Auszeichnung

Bundespräsident Gauck ist nun Berliner Ehrenbürger

Klaus Wowereit hat Bundespräsident Joachim Gauck zum Ehrenbürger der Hauptstadt gemacht. Er wolle damit sein Wirken als Staatsoberhaupt sowie sein Eintreten für Freiheit und Demokratie würdigen.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

„Danke, Berlin!“ Mit einer sehr persönlichen Liebeserklärung an die Stadt, in der er seit 1990 zu Hause ist, hat Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch im Roten Rathaus die Ehrenbürgerwürde Berlins entgegengenommen: „Es fühlt sich gut an, es freut einen“, beschrieb der erste Mann im Staate im Festsaal seine Empfindungen, nachdem ihm der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Abgeordnetenhaus-Präsident Ralf Wieland (beide SPD) die Urkunde überreichten, die ihn zum 117. Ehrenbürger der Hauptstadt macht.

Damit steht der 74-Jährige nun in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Maler Max Liebermann, Schauspielerin Marlene Dietrich oder Altkanzler Helmut Kohl. Wowereit würdigte das stetige Eintreten Gaucks für Freiheit und Demokratie und gegen Diktatur und Unterdrückung. „Demokratie braucht engagierte Demokraten. Und für sie sind Sie ein Vorbild“, so der Regierungschef.

„Hauptstadt der Bekloppten“

Der Mecklenburger Gauck beschrieb sein Verhältnis zu Berlin im Wandel der Jahrzehnte – und wich dabei erheblich von seinem Redemanuskript ab. Jahrelang habe es zu DDR-Zeiten unter SED-fernen Menschen im Norden geheißen, „fahre nicht nach Berlin, das ist die Hauptstadt der Bekloppten, die Hauptstadt unserer Unterdrücker“, erinnerte sich der frühere Pfarrer. Zu viele Kommunisten habe es im Ostteil der Stadt gegeben. Und der Westen erschien ihnen damals nur als Sehnsuchtsort. Vor dem Mauerbau 1961 seien sie noch von Rostock aus nach Berlin gefahren. Mit verbundenen Augen hätte er damals sagen können, ob er sich am Bahnhof Zoo befand. „Dort roch es anders“, sagte Gauck. In den Kinos hätten sie mit Ostmark bezahlen dürfen, man habe den Ostdeutschen Bücher gegeben und ihnen Kneipen gezeigt.

Nach dem Mauerbau hätten er und andere überlegt, ob sie noch von Osten zum Brandenburger Tor gehen sollten oder nicht. Hinter dem Tor habe man die Siegessäule erkannt, auch das Hochhaus des Springer-Verlages sei von Mitte aus sichtbar gewesen. Irgendwann habe man sich aber eher von der Mauer ferngehalten. „Warum sollten wir immer wieder gegen die Wand rennen“, fragte Gauck nachdenklich. Auch zu Mauerzeiten seien DDR-Bürger mit dem Westteil der Stadt „gedanklich und ideell vielfach verbunden gewesen“. So hätten viele die Revolte der 68-er verfolgt. „In Berlin hat sich die Sehnsucht nach Freiheit in politischen Aktionen materiell manifestiert“, sagte Gauck.

