Kinderbetreuung

Senat will 10.000 neue Kita-Plätze für Berlin schaffen

Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat ein Brennpunktprogramm vorgestellt. Besonders in sozial schwierigen Lagen soll geholfen werden. Dort ist frühkindliche Förderung besonders wichtig.

Foto: Massimo Rodari

Das Land Berlin will weiter in den Kita-Ausbau investieren. 2016/17 sollen 10.000 neue Kita-Plätze entstehen. Schwerpunkt dieses Ausbauprogramms sind soziale Brennpunktlagen. Das hat der Senat auf seiner Klausurtagung am Donnerstag festgelegt. „Kinder aus sozial schwachen Familien profitieren am meisten von einem Kita-Besuch“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) der Berliner Morgenpost. Es müsse daran gearbeitet werden, dass vor allem in sozialen Brennpunkten mehr Kinder unter drei Jahren in die Kita gehen. „Wir müssen in diesen Regionen sowohl Plätze schaffen, als auch die Eltern überzeugen, ihre Kinder in einer Kita anzumelden.“

Reinickendorf, Mitte und Spandau

Auch wenn Berlin insgesamt bei der Teilhabequote im Kita-Bereich im Bundesvergleich sehr gut dastehe, gebe es doch einzelne Bezirke, in denen die Zahl der Kinder, die eine Kita besuchen, zum Teil deutlich unterhalb des berlinweiten Durchschnitts liege. Bei den ein- und zweijährigen Kindern treffe das beispielsweise auf die Bezirke Reinickendorf, Mitte und Spandau zu. „Hier liegt die Betreuungsquote jeweils bei 58 bis 60 Prozent“, so Scheeres. Das da noch Luft nach oben sei, zeige Pankow. Dort würden mehr als 83 Prozent der unter drei Jahre alten Kinder in einer Kita betreut werden. Das Kita-Brennpunktprogramm soll ähnlich funktionieren wie das Programm für Brennpunktschulen.

Seit Januar 2014 unterstützt der Senat 219 Berliner Schulen mindestens sechs Jahre lang mit einem Bonusprogramm. Von dieser Hilfe profitieren alle Schulen, bei denen mehr als die Hälfte der Schüler aus sozial schwachen Familien stammen und deshalb von der Zuzahlung zu den Lernmitteln befreit sind. Insgesamt stehen für diese Einrichtungen jährlich 15 Millionen Euro zur Verfügung. Für das Kita-Brennpunktprogramm sind indes keine zusätzlichen Mittel eingeplant. Stattdessen sollen vorhandene Mittel umverteilt werden.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres sagte, dass sie sehr froh darüber sei, dass Berlin weiterhin jährlich 1,3 Milliarden Euro für den Unterhalt der 2325 öffentlichen Kitas ausgeben und den Ausbau von Kita-Plätzen vorantreiben will. „Bisher haben wir uns dabei am Bedarfsatlas orientiert und den Ausbau zielgenau am tatsächlich für die Zukunft erwarteten zusätzlichen Platzbedarf ausgerichtet.“ Diese Strategie sei erfolgreich gewesen. Jetzt wolle man verstärkt in sozial schwachen Gebieten Plätze schaffen. Kriterien dafür seien die ALG-II-Quote sowie die Migrationsquote einer Region, auch schwache Ortsteile, die im Rahmen des Förderungsprogramm „Soziale Stadt“ unterstützt werden, gehörten dazu. Darüber hinaus sollen auch die Standorte der Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlingsfamilien berücksichtigt werden. Auch dort sollen verstärkt Kitas ausgebaut werden. Kinder aus Flüchtlingsfamilien haben nach Ablauf der dreimonatigen Asyl-Erstaufnahmefrist einen bundesgesetzlichen Rechtsanspruch auf bedarfsgerechte Betreuung in einer Kindertageseinrichtung.

Eltern müssen von der Kita überzeugt werden

Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses Kita, begrüßt den Vorstoß des Senats. Die große Frage sei allerdings, wie Eltern überzeugt werden könnten, ihre Kinder in eine Kita zu schicken. Heise schlägt Hausbesuche und direkte Gespräche vor. Viele Eltern ließen ihre unter drei Jahre alten Kinder auch deshalb zu Hause, weil sie das Essensgeld von 23 Euro nicht bezahlen können. „Der Senat muss prüfen, ob nicht doch noch mehr Geld in die Hand genommen werden muss“, so Heise. Auch die Bildungsstadträtin von Neukölln, Franziska Giffey (SPD), unterstützt das Kita-Brennpunktprogramm. „Vor allem in diesen Regionen müssen mehr Kinder so früh wie möglich in eine Kita gehen“, sagte sie der Berliner Morgenpost. In Nordneukölln hätten 60 Prozent der Kinder, die eingeschult werden, eine Entwicklungsverzögerung.

Grund sei eine unzureichende frühkindliche Förderung. Die Kinder seien nicht oder zu spät in die Kita gekommen. Als absolut richtig bezeichnete Giffey in diesem Zusammenhang den Beschluss des Senats, die Früheinschulung zurückzunehmen. „Auch wenn dies bedeutet, dass mehr Kita-Plätze benötigt werden.“ Die Einschulung mit fünfeinhalb Jahren habe nur Nachteile gehabt, sagte Giffey. „In Neukölln mussten im Schuljahr 2014/15 17,5 Prozent der schulpflichtigen Kinder zurückgestellt werden, da sie noch nicht schulreif waren.“ Es sei Aufgabe der Kitas, die Kinder so gut wie möglich auf die Schule vorzubereiten. Deshalb spiele auch die Qualität der Betreuung eine große Rolle.

Auch räumlich aufrüsten

So sieht es auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). GEW-Chefin Sigrid Baumgardt forderte den Senat auf, dafür zu sorgen, dass die Kitas räumlich, personell und finanziell gut ausgerüstet sind. Mit der Entscheidung, die Früheinschulung abzuschaffen, werde die Qualitätsfrage von der Grundschule in Richtung Kita verschoben. Die Eltern erwarten „ein Schnell-Paket und die dafür nötigen Finanzen für die benötigten Kita-Plätze“, so Elternvertreter Norman Heise.

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