Umweltbelastung

Berliner Lärmatlas - Wo die Hauptstadt laut ist und wo nicht

Der Senat will mit einem Lärmaktionsplan die Belastung in der Stadt deutlich senken. Denn Lärm ist schädlich: Nach Schätzungen entstehen jedes Jahr 150 Millionen Euro Folgekosten.

Lärm ist nicht nur störend, er macht auch krank und verursacht erhebliche Folgekosten. In Berlin sind es nach einer Schätzung auf Basis von Berechnungsempfehlungen des Umweltbundesamtes pro Jahr 147,9 Millionen Euro im Jahr. Diese Summe bildet die Umweltschäden ab, die durch Lärm entstehen: weil Anwohner wegen der Lärmbelastung gestresst und übermüdet sind, der Bluthochdruck steigt und das Risiko für Gefäßschäden und Herzinfarkt zunimmt.

Den größten Teil dieser Kosten verursacht mit 93 Millionen Euro der Straßenverkehr, dann folgt der Flugverkehr mit 41,6 Millionen Euro und schließlich der Schienenverkehr mit 13,3 Millionen Euro. Jeder Berliner ist somit rein rechnerisch mit rund 45 Euro jährlich durch Verkehrslärm belastet.„Wir haben in den letzten Jahren 20 Millionen Euro in den Lärmschutz gesteckt“, sagte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) der Berliner Morgenpost. Das zeige, dass der Senat auf dem richtigen Weg sei, um die betroffenen Bürger vom gesundheitsschädlichen Lärm zu entlasten. „Damit ist Berlin bundesweit führend“, betonte Geisel. Besonders Gebiete innerhalb des S-Bahnrings und knapp außerhalb davon sind mit Straßenlärm belastet. So weisen Teile von Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg hohe bis sehr hohe Belastungen auf. Der Reinickendorfer Ortsteil Tegel und Teile von Spandau leiden sehr stark unter dem Fluglärm.

Bis 2030 will der Senat erreichen, die Lärmbelastung für die Menschen auf 65 Dezibel am Tag und 55 Dezibel in der Nacht zu begrenzen. „Diese Werte hat sich der Berliner Senat zum Schutz der Bevölkerung auferlegt und sie werden auch von Studien der Weltgesundheitsorganisation bestätigt“, sagt Bernd Lehming, der das Referat für Immissionsschutz in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt leitet. Ab einem Wert von 60 Dezibel, dem der Mensch über einen langen Zeitraum immer wieder ausgesetzt ist, besteht das Risiko einer Herz- oder Kreislauferkrankung. Nach Berechnungen des Senats sind in Berlin rund 300.000 Menschen davon betroffen. Mehr als ein Drittel von ihnen ist auch in der Nacht einer Lautstärke von 65 Dezibel ausgesetzt. Das ist besonders schädlich.

Anfang des Jahres hat der Senat mit zwei Jahren Verspätung den Lärmaktionsplan 2013 bis 2018 beschlossen. Inklusive der Mittel aus dem Europäischen Strukturfonds stehen pro Jahr für die Umsetzung 2,2 Millionen Euro zur Verfügung – wenn die Haushaltsmittel bewilligt werden. Zu den Maßnahmen zählen unter anderem ein spezieller Asphalt, die Verlegung spezieller Schienen und Weichen, abgetrennte Fahrradwege auf der Straße und eine intelligentere Verkehrsführung. Gleichzeitig sind knapp 30 Prozent der geplanten Maßnahmen aus dem ersten Lärmaktionsplan 2008 bis 2012 noch nicht umgesetzt – auch weil in den Bezirken das Personal fehlt. Denn sie sind überwiegend für die Umsetzung der Maßnahmen zuständig. Dadurch habe es in den letzten zwei Jahren immer wieder Verzögerungen gegeben, sagte Bernd Lehming.

Im Mietspiegel berücksichtigt

Lärm gehört neben der Luftbelastung zu den bedeutendsten Umweltbelastungen in deutschen Städten, besonders in Metropolenräumen. „Aufgrund der hohen Relevanz der Lärmbelastung wurden sogar die verkehrslärmbelasteten Adressen im Mietspiegel 2013 besonders gekennzeichnet und der Faktor Lärm als Bewertungsgrundlage mit herangezogen“, sagt Heinz-Josef Klimeczek aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Er hat das Modellprojekt „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ initiiert, das zum ersten Mal in einer europäischen Stadt analysiert hat, welche Sozialräume wie belastet sind.

