Zuwanderung

„Povera ma sexy“ - Italiener, kommst Du nach Berlin

In Berlin leben 30.000 Italiener - und immer mehr kommen. Zwei von ihnen haben ein Handbuch für Landsleute über das Leben in der Hauptstadt geschrieben und räumen mit falschen Vorstellungen auf.

Foto: Amin Akhtar

Was war das Erste, das ein italienischer Gastarbeiter in den 60er-Jahren tat, sobald er in – sagen wir – Wolfsburg angekommen war? Es klingt wie eine dieser Scherzfragen, doch Simone Buttazzi macht keine Witze. „Er durchkämmte das örtliche Telefonbuch nach italienischen Nachnamen, rief dort an und fragte um Rat zu allem Möglichen und Unmöglichen.“

Die meist jungen Italiener, die heutzutage nach Berlin strömen, fragen ihre Landsleute in einem der zahlreichen Blogs um Rat – und das zu den banalsten Dingen. Da tauchen Fragen auf wie: Wo kann ich einen USB-Stick kaufen? Oder: Wo gibt es gutes Brot wie bei uns in Italien? Zielführender sind da schon Einträge wie: Wo muss ich mich anmelden? Was muss ich beachten, wenn ich eine Wohnung anmieten möchte? Über die Fragen wundert sich Simone Buttazzi nicht. Was ihn aufregt, sind die Tipps, die gegeben werden: „Da antworten dann andere Italiener, die glauben, etwas davon zu verstehen – und geben völlig falsche Ratschläge.“

„Berlin ist nicht das Gelobte Land“

Aus diesem Grund hat der Wahlberliner gemeinsam mit Gabriella Di Cagno ein Handbuch für Italiener in Berlin zusammengestellt: „Tutti a Berlino“. Es ist kein Stadtführer und richtet sich nicht an Touristen, sondern gibt praktische Hilfestellung für den Alltag in Berlin. Und das mit so großem Erfolg, dass innerhalb von nur zwei Jahren eine komplett überarbeitete Neuauflage herausgebracht wurde. Potenzielle Leser gibt es in der Stadt genug, immerhin zählte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zu Jahresbeginn knapp 30.000 hier gemeldete Italiener. Die meisten von ihnen leben in Friedrichshain-Kreuzberg. Und fast zwei Drittel verlegten laut italienischer Botschaft ihren Hauptwohnsitz nach Berlin.

Buttazzi und Di Cagno selbst haben den Umzug nach Berlin vor acht beziehungsweise sieben Jahren gewagt. „Ich lebte damals in Florenz und hatte es einfach satt“, erzählt die aus Bari stammende Di Cagno. „Die Stadt ist so alt – keine Perspektive, nur Vergangenheit. Aber ich brauchte Neuheiten und Inspiration.“ Wie für viele andere erschien ihr Berlin als Wahlheimat ideal. London – zu teuer und ungemütlich. Paris – zu teuer und, wie Florenz, auch zu alt. In Berlin spürte sie die Aufbruchstimmung, die ein neues Leben ermöglicht.

Heute lebt die 53-Jährige in Kreuzberg. Durch das Handbuch will sie ihre eigenen Abenteuer im Dschungel der deutschen Bürokratie teilen, vom Umzug über den Auto- bis hin zum Wohnungskauf. „Im Vergleich zu Italien läuft hier alles glatt“, sagt Buttazzi, der seit 2006 in Berlin als literarischer Übersetzer arbeitet. „Jedenfalls, wenn man die Formulare korrekt ausfüllt!“ Der 38-Jährige lacht, weiß er doch zu gut, dass viele seiner Landsleute vor den ellenlangen An-, Um- und Abmeldebögen kapitulieren.

Berlin ist „povera ma sexy“

Die Autoren wollen vor allem mit den Illusionen der Ankommenden aufräumen. „Viele Italiener erreichen Berlin mit denselben Erwartungen wie jene Auswanderer, die vor 100 Jahren in New York, auf Ellis Island, anlegten“, schreiben sie. „Wir wollen euch nicht enttäuschen, aber Berlin ist nicht das Gelobte Land.“ Viele kämen mit der Idee, sofort ein gut bezahltes, unbefristetes Angestelltenverhältnis antreten oder problemlos Hartz IV beantragen und eine billige Wohnung beziehen zu können. Stattdessen biete die Stadt vor allem eine breite Palette an Kurz- oder Teilzeitjobs, vor allem in der Gastronomie oder in Start-ups, günstige Wohnungen würden immer seltener und „Hartz IV ist kein Ponyhof“. Schließlich sei Berlin „povera ma sexy“ – arm, aber sexy.

