Ausbildungsserie

Auf der Suche nach talentierten Berliner Lehrlingen

Viele Firmen suchen händeringend nach Azubis – und übersehen oft unentdeckte Talente. Weil sie auf gute Noten schauen oder brave Jugendliche suchen. Die drei „Besten Ausbildungsbetriebe 2014“ aus Berlin machen das anders.

Foto: Amin Akhtar

Natürlich könnte sich Mareen Koch hinstellen und klagen, dass die Schulabgänger heute nicht ausbildungsfähig seien. In Mathe eine Fünf, die Rechtschreibung ein Ratespiel und die Umgangsformen eher lässig? Das ist ein gar nicht so unübliches Bewerberprofil – für Mareen Koch aber kein Grund, sich einen solchen Jugendlichen nicht genauer anzusehen. „Noten sind eigentlich das letzte Auswahlkriterium, wenn es um die Besetzung unserer Ausbildungsplätze geht“, sagt die Inhaberin und Geschäftsführerin des Koch Sanitätshauses, einem Familienunternehmen in Neukölln, das seit 30 Jahren Bandagen, Prothesen und orthopädische Schuhe fertigt und verkauft. „Im Grunde behandeln wir hier kranke Menschen, das ist anders, als im Einzelhandel schicke Klamotten zu verkaufen.“

Engagement, Eigeninitiative, Offenheit und ein freundliches Wesen sind deshalb die Eigenschaften, die die Firmenchefin auch von künftigen Azubis verlangt. Wer sich im Praktikum bewährt, darf sich über einen Platz in einem der besten Ausbildungsbetriebe der Stadt freuen: Das Sanitätshaus Koch hat im vergangenen Jahr in der Kategorie „Unternehmen unter 50 Mitarbeiter“ den Wettbewerb „Berlins Bester Ausbildungsbetrieb“ gewonnen. Die Jury zeigte sich nicht nur von der herausragenden Ausbildungsquote beeindruckt – elf Azubis bei insgesamt 40 Mitarbeitern –, sondern vor allem auch von der Vielfalt der Angebote.

Im 40-Mann-Betrieb Koch gibt es eine Einführungswoche für die Azubis sowie zweimal im Jahr einen Workshoptag mit Themen wie „Ressourcen stärken“, „Umgang mit unfreundlichen Kunden“ oder „Drogen“ und ein Mentorenprogramm. „Sie müssen jeden Einzelnen an die Hand nehmen“, sagt Koch, die dabei durchaus freundliche Strenge walten lässt: „Die Schüler brauchen oft ein bisschen Erziehung.“

Übernahme bei guter Leistung

Die offene Haltung, die sie von ihren Mitarbeitern fordert, lebt die Geschäftsführerin selbst vor: In ihrem Unternehmen dürfen auch ältere Azubis ran und junge Eltern, die ihre Ausbildung auf einer Teilzeitstelle absolvieren können. Dass jeder zweite Azubi Migrationshintergrund hat, findet Koch selbstverständlich: „Unser Hauptgeschäft liegt in der Sonnenallee, mindestens 50 Prozent unserer Kunden sind Muslime.“ Im September soll der erste Azubi mit einer Behinderung anfangen. Warum sie sich so viel Mühe gibt? „Ich möchte, dass unsere Azubis am Ende ihrer Ausbildung mehr wissen als andere“, sagt Koch. „Denn wir bilden für unseren eigenen Bedarf aus und übernehmen jeden, der eine gute Leistung bringt und der bleiben will.“ Die Übernahmequote liegt bei nahezu 100 Prozent.

Das Tiefbauunternehmen Frisch & Faust mit Sitz in Pankow bildet sogar weit über den eigenen Bedarf aus. Der Wettbewerbssieger 2014 in der Kategorie „Unternehmen über 50 Mitarbeiter“ hat eine Ausbildungsquote von nahezu 20 Prozent: 23 Azubis bei 140 Mitarbeitern. Und das, obwohl das Berufsbild „Tiefbaufacharbeiter“ und die darauf aufbauenden Berufe Kanalbauer und Rohrleitungsbauer den wenigsten Schülern auf Anhieb ein Begriff sein dürften. „In den Daily Soaps im Fernsehen sind alle Anwälte, Ärzte oder Immobilienkaufleute“, sagt Dieter Mießen, Personalchef bei Frisch & Faust. „Unsere Berufe müssen wir erst einmal bekannt machen.“

Auch „gestrandete“ Jugendliche bekommen Chance

Frisch & Faust hat fünf Schulkooperationen, organisiert einmal im Jahr mit viel Aufwand einen „Baustellentag“, bei dem Azubis Besucher über eine große Baustelle führen, und rührt auf den verschiedensten Messen die Werbetrommel. Seit Jahren arbeitet Mießen daran, so viele Azubis mit Migrationshintergrund ins Unternehmen zu holen, wie es dem Bevölkerungsschnitt in Berlin entspricht, um im Kampf gegen den Fachkräftemangel auch dieses Potenzial zu heben, wie er sagt: „25 Prozent waren mein Ziel.“ Er liegt darüber: Von 23 Azubis stammen sieben nicht aus Deutschland, sondern aus sieben anderen Nationen – Syrien, Libanon, Polen etwa. Kurioserweise ist bisher kein einziger Türkischstämmiger dabei. Auch „gestrandete“ Jugendliche, wie Mießen sie nennt, die woanders durchs Raster fallen, bekommen bei Frisch & Faust eine Chance. Entscheidend sei, dass sich die jungen Leute als zuverlässig, pünktlich, motiviert und teamfähig erwiesen – was für viele schwierig genug ist.

Bei der Suchtselbsthilfe-Gemeinschaft Synanon haben alle Azubis solch einen gebrochenen Lebenslauf: Bis zu 130 Bewohner leben auf dem idyllischen Gut Malchow in Lichtenberg zusammen und versuchen, ihre Drogenabhängigkeit zu überwinden. „Wer bei uns ankommt, ist in der Regel am Nullpunkt angelangt“, sagt Uwe Schriever, Vorstandschef der Stiftung Synanon. „Die Sucht werden Sie Ihr Leben lang nicht mehr los. Sie müssen also lernen, für etwas anderes zu leben.“

Die Azubis bei Synanon sind handverlesen

Ein entscheidender Baustein sind dabei die zwölf Zweckbetriebe: Synanon hat zum Beispiel eine Reinigungsfirma, einen Gartenbaubetrieb, ein Umzugsunternehmen, eine Tischlerei, eine Reitschule und eine Wäscherei. Die Betriebe tragen zur Finanzierung der Organisation bei. Vor allem aber sind sie zentral, um den Suchtkranken durch Arbeit, Aus- und Weiterbildung Halt im Leben zu geben. 36 Azubis haben hier in den vergangenen elf Jahren ihre Lehre im Handwerk oder einem kaufmännischen Beruf abgeschlossen – viele sogar mit Bestnote. „Wenn wir hier zur Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice ausbilden, stehen die Spediteure schon vor der Tür, um den Azubi abzuwerben“, berichtet er. Denn die externen Unternehmer wissen: Die Azubis sind bei Synanon handverlesen.

Wer einmal den Sprung in die Synanon-Ausbildung geschafft hat, beißt sich in der Regel auch durch. Die Abbruchquote liegt unter 20 Prozent – viel niedriger als erwartet. Hilfe können sich die Auszubildenden auf Gut Malchow immer holen: Da geben dann der alkoholkranke Anwalt oder Biologieprofessor gerne Nachhilfe. Für dieses Konzept wurde Synanon im Wettbewerb mit dem Sonderpreis ausgezeichnet.