Terrorprävention

Ein Berliner Polizist auf Hilfseinsatz in Afghanistan

Der Polizist Gary Menzel ist für zwei Jahre nach Kabul gegangen, um Sicherheitskräfte auszubilden. Die Bedingungen waren nicht angenehm, aber der Familienvater hat einiges aus dieser Zeit mitgenommen.

Foto: Privat / Gary Menzel

Die meisten seiner Freunde hätten ihm Mut zugesprochen, sagt Gary Menzel. Einige hätten ihm aber auch abgeraten. „Du hast wohl ein Rad ab“, habe ein Kollege ihn angefahren. Denn nach Afghanistan zu fahren, in jenes Land, über das Zeitungen meist berichten, wenn wieder eine Bombe hochgegangen ist, sei „viel zu gefährlich“.

Gary Menzel ging trotzdem. Bis zu jenem 4. April 2010 hatte der Vater zweier erwachsener Kinder den Polizeiabschnitt rund um das Kottbusser Tor in Kreuzberg geleitet. Er hatte sich einen Namen gemacht, weil er im Umgang mit kriminellen Jugendlichen aus Einwandererfamilien neue Wege ging, etwa mit dem mehrfach ausgezeichneten Präventionsprojekt „Stopp Tokat“.

Ausbildung afghanischer Polizisten

Nun wollte der damals 53-Jährige im Rahmen einer zivilen Mission der Europäischen Union (EUPOL) afghanische Polizisten ausbilden. Zwei Jahre verbrachte er in der Hauptstadt Kabul. Dienstreisen führten ihn auch nach Kundus, Mazar-i-Sharif oder Faisabad.

Menzel zeigt Fotos aus seinem damaligen Dienstort: Zehnjährige, die 15 Kilogramm schwere Wassercontainer schleppen, um ihre Familien über die Runden zu bringen. Ein abgewrackter Russen-Panzer, der auf einer Müllhalde mitten in einem „Villenviertel“ steht.

Überall Ruinen von Wohnhäusern, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in einem der zahllosen Kriege zerstört wurden. „Es gab auch kein Abwassersystem und kaum Strom“, sagt Menzel. Der Kiez am Kottbusser Tor sei dagegen ein „beschauliches Eckchen“ gewesen.

20 Kilo schwere Schutzweste

Nein, einfach war der Auslandseinsatz nicht. Und dennoch sagt Menzel, knapp zweieinhalb Jahre nach seiner Rückkehr nach Berlin: „Ich habe die Entscheidung, nach Afghanistan zu gehen, keinen einzigen Tag bereut.“

Dabei schienen die Bedingungen nicht gerade einladend. Keine drei Wochen nach seiner Ankunft hörte Menzel, wie in unmittelbarer Nähe von ihm Granaten einschlugen. Wenig später ließ ihn, als er sein Büro verließ, ein dumpfer Knall erschaudern.

Ein Selbstmordattentäter hatte einige Dutzend Menschen mit in den Tod gerissen. Angst habe er trotzdem nicht gehabt. Die Sicherheitsvorkehrungen seien sehr streng gewesen. „Wir haben eine 20 Kilogramm schwere Schutzweste getragen und durften sowieso nur selten unsere gepanzerten Fahrzeuge verlassen.“

Gern wäre er einfach mal ausgestiegen, um direkt mit den Menschen auf der Straße zu sprechen, sagt Menzel. Für seinen Job wäre das hilfreich gewesen. Denn gemeinsam mit den 400 weiteren Mitarbeitern aus 27 Ländern sollte er den einheimischen Sicherheitskräften eine „bürgernahe Polizeiarbeit“ vermitteln. „Die Idee war, zunächst einen Musterdistrikt in Kabul perfekt auszustatten und auszubilden und dieses System auf möglichst weite Teile des Landes zu übertragen“, sagt Menzel.

