Neue Nutzung

In Cottbus wird eine Kirche zur Synagoge umgewidmet

In Potsdam streitet man sich über den Bau einer Synagoge, die Stadt hat ihr Bauvorhaben gestoppt. In Cottbus hingegen entsteht das erste jüdische Gotteshaus – in einer ehemaligen Kirche.

Foto: Rainer Weisflog / Weisflog

Seit Jahren wird in Potsdam über einen Nachfolgebau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Synagoge gestritten. In der Lausitz ist man bei diesem Thema bereits einen Schritt weiter. In Cottbus wird an diesem Sonntag von der evangelischen St. Nikolaigemeinde die Schlosskirche entwidmet. Käufer des Gebäudes ist, mit Hilfe des Landes Brandenburg, die Jüdische Gemeinde Cottbus, die daraus die erste Synagoge im Land Brandenburg seit dem Holocaust machen will.

Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD), der an der Feier zur Entwidmung teilnehmen wird, sagte, dass Cottbus nun ein jüdisches Gotteshaus bekomme, sei „eine historische Zäsur für das ganze Land“. Das Haus sei ein „Zeichen für die Offenheit der jüdischen Gemeinde in Cottbus und gleichermaßen Symbol für das gute Miteinander der Religionen“.

Synagoge 1938 zerstört

Die Schlosskirche, die auf eine 300-jährige Geschichte zurückblickt, hat für die Cottbuser eine große Bedeutung. Dass die Stadt eine Synagoge bekommt, nachdem das alte jüdische Gebetshaus Opfer der Novemberpogrome 1938 geworden war, und die jüdische Gemeinde damit eine neue Heimat findet, begrüßen viele Bürger. 400 Mitglieder hat die 1998 wieder gegründete Gemeinde mittlerweile.

Nachdem in Potsdam erst kürzlich ein Baustopp für die dortige Synagoge verkündet worden war, kommt in Cottbus Zustimmung, freudiges Kopfnicken und Beifall aus allen politischen Richtungen. Das Projekt steht für vorbildliche interreligiöse Zusammenarbeit.

Wenn der gerade erst aus der Partei „Die Linke“ ausgetretene und seither parteilose Landtagsabgeordnete Jürgen Maresch über das weiße, erhabene Gebäude spricht, dann geht seine sonst sehr dunkle Stimme etwas in die Höhe. Worte wie „historische Bedeutung“ oder „Symbol der Stadt“ fallen. Und dann wird aus dem Schwärmen über die Schlosskirche plötzlich Trauer. Maresch fragt: „Muss es ausgerechnet diese Kirche sein, können wir nicht von dem Geld eine Synagoge bauen oder ein anderes Gebäude kaufen?“

Einwohner fürchten, dass ein Stück Stadtgeschichte verloren geht. Allerdings: Zu den Vereinbarungen der Übernahme gehört, dass die Gemeinde die Ausstellung über die Geschichte des Hauses weiter zugänglich macht und das Haus auch weiter öffentlich zugänglich ist.

Rückzahlung von Fördergeld

Auch ein Blick in die Finanzierung wirft Fragen auf. Dabei geht es unter anderem um die Sanierung der ehemals von Hugenotten errichteten Schlosskirche im Jahre 2003, für die auch öffentliche Gelder geflossen waren. Darüber, wie lange die mit den Fördermitteln verbundene Verpflichtung der Kirche währt, das Gotteshaus für öffentliche Zwecke zu nutzen, gibt es unterschiedliche Darstellungen.

Von dieser Frage hängt es ab, ob eine Rückzahlung von Fördergeld fällig wird oder nicht. „Es bleibt ein Geschmack bei der Sache“, sagt Jens Lipsdorf (FDP), der im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Potsdamer Landtages sitzt. Aber die jetzige Lösung sei auch eine Chance und besser, als wenn die Kirche verkomme, fügt er hinzu.

Das aktuelle Finanzierungsthema scheint ebenfalls ein heikles zu sein. Die Jüdische Gemeinde wird bei dem Kauf mit 582.000 Euro vom Land Brandenburg unterstützt. Ob es sich hierbei um den gesamten Kaufpreis handelt, ist nicht bekannt. Die evangelische Kirche wird vom Land jährlich mit sogenannten Staatsleistungen in Höhe von mehr als zehn Millionen Euro gefördert, eine Leistung, die sich auf das Staatskirchenrecht gründet. Bei vielen Cottbusern drängte sich die Frage auf, ob die Mittel nicht für den Kauf eines anderen Gebäudes als der Schlosskirche hätten genutzt werden können.

In der letzten Landtagssitzung vor der Sommerpause wollte Jürgen Maresch, damals noch Abgeordneter der Linken, eine mündliche Anfrage betreffend den Kauf des Sakralbaus und dessen Finanzierung stellen. Seine eigene Partei stoppte ihn. Man verbiete keinem Abgeordneten, Fragen zu stellen, teilt die Linke auf Nachfrage mit. Diese Anfrage habe aber „formale Fehler“ enthalten.

Die Kirchenpolitik der Gemeinde verwundert

Die Kirchenpolitik in der Nikolaigemeinde sorgt bei einigen Cottbusern schon länger für Verwunderung. Vor einigen Jahren verkaufte diese das ehemalige Gemeindehaus der Bodelschwingh-Gemeinde, die 1995 eingemeindet worden war. Gläubige warfen den Verantwortlichen später vor, sie hätten mit dem Erlös die große Oberkirche in Cottbus saniert. Wie diese tatsächlich bezahlt wurde, dazu gibt es von Kirchenseite keine genaue Auskunft. Letztlich zog in das Bodelschwingh-Gemeindehaus eine Pizzeria.

Auch Christiane Dietrichs war damals von der Auflösung betroffen. Die 66-Jährige war Mitglied im Gemeindekirchenrat, trat aber nach dem Verkauf des Gemeindehauses aus der Kirche aus. Dietrichs wirft der Kirche unseriöse Immobilienwirtschaft vor. Sie sagt, es sei schwierig, Kritik zu äußern, viele Cottbuser hätten davor Angst. Das bestätigt Jürgen Maresch: „Wenn du was sagst, bist du ein blöder Nazi.“ Dabei ist es ihm wichtig zu betonen, dass es nicht um die Errichtung einer Synagoge im Allgemeinen gehe. Das sei wichtig. „Auch mitten in der Innenstadt“, sagt Maresch.

Die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Cottbus, Ulrike Menzel, weist die Vorwürfe undurchsichtiger Finanzen zurück. Kirchliche Gebäude würden nicht leichtfertig verkauft, sagte Menzel. Es sei immer ein intensiver Abwägungsprozess notwendig. Die Genehmigungen seien Diskussionsgegenstand auf allen kirchlichen Ebenen.

In Cottbus würden Falschinformationen und Verleumdungen verbreitet. „Eine Synagoge als öffentlicher Raum für Gottesdienste ist ein weiterer Baustein zur Integration der Jüdischen Gemeinde in das gesellschaftliche Leben“, sagt Menzel. An diesem Punkt findet sie breite Zustimmung, auch die der Kritiker.