„Wir haben das Buch aus einer italienischen Perspektive geschrieben“, erklärt Di Cagno. „Wir wissen, wie sich Italiener in bestimmten Situationen verhalten. Deshalb gibt das Buch nicht nur praktische Hinweise, sondern auch Tipps zum Umgang mit der deutschen, der Berliner Mentalität.“ Oft verhalte man sich unbewusst unangemessen und ziehe den Zorn der Mitbürger auf sich. Oder fühle sich, andersherum, vor den Kopf gestoßen. „Dann hast du die Berliner Schnauze nicht kapiert!“ Gewisse Unterschiede müsse man kennen, um hier nicht in einer Parallelgesellschaft zu leben.

In sieben Kapiteln handeln die beiden Wahlberliner all die Schritte und Hürden ab, die Neuberliner in Angriff zu nehmen haben. Die sehr praktisch gehaltenen Texte zur Anmeldung beim Bürgeramt, zur Wahl einer Krankenkasse oder zum Abschluss eines Mietvertrags rundet ein Anhang mit allen möglichen vorausgefüllten Formularen ab. Kleine Alltagsexkurse, die über mentalitätsbedingte Kuriositäten aufklären und vor dem Tritt ins Fettnäpfchen bewahren sollen, lockern die Erklärungen auf. Dass man in Deutschland etwa beim Eintritt in eine Privatwohnung fragen sollte, ob man die Schuhe ausziehen muss, ist in Italien undenkbar. Die Erwartung, Trinkgeld zu geben, bezeichnen er und seine Co-Autorin gar als „einen der schmerzhaftesten und unverständlichsten Kulturschocks für Italiener in Deutschland“. Trinkgeld ist in Italien eher unüblich.

Doktor ist nicht gleich Doktor

Oder die leidigen Tapeten – als „osceno“, irgendwie widerlich, bezeichnen die Autoren gar die noch immer häufig anzutreffende Variante mit „integrierten Sägespänen“, wie sie die Raufaser nennen. „Sie soll die Wände von Kälte und Feuchtigkeit isolieren – und isoliert sie für uns auch von jeder Ästhetik“, kritisieren die Autoren. Auch raten die Experten, den in Italien zu jedem Uni-Abschluss mitgelieferten Titel „Dottore“ hierzulande sparsam einzusetzen – er sei mit dem deutschen „Dr.“ nicht zu vergleichen. „Merkt euch: Für einen vorgetäuschten Doktortitel mussten schon einige Politiker zurücktreten“, warnt das Büchlein. Südlich des Brenners, wo sich selbst Staatsoberhäupter noch ganz andere Schnitzer erlauben können, unvorstellbar.

Ein eigenes Unterkapitel ist dem Verkehr in der Hauptstadt gewidmet und wie viele Unwägbarkeiten er für römische oder neapolitanische Autofahrer bereithält! Radfahrer haben immer recht, der Halt am Zebrastreifen ist nicht etwa freiwillig und sollte man es wagen, in Anwesenheit von Kindern die Straße bei Rot zu überqueren, wird man den Zorn der Eltern zumindest verbal zu spüren bekommen. Auch bei Heimwehattacken wissen Buttazzi und Di Cagno Mittel: Der Radiosender Funkhaus Europa sendet jeden Tag für eine Stunde als „Radio Colonia“ auf Italienisch.

Gabriella Di Cagno fühlt sich in Berlin wohl, doch für immer will sie dennoch nicht hierbleiben. Aber auch nach Italien wird sie vorerst nicht zurückgehen. „Das Chaos dort halte ich mittlerweile nicht mehr aus, ich habe das Gefühl, es ist in den letzten Jahren schlimmer geworden“, sagt sie. Nachdenklich nippt sie an ihrem Tee. „Allerdings weiß ich nicht, wer sich mehr verändert hat – Italien oder ich.“

Tutti a Berlino. Guida pratica per italiani in fuga. Simone Buttazi und Gabriella Di Cagno. Quodlibet, September 2014. 207 Seiten, 12 Euro.