Das Projekt ist mittlerweile in Berlin als Stadtbeobachtungssystem etabliert. Klimeczek betont, dass zur Lärmbelastung gesicherte umweltmedizinische Erkenntnisse dazu vorliegen, dass diese die Gesundheit nachhaltig beeinflussen kann. Denkt man weiter, könnten mit diesen Daten in Zukunft auch Rückschlüsse auf Krankheitsbilder in bestimmten Sozialräumen gezogen werden. „Denn natürlich ist Lärmbelastung auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Es ist entscheidend, ob ich mir aussuchen kann, ob ich in einer dicht besiedelten lauten Umgebung leben möchte, oder weiter außerhalb, oder nicht“, sagt Brigitte Schulte-Fortkamp.

In Berlin sind neben dem Reinickendorfer Ortsteil Tegel und Teilen von Spandau, über dessen Dächer im Takt von wenigen Minuten die Flugzeuge des nahen Flughafens donnern, vor allem Gebiete innerhalb des S-Bahnrings von Lärm betroffen. Besonders in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg wurden hohe bis sehr hohe Belastungen ermittelt. Der Senat ist sich des Lärmproblems bewusst. Nach seinen Berechnungen sind in Berlin rund 300.000 Menschen Straßenverkehrslärm ausgesetzt, der die Gesundheit schädigt. 121.600 von ihnen verbringen ihre Nächte sogar bei einer Lautstärke von bis zu 65 Dezibel. Schon ab 60 Dezibel steigt bei regelmäßiger Beschallung das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen.

Besonders die Lärmbelastung bei Nacht kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken – obwohl sie oft gar nicht bewusst wahrgenommen wird. „Wenn der Schlaf über lange Zeit gestört wird, kann der Körper seine Ruhepausen nicht mehr nutzen, um sich zu regenerieren“, erklärt Brigitte Schulte-Fortkamp. Mehrere Studien haben zudem gezeigt, dass Menschen durch nächtlichen Straßenlärm in einer dauernden Habachtstellung sind. Ganz unbewusst. Hierdurch entstehen zum Beispiel Übermüdungen und in Folge auch Leistungsminderung.

Strategische Lärmkarten sagen, wo es in der Stadt laut ist

Bereits 2007 hat der Senat sogenannte strategische Lärmkarten entwickelt, die zeigen, welche Menschen, Wohnungen, Schulen und Krankenhäuser wie belastet sind. 2008 mündeten diese Karten in einen ersten Lärmaktionsplan. Für diesen standen durch das Konjunkturprogramm II der Bundesregierung ergänzt durch Landesmittel insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung. Eigentlich sollte der Plan alle fünf Jahre fortgeschrieben werden. Doch erst Anfang des Jahres, mit zwei Jahren Verspätung, beschloss der Senat den Lärmaktionsplan 2013–2018.

Gleichzeitig sind noch knapp 30 Prozent der im ersten Plan beschriebenen kurzfristigen Maßnahmen offen. Sie sollen bis 2018 umgesetzt werden. Inklusive der Mittel aus dem Europäischen Strukturfonds stehen dafür und für neue Maßnahmen, sofern die Haushaltsmittel 2016/2017 bewilligt werden, jedes Jahr 2,2 Millionen Euro zur Verfügung. Um die Lärmbelastung zu mindern, sollen Fahrbahnen saniert und mit speziellem Asphalt ausgestattet werden, zudem sollen mehrspurige Straßen weniger, aber dafür breitere Spuren bekommen, so wie in der Steglitzer Schloßstraße.

Spurwechsel und schnelles Überholen vermeiden

„Damit vermeiden wir Spurwechsel, Beschleunigungsvorgänge und schnelles Überholen“, erklärt Bernd Lehming, der das Referat für Emissionsschutz in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt leitet. Der Verkehr soll langsam und regelmäßig fließen. Außerdem sei geplant, von den Fahrbahnen Fahrradwege abzutrennen. Damit würde der Verkehr einerseits nicht so häufig ins Stocken geraten, und andererseits die Fahrspuren und somit der Lärm weiter von den Häusern abrücken. Schienen im Straßenbahnnetz sollen ausgetauscht und gegen das sogenannte Berliner Straßenbahngleis ersetzt werden. „Das bringt ungefähr zehn Dezibel gegenüber der Betonplatte, die jetzt noch zum Teil verlegt ist“, erklärt Lehming.

Für die Umsetzung sind überwiegend die Berliner Bezirke zuständig. Die Senatsverwaltung ist häufig der Ideengeber. Die Bezirke müssen die Ausführungsplanungen machen, Aufträge herausgeben. Doch es fehlt, wie so häufig, das Personal. Das soll sich nun mit dem Senatsprogramm zur Stellenverstärkung der Bezirke ändern.

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