Die Polizei würde niemand zu Hilfe rufen

Leicht war das nicht. Denn die afghanischen Polizisten wurden eher als verkappte Soldaten wahrgenommen – und so sahen sie sich auch selbst. Sie patrouillierten mit Kalaschnikows an Kontrollposten, um Terroristen daran zu hindern, Sprengstoff in die Innenstadt zu bringen.

„Das war bei der angespannten Sicherheitslage ja auch wichtig“, sagt Menzel. „Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, bei einem Problem die Polizei zu Hilfe zu rufen.“ Denn die Bevölkerung habe Angst vor den Uniformierten gehabt. Zudem habe es damals keine zentrale Notrufnummer gegeben.

Aus Berlin war Menzel es zudem gewohnt, dass es für jede erdenkliche Situation eine detaillierte Ausführungsvorschrift gibt. In Afghanistan hätten die Polizisten dagegen auf Grundlage des Koran oder der Einschätzung des örtlichen Imam gehandelt.

Verletzte Frauen darf ein männlicher Polizist nicht berühren

Oft sei auch das „Paschtun-Wali“, das überlieferte Stammesrecht, die „gesetzliche Grundlage“ gewesen. Was das bedeutete, spürten Menzel und seine Kollegen praktisch jeden Tag – etwa bei einem Verkehrsunfall.

Ein männlicher Polizist dürfe einer Frau dabei nicht ohne Weiteres Erste Hilfe leisten. Denn dafür müsste er sie anfassen – und die meisten Afghanen würden das als unzulässige Verletzung ihrer Ehre ansehen. „Da ist es auch egal, wie schwer die Frau blutet“, sagt Menzel.

Denn wenn Gott wolle, dass sie stirbt, so sähen es viele Afghanen, dann sei das eben so. Ob es ihm schwer gefallen sei, diese Art von Tradition zu akzeptieren? Menzel: „Wir waren Teilnehmer einer Polizei-Mission, aber wir waren keine Missionare.“ „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ – auch diese in Afghanistan verbreitete Weisheit habe die Ausbildung erschwert.

Korruption und Selbstbedienungsmentalität

Zu einer Sitzung zwei Stunden zu spät zu kommen, sei üblich gewesen. „Manchmal waren es aber auch zwei Tage“, so Menzel. Auch Korruption und eine ausgeprägte Selbstbedienungsmentalität sei an der Tagesordnung gewesen.

So habe ein Polizeiführer Mitarbeiter aufgefordert, ihm ihre Gehälter auszuhändigen. Sie würden in der Polizeiwache schon kostenlos übernachten, das müsse genügen.

Ob die Mission für Afghanistan etwas gebracht habe? „Ich denke schon“, sagt Menzel. Die Polizisten verfügten jetzt über eine bessere Ausstattung und in jedem Jahr würden rund 1000 neue Polizisten geschult. „Was sie lernen, wird sich in der alltäglichen Polizeiarbeit niederschlagen.“

Die Polizei habe behördenintern auch einheitliche Verfahrensregeln erlassen. Bis diese in allen Landesteilen befolgt würden, könne aber noch einige Zeit vergehen. Die Kommunikationswege seien sehr eingeschränkt. Amtliche Behördenrundschreiben, an die sich alle halten, seien in Afghanistan nicht üblich.

Hoch geschätzte Arbeit

Menzels Arbeit wurde in Afghanistan hoch geschätzt. Nach einem Jahr wurde der Berliner zum Leiter des Polizeibereichs der EUPOL-Mission befördert. Nach seiner Rückkehr nach Berlin leitete er zunächst einen Polizeiabschnitt in Tegel. Seit einer Woche steht er dem Bereich Fortbildung der Landespolizeischule vor.

Ob ihm seine Afghanistan-Erfahrungen helfen können? „Ich weiß jetzt, auf welch unglaublich hohem Stand die Polizei in Berlin arbeitet“, sagt Menzel. „Ich schaffe es jetzt noch besser, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und mit anderen Mentalitäten umzugehen.“ Diese Fähigkeit würde er seinen Kollegen gern weitergeben.