Sexueller Missbrauch

Charité startet Präventionsprojekt für pädophile Jugendliche

Seit 2005 bietet die Berliner Charité mit dem Projekt „Kein Täter werden“ Hilfe für Erwachsene mit pädophilen Neigungen. Nun startet die Charité ein Präventionsangebot für Jugendliche.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist ein gesellschaftliches Problem, dem von vielen Seiten begegnet werden muss. Sie findet mitten in der Gesellschaft statt und wird keineswegs nur von Erwachsenen ausgeübt. Auch Jugendliche können zu Tätern werden, denn pädophile Neigungen treten meist schon in der Pubertät auf. Der Zugang zu Kindern ist einfach, Konsequenzen gibt es selten. Wie oft es zu sexuellen Übergriffen von Jugendlichen auf Kinder kommt, liegt im Dunkeln, sagt Professor Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité.

Dass spätere erwachsene Straftäter schon in der Jugend mit ihren Neigungen zu kämpfen hatten und damit allein blieben und sie häufig auch schon ausgelebt hätten, habe sich bei dem Präventionsprojekt „Kein Täter werden“, das die Charité seit 2005 für erwachsene Betroffene anbietet, immer wieder gezeigt. Dieses Wissen fließe nun in ein neues Projekt ein, das Beier am Mittwoch gemeinsam mit seinem Kooperationspartner Tobias Hellenschmidt von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychosomatik des Vivantes Klinikums am Friedrichshain sowie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) vorgestellt hat.

Soziales Umfeld mit einbezogen

Das Projekt „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche“ (PPJ) richtet sich an Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren, deren sexuelle Fantasien und Verhaltensweisen auf Kinder gerichtet sind und auf pädophile Neigungen hinweisen. Mit gründlicher Diagnostik und einem begleitenden interdisziplinären Therapieangebot sollen die Jugendlichen früh in ihrer Entwicklung darin unterstützt werden, diese Impulse zu bewältigen und zu kontrollieren. Dabei sollen das soziale Umfeld und die Eltern einbezogen werden, bei denen sich eine große Hilflosigkeit bei dem Thema zeige. Auch der Kinderschutzbund mit seinem Netzwerk von Ortsverbänden und seinem Notfalltelefon ist mit im Boot. „Die Behandlung von potenziellen Tätern soll dazu beitragen, Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen“, sagte auch Schwesig, die das auf drei Jahre angelegte Projekt mit 676.000 Euro unterstützt. Therapie sei der beste Opferschutz.

Für die Ministerin ist das PPJ ein Baustein in einer Reihe von Maßnahmen, die zum besseren Schutz von Kindern beitragen sollen. Dazu gehörten ein starkes Strafrecht und konsequente Strafverfolgung, aber eben auch Präventionsprogramme.

Die Wissenschaftler haben ihre Zielgruppe klar definiert. „Unter sexuellen Straftätern finden wir zwei Gruppen“, so Beier. Die erste Gruppe zeige eine „sexuelle Präferenzbesonderheit auf das kindliche Körperschema“, also eine pädophile Neigung. Eine Störung, die bei etwa einem Prozent aller Männer vorkomme, deren Ursachen jedoch nicht erforscht seien. Die zweite Gruppe zeige diese Störung nicht – hier seien die Ursachen an anderer Stelle zu suchen. Beier und Hellenschmidt konzentrieren sich in ihrer Arbeit auf die erste Gruppe. Sie sei für etwa 40 Prozent aller Sexualdelikte gegen Kinder verantwortlich, habe die höchste Rückfallquote und einen hohen Leidensdruck, so Beier.

Neuland für die Wissenschaftler

Die Wissenschaftler betreten Neuland mit dieser Arbeit, es gibt bisher keinen vergleichbaren Präventionsansatz – weder national noch international, sagt Beier. Deshalb ist PPJ gleichzeitig ein Hilfsangebot für betroffene Jugendliche und ein Forschungsgebiet für die Mediziner. Einige Erfahrungen haben sie indes schon gesammelt. Beim Projekt „Kein Täter werden“ hätten sich jährlich etwa zehn hilfesuchende Jugendliche gemeldet, was dazu führte, dass es 2013 ein Pilotprojekt mit 20 männlichen Jugendlichen gab, die zur Hälfte über die Charité und zur Hälfte über die Vivantes Klinik kamen. Die Hälfte von ihnen war bereits im Dunkelfeld auffällig geworden, fünf hatten Kinderpornografie genutzt. „Ganz häufig treten zusätzliche behandlungsbedürftige psychische Störungen auf“, begründet Tobias Hellenschmidt die Zusammenarbeit.

Auch der Blick auf die Entwicklung der Jugendlichen sei extrem wichtig. Hier sei eine Behandlung und Begleitung in psychotherapeutischem Kontext sinnvoll. Die Arbeit bewege sich in einem Schnittstellenbereich, in dem auch die Vernetzung mit Jugendämtern, Schulen und Jugendeinrichtungen helfe. „Wir erforschen hier gemeinsam, wie wir den individuellen Leidensdruck mindern können, und erhoffen uns mehr Wissen darüber, wie sich diese sexuellen Präferenzen entwickeln“, so Hellenschmidt und Beier.

Vertraulichkeit ist zugesichert

Um die Jugendlichen zu erreichen, wählen sie eine direkte Ansprache in der Umgebung, in der sie ihre Zielgruppe am ehesten vermuten, dem Internet. Werbetafeln wird es nicht geben. Gemeinsam mit der Werbeagentur Scholz & Friends haben sie die Internetseite „Du träumst von ihnen“ (www.du-traeumst-von-ihnen.de) entwickelt. In einfachen Sätzen und klarer Grafik wird hier die Verwirrung der Jugendlichen ernst genommen und unter Zusicherung von Vertraulichkeit Hilfe angeboten. Die Kernbotschaft ist klar: „Niemand ist verantwortlich für seine Gefühle, sehr wohl aber für sein Verhalten. Gefühle kann man nicht erlernen oder steuern, Verhalten schon.“ Am kommenden Montag wird unter der Nummer 450-529529 auch ein direkter Telefonkontakt zum Projekt geschaltet.

Wie viele Jugendliche in Berlin mit pädophilen Neigungen kämpfen, kann Beier nur schätzen. „Etwa ein Prozent der Männer weisen diese Neigung auf, und wenn man bedenkt, dass es in Berlin etwa 80.000 Jugendliche in dieser Altersgruppe gibt, hätten wir rechnerisch etwa 800 Betroffene, die wir erreichen sollten.“ Die vom Bund bis März 2017 bereitgestellten Mittel würden für etwa 100 Therapieplätze ausreichen. Diese Arbeit sei sehr personalintensiv, sagt Beier. Allein die Diagnostik liefe über einige Wochen, die anschließende Einzeltherapie sei auf etwa ein Jahr ausgelegt.

Eine Möglichkeit, die sexuelle Ansprechbarkeit auf das kindliche Körperschema zu heilen, ist bisher nicht bekannt, sagen die Wissenschaftler. Hilfestellungen im Alltag, die den Umgang damit überhaupt ermöglichen, ohne dass es zu Gewalttaten kommt, gebe es jedoch sehr wohl. Das habe das Projekt „Kein Täter werden“ gezeigt.