Als dann die Mauer aufging, habe er „Tränen des Glücks“ vergossen. Gerade am 8. November 1989 sei er in Berlin gewesen, durfte zu einem Verwandtenbesuch im Westen. Papier habe er mitgebracht aus West-Berlin, um darauf Texte der Bürgerbewegung Neues Forum zu vervielfältigen, hatte Wowereit in seiner Laudatio berichtet und einen „Berliner Schreibwarenhändler als Rettungsanker“ gewürdigt, „als das Papier in diesem bewegten Herbst zur Neige“ gegangen sei. Gauck erinnert sich dann an die Freude, als er nach Rostock zurückgekehrt war und erst dort erfuhr, dass die Grenzen geöffnet worden seien. Berlin sei für Menschen seiner Generation die Stadt, „die Freude und Schmerz“ eines Individuums widerspiegele, eine „Stadt der gebrannten Kinder“. Wenn eine solche Stadt zu einem „gebrannten Kind“ „du“ sage, dann sei das schön, sagte ein emotionaler Bundespräsident. Der friedliche Umsturz in der DDR machte aus dem Kirchenmann einen Politiker – und einen Berliner. Er zog im März 1990 in die erste frei gewählte Volkskammer ein, lebte in Mitte und Schöneberg. „Und jetzt hat es mich nach Dahlem verschlagen“, sagte Gauck schmunzelnd mit Blick auf seine Residenz im Nobelviertel: „Ich erlebe Berlin als Stadt von Wandel und Aufbruch.“ Die Stadt sei zu seiner „zweiten Heimat“ geworden.

Ein Ermöglichungsort

Berlin sei ein „Ermöglichungsort“, beschrieb Gauck seine Wahrnehmung von den vielen Optionen, die die Stadt ihren Bürgern biete. „Wenn ich hier wegziehen müsste, oh, oh, oh, das wäre schlimm“, bekannte der Bundespräsident, obgleich er sich doch als heimatverbundenen Mecklenburger bezeichnete. Die Zeit, die ihn bekannt machte und seinen Namen zum Synonym für die Aufklärung des SED-Unrechts machte, sei „nicht schön, aber wichtig“ gewesen. Gauck leitete die Stasi-Unterlagenbehörde, das „Gaucken“ wurde zum Begriff für die Prüfung möglicher Verstrickungen. „Es war die Zeit der Differenzen“, erinnerte sich der Präsident an die 90er-Jahre, in denen er sich mit dem „Verweigerungspotenzial einer nicht angekommenen Bevölkerungsgruppe“ auseinanderzusetzen hatte. Auf dem Boden der westdeutschen Erfahrung bei der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur habe sich Deutschland für den offenen Umgang mit der Schuld aus dem DDR-Regime entschieden. Ohne die Bereitschaft, Konflikte um Wahrheit, Schuld und Verantwortung auszuhalten, könne eine innere Versöhnung nicht gelingen. Aber auch dieses Kapitel ist aus Sicht des Staatsoberhauptes überwunden. Die Stadt habe inzwischen gelernt, „was wir davon haben, wenn wir Unterschiedlichkeit und Vielfalt als Gewinn betrachten“, sagte Gauck und pries die „wache, offene Kultur“ Berlins.

Er lobte den scheidenden Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und wies ihm einen wichtigen Beitrag zu. „Ich freue mich, dass Sie daran mitgewirkt haben“, sagte Gauck zu dem Sozialdemokraten, der ihm einst in der Bundesversammlung seine Stimme gegeben hatte. Wowereit hatte zuvor in Anspielung auf Gaucks Kritik an Rot-Rot-Grün in Thüringen die Meinungsfreude des Präsidenten gewürdigt. Dass es so kommen würde, habe man bei Gaucks Wahl gewusst, so Wowereit: „Das halten wir aus. Bleiben Sie, wie Sie sind“, sagte Wowereit.

Gauck wiederum, der von seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt begleitet wurde, dankte Wowereit für die Arbeit in 13 Jahren als Regierender Bürgermeister in der Stadt, „die ich eben so voller Liebe beschrieben habe“. Wowereit habe aus Berlin einen Ort gemacht, „an dem die Menschen gerne sein wollen“. Die Kritikkultur der Alteingesessenen stoße hier auf die Begeisterung vieler Neuankömmlinge, Leistung zu bringen. Aus dieser Mischung wachse das Engagement vieler Bürger für ihre Stadt und darüber hinaus. Berlin zeichne das Miteinander aus von Menschen, die sich verabredet hätten, zu sein, „was wir sein wollen“, sagte Gauck: „Bürger eines freien Berlin und eines freien Deutschland.“