Warnstreik

17.000 Berliner im Ausstand - So verlief der Streiktag

Wenn Berlin still steht: Den Warnstreik im öffentlichen Dienst spürten diesmal nicht nur Eltern und Schüler. Tausende Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in Berlin zogen durch die Innenstadt.

Ämter und Kitas waren dicht, in Schulen fiel Unterricht aus: Rund 17.000 Berliner sind nach Angaben der Gewerkschaft Verdi am Mittwoch für bessere Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen auf die Straße gegangen. Angestellte Lehrer, Erzieher, Polizisten, Feuerwehrleute und Behördenmitarbeiter erhöhten so den Druck vor der nächsten Verhandlungsrunde im öffentlichen Dienst der Länder, die am Montag beginnt.

In vielen Schulen fiel schon zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit wegen eines Warnstreiks Unterricht aus. Nach Angaben der Bildungsverwaltung beteiligten sich fast 3400 der 12.500 angestellten Lehrer in 557 Schulen an den Ausständen, 50 der 290 kommunalen Kitas machten komplett dicht, in vielen andere gab es nur eine Notbetreuung. Auch die beiden Auto-Zulassungsstellen blieben geschlossen, in vielen Behörden gab es lange Wartezeiten. Zu dem Streik aufgerufen hatten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Verdi, die Gewerkschaft der Polizei und die IG Bau. Sie fordern 5,5 Prozent mehr Gehalt und die Verhinderung von Einschnitten bei der Betriebsrente.

Schulen und Lehrer

Notbetreuung statt Unterricht – so sah es an vielen Berliner Schulen aus. Etwa an der Joan-Miró-Grundschule in Charlottenburg. Zwei Lehrer dieser Schule, Doreen Kendzia und Johannes Hübner, sagten der Berliner Morgenpost, dass sie nicht nur für mehr Gehalt streikten, sondern auch für bessere Bedingungen an den Schulen. Immer mehr Kinder mit Förderbedarf würden an den Regelschulen lernen, dort fehle es aber an Sonderpädagogen und genügend Personal für Teilungsstunden. Auch Ulrike Bauer, Lehrerin an der Carl-Kraemer-Grundschule in Wedding, forderte kleinere Klassen, mindestens zwei Lehrer pro Klasse und viele Teilungsräume. „Gegenwärtig ist das Gegenteil der Fall, das geht zu Lasten der Schüler und der Lehrer.“ Am Oberstufenzentrum Bautechnik I in Spandau streikten etwa 30 der 100 Lehrer. „Wir machen die gleiche Arbeit wie unsere verbeamteten Kollegen und bekommen immer noch weniger Geld“, sagte Thomas Weiske, Lehrer für Bautechnik und Bauphysik. Weiske ging aber auch für eine bessere Ausstattung der Schulen auf die Straße. „Die Gebäude verwahrlosen, die Computer sind so alt, dass sie nicht mehr richtig laufen und Klassenräume müssten in Eigenleistung renoviert werden“, sagte er.

Behörden und Ämter

In den Bürgerämtern der Stadt wurde schon an den Eingangstüren auf den Streik hingewiesen. An den drei Standorten in Steglitz-Zehlendorf waren kaum Auswirkungen zu spüren. Auch in Tempelhof-Schöneberg sei der Betrieb relativ problemlos verlaufen, sagte Stadtrat Oliver Schworck (SPD). Im Bürgeramt an der Karl-Marx-Allee in Mitte hingegen fielen alle vereinbarten Termine aus. Nur das Abholen von Dokumenten war möglich. Im Bürgeramt an der Osloer Straße wurden alle Termine eingehalten, aber auch dort beteiligten sich Mitarbeiter am Streik. „Es fehlen einige Kollegen, deshalb haben wir heute keine Termine mehr“, sagt ein Mitarbeiter. Er habe schon etliche Kunden wegschicken müssen.

Kfz-Zulassungsstellen

Die Kfz-Zulassungsstelle in Lichtenberg blieb am Mittwoch geschlossen. Karim B. hatte einen Termin. Er wollte ein Überführungskennzeichen abholen. Dafür hatte er noch am 8. März von der Zulassungsstelle per E-Mail eine Terminbestätigung für den 11. März erhalten. „Das ist keine Art, bei allem Verständnis für den Streik“, sagte der Therapeut. Anstelle der Bestätigung hätte man ihm lieber einen neuen Terminvorschlag machen sollen. „Das wäre Service und Streik mit Augenmaß.“ Auch in Kreuzberg standen Bürger an der Zulassungsstelle vor verschlossenen Türen. Erich M. war aus Bohnsdorf gekommen. „Ich hätte mir gewünscht, dass hier jemand von der Behörde wenigstens Auskunft gibt“, sagte er.

Kitas und Erzieherinnen

Die Kita am Park in der Kreuzberger Methfesselstraße blieb geschlossen. 11 der 14 Erzieher waren auf der Kundgebung am Alexanderplatz. Die Eltern hätten verständnisvoll reagiert und ihre Kinder zu Hause oder bei den Großeltern gelassen, sagte Mitarbeiterin Rosi Wicher. Auch sie war auf der Kundgebung. „Berlin hängt noch in vielem nach“, sagte sie. So sei in Baden-Württemberg ein Erzieher für etwa drei Kinder zuständig, in Berlin seien es mehr als sechs. Dazu würden die Berliner Erzieher weniger verdienen als in anderen Bundesländern. Eine Notbetreuung wurde in der Kita an der Schlesischen Straße 3 angeboten. Von den 14 Erziehern waren nur noch vier im Dienst. Sie mussten sich um 20 der sonst 120 Kinder kümmern. Verkürzte Öffnungszeiten gab es in der Kita in der Freienwalder Straße in Wedding. „Es ist gut, dass die Kita überhaupt öffnet“, sagte Karolina Jelinski mit Dominik und Clara an der Hand. Bei Jens Alder sprang am Nachmittag die Schwiegermutter ein, um die fünfjährige Suni früher abzuholen. Der Vater kritisierte die personelle Ausstattung der Kitas. So gebe es keine Vertretung im Krankheitsfall oder für Dauerkranke. Verständnis zeigte auch Corinna Thiemann, die gerade Frieda und Annie in die Kita brachte. „Für ihre Arbeit bekommen die Erzieher zu wenig Geld“, sagte sie.

Wenn Berlin still steht - Protokoll eines Streiktags

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