„Zug der Liebe“

„Ich mag keine Vergleiche mit Loveparade und Bikinimädchen“

Jens Hohmann organisiert eine neue Musik- und Tanzparade durch Berlin. Um Mitgefühl soll‘s gehen. Vergleiche mit der Loveparade mag er nicht. Denn eine „kommerzielle Massenparty“ soll es nicht geben.

Foto: Marcel Mettelsiefen / picture alliance / dpa

Im Jahr 1989, kurz vor dem Mauerfall, gab es die erste Loveparade in Berlin, nach der Tragödie in Duisburg 2010 war Schluss damit. Nun soll im Juli erneut ein „Zug der Liebe“ mit rund zehn Wagen durch die Hauptstadt ziehen, Techno bieten und auch für mehr Toleranz werben.

Organisator Jens Hohmann erklärt, welche Ideen dahinter stehen, warum das Ganze keine zweite Loveparade ist, Alkohol erlaubt, tanzen auf den Wagen jedoch hinderlich ist.

Berliner Morgenpost: Herr Hohmann, warum ein „Zug der Liebe“?

Jens Hohmann: Vor drei Jahren kam Martin Hüttmann, der Initiator des Zugs, auf mich zu und erzählte mir von seiner Idee, einmal für etwas statt gegen etwas zu demonstrieren. Und was wäre dabei besser geeignet, als eine Demonstration für die Liebe?

Warum ausgerechnet jetzt eine Demonstration für die Liebe?

In den letzten Monaten gab es immer mehr schlimme Nachrichten. Im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge, Berlin verändert sich radikal und dann auch noch Pegida. Deshalb haben wir beschlossen, den Zug zu organisieren. Nichtstun ist ja auch keine Option. Statt sich nur alles in der Tageschau anzusehen und entsetzt zu sein, sollten wir aktiv werden und versuchen, etwas dagegen zu unternehmen. Wir wollen auf die aktuellen Ereignisse aufmerksam machen und für mehr Mitgefühl, Nächstenliebe und soziales Engagement demonstrieren.

Ist der Zug eine neue Loveparade?

Dass alle den Vergleich zur Loveparade ziehen, ist gar nicht gut. Wir haben uns sehr klar von ihr distanziert. Die Loveparade war eine kommerzielle Massenparty. Ein richtiges „Geldranholen“, ohne auf irgendetwas zu achten. Das hat am Ende zu Toten geführt. Die ersten Paraden, das war eine feine Sache. Damals in den 90er-Jahren, die Mauer war weg, wir waren alle glücklich, und da brauchte man auch keine großen politischen Themen. Es war etwas Neues, es war spannend, witzig, eine geniale Idee. Heutzutage eine neue Loveparade zu organisieren, nach den Ereignissen von Duisburg, das geht nicht mehr.

Warum dann eine Demonstration mit Wagen und Technomusik?

Dass wir die Demonstration als Musikzug machen, ist Mittel zum Zweck. Demonstrationen mit 50 Leuten bewegen nichts Großes. Wir bekommen durch den Musikzug sicher viel mehr Leute zusammen und können dann natürlich unsere Forderungen und unsere Kritik viel besser in die Öffentlichkeit tragen. Wenn die Behörden der Musik nicht zustimmen, dann machen wir die Demonstration aber auch ohne Musik.

Wie wird der Zug finanziert und welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es?

Die Wagen und die Ordnungsbeamten werden von den Besitzern selbst finanziert. Die Fläche der Wagen wird mit unseren Bannern bedeckt. Dazu kommen die Plakate der gemeinnützigen Vereine und Organisationen. Platz für Werbung und Sponsoren gibt es nicht. Außerdem machen wir auch keinen Verkauf, also wird es nicht viel Müll geben, der beseitigt werden muss. Sicherheit ist natürlich sehr wichtig. Dafür sollen die fünf Ordner sorgen, die jeden Wagen begleiten. Die Wagen selbst dürfen nicht höher als 3,80 Meter sein, es dürfen nur vier bis fünf Personen mitfahren und auf den Dächern ist es nicht erlaubt zu tanzen. Das Tanzen auf den Wagen ist übrigens generell auch nicht erlaubt, außer der Wagen hat entsprechend abgesicherte Aufbauten und wurde vom TÜV für die Veranstaltung zugelassen.

Und Alkohol ist verboten?

Nein, Alkohol ist natürlich nicht verboten. Es ergibt doch keinen Sinn, eine Demonstration für positive Dinge zu organisieren und gleichzeitig ein Verbot auszusprechen.

Wie werden die Wagen ausgesucht?

Vier Wagen stehen schon fest, und es werden jede Woche mehr Leute, die mitmachen wollen. Wichtig ist, dass die Besitzer eine glaubwürdige Motivation abgeben, warum sie dabei sein wollen und mit unseren Zielen und Ideen völlig einverstanden sind. Welcher DJ auf dem Wagen auflegt, bestimmen dann auch die Besitzer.

Welche Route ist geplant?

Der Zug wird in der Nähe des Alexanderplatzes starten und über große Straßen – ohne Engpässe – bis zum Treptower Park führen. Wir wollen eine Strecke, die auch etwas mit der Clubkultur in Berlin zu tun hat.

Wie sind die Reaktionen?

Wir waren wirklich angetan davon, wie viele positive Rückmeldungen wir bekommen haben. Vor allem, wenn es um konkrete Hilfsangebote geht. Menschen kommen zum Beispiel auf uns zu und wollen die Demonstration mit Technik unterstützen oder Flyer drucken und verteilen, da gibt es viele Ideen.

Was muss noch organisiert werden, damit der „Zug der Liebe“ stattfinden kann?

Wir haben die Anmeldung der Demonstration bei der Versammlungsbehörde abgegeben. Die Vergleiche mit der Loveparade und Bilder von tanzenden Bikinimädchen sind bei der Anerkennung des Antrags wahrscheinlich eher hinderlich. Wir müssen sicher noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um die ursprüngliche Idee wieder in den Vordergrund zu stellen.