Berlin

Zahl der Verkehrstoten um mehr als 40 Prozent gestiegen

Im Jahr 2014 ist die Zahl der Verkehrstoten in Berlin deutlich gestiegen. 52 Menschen kamen ums Leben, 15 mehr als im Jahr davor.

Fast alltägliche Meldungen aus dem Berliner Verkehrsalltag: Am Mittwochmorgen wurden bei einem Verkehrsunfall in Karow zwei zwölf und 13 Jahre alte Schülerinnen verletzt. Ein 73-jähriger Autofahrer hatte vermutlich wegen eines Herzinfarktes die Kontrolle über seinen Audi verloren und kam nach links von der Fahrbahn ab. Dort stieß er gegen einen Ampelmast, einen Verteilerkasten und mehrere Holzpoller. Der Wagen kam auf der Kreuzung Alt-Karow, Bahnhofstraße und Blankenburger Chaussee zum Stehen. Die aus der Erde gerissenen Holzpoller trafen die beiden Schülerinnen, die mit ihren Fahrrädern auf dem Gehweg standen, und verletzten sie leicht. Ein Notarzt, der mit einem Rettungshubschrauber zur Unfallstelle geflogen kam, konnte den Autofahrer reanimieren.

Am Dienstagabend wurde In Spandau eine 18 Jahre alte Fußgängerin beim Überqueren der Seegefelder Straße von einem Auto angefahren und gegen einen anfahrenden BVG-Bus geschleudert. Die Frau wurde mit schweren Verletzungen am Oberkörper in ein Krankenhaus gebracht. Zwei von jährlich mehr als 130.000 Verkehrsunfällen in Berlin. Tendenz steigend.

Auf Berliner Straßen sind im vergangenen Jahr ungefähr 40 Prozent mehr Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen als 2013. Das geht aus den aktuell veröffentlichen Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg hervor. 2014 starben 52 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen, 15 Personen mehr als im vergleichbaren Zeitraum 2013. Im Jahr davor waren es 37 Menschen, die im Straßenverkehr starben. Allein im Dezember 2014 starben acht Personen, vier mehr als im Dezember 2013. Von den insgesamt 52 Toten 2014 waren 21 Fahrer und Mitfahrer von Kraftfahrzeugen (auch Motorräder und Krafträder), 21 Fußgänger und zehn Fahrradfahrer. 21 tödlich verunglückte Personen waren 65 Jahre und älter. Im Jahr davor kamen 14 Fahrer und Beifahrer von Kraftfahrzeugen ums Leben, neun Radfahrer und 14Fußgänger.

Unachtsamkeit beim Abbiegen

„Die zehn tödlich verunglückten Radfahrer sind bedauerlicherweise mittlerweile zu einem sehr traurigen Jahresdurchschnitt geworden“, sagte Bernd Zanke, Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs e.V. „Die Zahl geht nicht nach unten. Damit wollen wir uns aber nicht abfinden.“ Das vom Senat gesetzte Ziel, die Unfallzahlen bis zum Jahr 2020 um 30 bis 40 Prozent zu senken, werde man so nicht erreichen, heißt es. Nach Angaben Zankes werden Radfahrer mehr als 1000 Mal im Jahr von abbiegenden Pkw und Lkw übersehen und in Unfälle verwickelt. „Die meisten Unfälle kommen durch Unachtsamkeit beim Abbiegen von Pkw und Lkw an Straßenkreuzungen zustande“, sagte Zanke. „Zwei Drittel der Unfälle passieren beim Rechtsabbiegen, ein Drittel der Kollisionen beim Abbiegen nach links.“ Der ADFC begrüßt die Fahrradstaffel der Polizei, wünscht sich aber, dass das Abbiegeverhalten noch deutlich stärker kontrolliert wird. „Wir fordern noch mehr Kontrollen der Polizei beim Abbiegen von Pkw und Lkw und Maßnahmen für mehr Schutz der Radfahrer“

Auch die Zahl der Verletzten ist um 6,9 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr wurden 17.439 Personen bei Verkehrsunfällen verletzt, 2013 waren es 16.318. Insgesamt brachte die Berliner Polizei von Januar bis Dezember des Vorjahres 132.717 Verkehrsunfälle zu Protokoll, eine Steigerung um 1,4 Prozent im Vergleich zu 2013. Da erfasste die Polizei 130.930 Unfälle.

„Es war ein relativ milder Winter mit günstigen Witterungsbedingungen und ein sehr trockener Frühling“, vermutet Klaus-Ulrich Hähle, Gruppenleiter Verkehr beim ADAC, als Grund für den Anstieg der Unfallzahlen. „Autofahrer konnten aufgrund guter Straßenverhältnisse schneller fahren und es waren mehr Fahrradfahrer, Fußgänger und Motorradfahrer auf den Straßen unterwegs. Bei richtigem Winterwetter nutzen mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel und bleiben auch öfter zu Hause.“ Das könnte auch als Grund für die acht Verkehrstoten im Dezember 2014 angeführt werden. Fünf von ihnen waren Fußgänger. Häufig würden auch Motorrad-, Krad- und Rollerfahrer bei milden Temperaturen ihre Fahrzeuge im Winter noch nutzen.

„Wir begrüßen es, dass die Kampagne des Senats ‚Berlin nimmt Rücksicht’ fortgesetzt wird“, sagte Hähle. „Auch eine kontinuierliche Verkehrserziehung und ein Sicherheitstraining für Motorradfahrer kann neben gegenseitiger Rücksichtnahme zu mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer im Straßenverkehr sorgen.“

Bundesweit 3368 Verkehrstote

Bundesweit stieg die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland um 29 auf 3368. Damit lag die Zahl aber immer noch auf dem zweitniedrigsten Stand seit 1950, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Mittwoch mitteilte. Die Zahl der Verletzten stieg um vier Prozent auf rund 389.000.

Trotz ständig wachsenden Verkehrs sank die Zahl der Verkehrstoten jahrzehntelang. Im Jahr 2013 hatte sie mit 3339 den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung. Das schwärzeste Jahr in der Statistik war 1970 mit mehr als 21.000 Verkehrstoten in Ost und West.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte: „Unser Ansporn muss es sein, deutsche Straßen noch sicherer zu machen.“ Dazu sollten auch Aufklärungskampagnen wie „Runter vom Gas“ beitragen. Für die Verkehrssicherheitsarbeit des Ministeriums stünden 2015 rund 13 Millionen Euro bereit, 1,5 Millionen Euro mehr als 2014. Gemessen an der Einwohnerzahl war 2014 das Risiko, im Straßenverkehr zu sterben, am größten in Sachsen-Anhalt mit 61 Todesopfern pro eine Million Einwohner.