehe, was Beate alles durch hat, wie schwer es immer noch für sie ist, allein mit den beiden Mädchen in ihrem Alter, dann will ich mir gar nicht vorstellen, wie es dieser Frau gehen wird, die noch einmal 15 Jahre älter sein wird, als Beate es damals war, wenn ihre Kinder zur Welt kommen, und dann gleich vier.“

Die Spandauer Grundschullehrerin Annegret Raunigk hat bereits 13 Kinder und ist wie berichtet, mit 65 Jahren noch einmal schwanger geworden. Sie erwartet Vierlinge. Eine Tatsache, über die in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wird. In Deutschland ist die Eizellspende verboten, daher kommt eine Schwangerschaft mit künstlicher Befruchtung mit fremden Eizellen in Deutschland gar nicht erst in Betracht.

Dem Filmteam des RTL-Magazins „Extra“, das die Exklusivrechte an der Berichterstattung über ihre Geschichte erworben hat, sagte Annegret Raunigk, dass ihre jüngste Tochter Lelia, 9, sich ein Geschwisterchen gewünscht habe. Deshalb habe sie sich in den vergangenen anderthalb Jahren mehrfach im Ausland durch eine Eizellen- und Samenspende künstlich befruchten lassen. Bei der letzten Behandlung seien ihr vier befruchtete Eizellen eingesetzt worden – erfolgreich. Bis jetzt verlaufe die Schwangerschaft ohne größere Komplikationen. Annegret Raunigk fühlt sich nach eigenen Angaben fit.

Füttern, windeln, schuckeln

Beate Jankowiak kann sich noch gut an die ersten Monate mit ihren beiden jüngsten Töchtern erinnern: „Füttern, windeln, schuckeln“, sagt sie. Das sei den ganzen Tag so gegangen. Nebenher hat sie schnell wieder gearbeitet und zwar meist viele Stunden am Tag. Sie war selbstständig mit einem Cateringservice. „So ein Unternehmen muss laufen, da kann man nicht lange Pause machen“, sagt sie.

Die Rechnung kam prompt. Als Milla und Lilith neun Monate alt waren, hatte Beate Jankowiak einen Nervenzusammenbruch. Kinderbetreuung rund um die Uhr, die anstrengende Arbeit im Unternehmen, die Sorge um den kranken Mann – das war einfach zu viel für sie. „Dabei habe ich mich immer stark gefühlt wie eine Bärin“, sagt Jankowiak. „Auch in der Schwangerschaft ging es mir gut, da hatte ich sogar noch mehr Kraft als sonst.“

Die großen Töchter, die damals schon in Berlin lebten, haben die Entscheidung ihrer Mutter von Anfang an akzeptiert, sich aber Sorgen um ihre Gesundheit gemacht. 2009 überredeten sie sie dann, nach Berlin zu ziehen. So konnten sie ihr besser helfen. Beate Jankowiak wohnt mit Milla und Lilith und Sohn Olmo, 20, nun in einem kleinen Häuschen mit Garten. Sie sind zufrieden dort. Das Haus ist gemütlich eingerichtet, im Garten ist Platz zum Spielen. Und auch Kurt, der kleine silbergraue Pudel, fühlt sich dort wohl. „Spät Mutter zu werden, hat aber auch etwas Gutes, man ist gelassener als in jungen Jahren“, sagt Beate Jankowiak.